2012 in review

Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.

Hier ist ein Auszug:

600 Personen haben 2012 den Gipfel des Mount Everest erreicht. Dieser Blog hat 2012 über 2.600 Aufrufe bekommen. Hätte jede Person, die den Gipfel des Mount Everest erreicht hat, diesen Blog aufgerufen, würde es 4 Jahre dauern, um so viele Aufrufe zu erhalten.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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Hallo! Hoffentlich bald!

Hallo!

Eine kurze Meldung für alle Interessierten am Algarvekrimi-Blog.

Es gibt einen Verlag aus dem Rheinland, der sowohl gut aufgestellt ist als auch ernsthaftes Interesse an unserer Geschichte zu haben scheint.

Jetzt müssen wir die letzten 1xx-Seiten schnell – aber gründlich – zu Ende schreiben, damit  “Wutentbrannt” in überschaubarer Zeit zwischen Buchdeckeln das Licht der Welt erblicken kann.

WIR STRENGEN UNS AN!!!!

Hoffentlich bald Neues von der “Verlagsfront” in diesem Blog!

Christoph Höver und Franz Bludau

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Vorerst der letzte Text online!!

Liebe Besucher des Algarvekrimi-Blogs!

Mit der Veröffentlichung des Kapitels 13 stellen wir vorerst die Online-Veröffentlich von “Wutentbrannt” ein.

Der Grund, dass wir die restlichen 200 Seiten für uns behalten ist purer Egoismus:

Zum einen möchten wir unsere Chancen, einen geeigneten Buchverlag für diesen – und die nachfolgenden – Algarvekrimis zu finden, nicht durch eine zu umfangreiche Vorab-Veröffentlichung belasten,

zum anderen haben wir es hoffentlich bis jetzt geschafft, Ihr Interesse zu wecken. Bis das Buch endlich auf dem Markt ist.

Und außerdem ist so wenig an Kritik und Korrekturen zu uns zurück gekommen, dass wir – arrogant wie wir sind – glauben, die Region und ihre Strukturen gut getroffen zu haben.

Sobald das Buch auf dem Markt ist werden wir natürlich auf diesem Blog und allen anderen üblichen Wegen darüber informieren.

Wir danken allen für ihr Interesse!

Christoph Höver und Franz Bludau

christoph.hover@iol.pt

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Kapitel 13

13

Mosqueiro, 16. Juli, abends

Nach dem Abendessen zog sich Adelina früh ins Schlafzimmer zurück, nachdem sie der Katzenmutter ihre energisch eingeforderte Ration gegeben hatte und mit einem heftigen Fauchen auf ihre ausgestreckte Hand bedankt wurde. Kajo schaltete währenddessen in seiner „Bürokoje“ den frisch reparierten Laptop an und öffnete nach den obligatorischen vier Minuten Wartezeit sein E-Mail Programm.
Der Posteingangsordner quoll über. Er befreite ihn von allen Vorschlägen zur Penisverlängerung, Angeboten für rezeptfreie Potenzmittel, superbillige Software aus fragwürdigen Quellen, unseriösen Arbeitsangeboten und exotischen Finanzofferten.
Übrig blieben ganze sieben Nachrichten, die er seiner Aufmerksamkeit für Wert erachtete. Zwei englischsprachige stammten von ihrer Versicherungsagentur, die daran erinnerte, dass die Beitragszahlungen der Auto- und Gebäudeversicherung bald fällig waren, eine Mail lud zum Klassentreffen seiner Abiturklasse in Bergisch Gladbach ein. Er formulierte eine kurze Absage, denn diese rückwärtsgewandten Veranstaltungen voller unwichtiger Anekdoten aus der Penne interessierten ihn nicht. Und auf das angeberische Mein Haus, mein Boot, meine Pferde, meine Pferdepflegerinnen, das zu fortgeschrittener Stunde unweigerlich von den wirtschaftlich Erfolgreichen der Klasse auf den Tisch kam, konnte er auch gerne verzichten. Zwei Newsletter von Fluggesellschaften, eine Informationsschrift der EDP (Elektrizitätsgesellschaft) blieben für die spätere Prüfung im Ordner.
Zwei Nachrichten stammten von
Ente, seinem alten Kollegen Rainer Entemann. Ente war einer der wenigen, die nach Kajos Ausscheiden den Kontakt weiter aufrecht gehalten hatten. Der Spitzname bezog sich nicht nur auf seinen Nachnamen sondern mindestens ebenso auf sein Erscheinungsbild: Die mit ein Meter zweiundsiebzig eher geringe Körpergröße glich er durch ein breites Kreuz, Körperumfang und Oberarme eines Gewichtshebers aus. Die muskulösen Oberschenkel führten zu einem leicht watschelnden Gang. Als reiche das noch nicht, hatte er sein weniges verbliebenes Haupthaar nach hinten gekämmt und mit einem Gummiband zu einem Schwänzchen zusammengefasst, das im Rhythmus seiner Schritte neckisch wippte.
Die erste Mail war auf Anfang Juli datiert, gerade einen Tag nach seinem Rechnerausfall.
Ente erkundigte sich nach Kajos Gesundheit und fragte nach den Fortschritten beim Umbau des Hauses. Neben etwas Klatsch und Tratsch aus der Abteilung schickte er nur die guten Wünsche der alten Kollegen. Die zweite Mail war einen Tag zuvor angekommen und im Ton eher ernst.
Hallo Kajo! Ist alles in Ordnung mit dir? Ich habe auf meine letzte Mail keine Antwort aus deinem Dschungelcamp erhalten. Hier hört man von schweren Bränden bei euch. Melde dich bitte mal kurz. Wenn ihr Hilfe braucht, ich habe noch ein paar Tage Resturlaub. Ich kann in zwei Tagen da sein!

Dein Kumpel Ente
Kajo antwortete sofort und beruhigte seinen alten Freund. Er wusste, ohne eine schnelle Reaktion konnte es passieren, dass Ente sich umgehend auf den Weg machen würde, um ihn zu retten.
Seine Gedanken glitten in die Kölner Zeit zurück. Obwohl er gerade einmal ein gutes Jahr hier lebte, war ihm die Domstadt zur Vergangenheit geworden. Anfänglich hatte er noch gierig die Meldungen auf den Onlineseiten der Kölner Zeitungen verfolgt, aber sein Interesse war nach und nach eingeschlafen. Die Nachricht des Freundes weckte Erinnerungen und die Neugier, sich wieder einmal über das aktuelle Geschehen in der alten Heimat zu informieren. Er rief die Online-Ausgabe des
Kölner Express auf und stöberte durch die Meldungen.
Die zahlreichen Skandale der engen Verflechtung von Politik und Wirtschaft schienen jetzt Sommerpause zu haben. Er fand auf jeden Fall keine Artikel zu dem Neubau der Messehallen und der dubiosen Rolle des Oberbürgermeisters Schramma sowie der Privatbank Sal Oppenheim, nichts über die immer noch nicht abgeschlossenen Korruptionsverfahren gegen die frühere Partei- und Verwaltungsspitze der SPD-Genossen und ihrer CDU-Kollegen, die im System des
Kölschen Klüngels natürlich auch ein ordentliches Stück vom Kuchen abbekommen hatten. Die Affären schienen verreist. Zurückgeblieben waren, wie zu dieser Jahreszeit üblich, nur die zumeist abstrusen Vorschläge parlamentarischer Hinterbänkler, die das Mediensommerloch zu nutzen suchten, den Schritt ins Rampenlicht zu wagen.
Eine der wenigen Ausnahmen bildete eine Nachricht aus Schleswig-Holstein, mit der Überschrift
Toter Landtagsabgeordneter: Lolita-Syndrom?
Kajo scrollte weiter, zögerte kurz, rückte dann den Artikel erneut in sein Blickfeld. Er erinnerte sich vage an die Meldung gut ein Jahr zuvor, ein Landespolitiker habe sich aus unerfindlichen Gründen das Leben genommen. Nun schien der Fall eine Wendung zu erfahren.
Bevor Kajo sich dem Text widmete, ging er in die Küche und holte sich aus dem Kühlschrank eine Flasche Sagres. Er öffnete sie und trank noch im Stehen einen kräftigen Schluck. Bilder zogen an seinem inneren Auge vorbei. Er sah sich mit
Ente und Robert Tersteggen, einem Kollegen aus dem Sittendezernat, an einem rustikalen Tisch in einer Kneipe sitzen, jeder ein Kölsch vor sich, und wie so oft über ihre Arbeit lamentieren. Über die chronische Unterbesetzung, die Unzahl an Überstunden, die desaströse Bezahlung und nicht zuletzt ihren Frust, nicht einmal die Spitze des kriminellen Eisbergs bewältigen zu können. Einige Straftäter dingfest zu machen, denen Dutzende neue folgten. Andere zu überführen und ihnen, hämisch feixend, kurze Zeit später wieder zu begegnen, weil sie sich einen gerissenen Anwalt hatten leisten können. Die wachsende Skrupellosigkeit und Brutalität mit ansehen zu müssen und auszuhalten.
Kajo erinnerte sich noch sehr gut an den Abend, an dem Robert ihnen seinen letzten Einsatz schilderte. Wie sein Team nach monatelangen Ermittlungen gegen eine albanische Mädchenhändlerbande eine Modelwohnung in einem anonymen Hochhaus stürmte und dort drei jugendliche Prostituierte, fast noch Kinder, vorfand. Und deren – wie sich später herausstellte – gut situierte Freier, überwiegend Familienväter, die sich allein oder zu zweit an den Mädchen zu schaffen machten oder sich mit herunter gelassener Hose bedienen ließen.
Robert hatte von der Befragung der fünfzehnjährigen Tschechin berichtet, die von ihren Peinigern seit zwei Jahren durch halb Europa geschleppt wurde. Die schon in Chemnitz, in Straßburg, in Antwerpen, in Rotterdam gezwungen worden war, ihren Körper perversen Fantasien zu überlassen und nun, vor Roberts Augen in einem nüchternen Raum des Polizeipräsidiums, nur mehr eine seelenlose Hülle zu sein schien.
Kajo hörte wieder, wie die Stimme des Kollegen mitten im Erzählstrom brüchig wurde, seine Schultern zu zucken begannen und der Zwei-Meter-Mann sich vergeblich mühte, das aufkommende Schluchzen mit einem Kölsch zu ertränken. Der Fall war der Tropfen, der das Fass der Belastung zum Überlaufen gebracht hatte.
Ein, zwei Wochen später erfuhr Kajo, dass Robert Tersteggen auf unbestimmte Zeit krank geschrieben sei und sich in einer Therapie befand. Er ließ sich auf eigenen Wunsch ins Archiv versetzen. Mehrmals noch hatte Kajo den Kontakt zu ihm gesucht, war jedoch stets auf eine Abwehr alles Vergangenen gestoßen.
Lolita-Syndrom
, eine vor dem Hintergrund seines Erinnerungsbilds verzerrende, nahezu verharmlosende Begrifflichkeit, ging es Kajo durch den Kopf, als er mit der halb leeren Flasche Bier in der Hand zu seinem Laptop zurückkehrte. Alternativ und fachlicher auch als Parthenophilie bezeichnet. Die Liebe zu Jungfrauen. Liebe? Kajo schüttelte verständnislos den Kopf. Günstigstenfalls eine Vor-Liebe, gewiss eine gestörte, Kindfrauen zum Objekt der Begierde zu machen. Doch auch das schien ihm noch eine Beschönigung, wenn er an die schonungslosen Berichte seines ehemaligen Kollegen dachte. Denn daraus äußerte sich nichts anderes als das verrohte, geldgierige Hinwerfen von verboten jungem Fleisch vor die Mäuler und Schwänze schrankenlos Getriebener.
Ein unübersehbares Anzeichen von Dekadenz? Oder war die breite Veröffentlichung solchen Geschehens allein der globalen medialen Vernetzung geschuldet? Wo und wie gab sich der Drang zu erkennen, wenn er den Weg an die Oberfläche gefunden hatte? In einer noch durch ein diffuses Verlangen gesteuerten Berührung? In einer Umarmung, die eine Sekunde zu lange dauert? Im wiederholten Spiegel-Blick von Silvias Betreuer Jakob auf ihre entb lößten, knospenden Brüste? In einer Einladung zu einer Party in einem Ferienhaus? In verlockenden Geschenken?
Kajo setzte sich vor seinen Laptop und war einen Moment unschlüssig, ob er sich weiter mit dem Artikel befassen sollte. Bis er sich bewusst machte, ihn lesen zu wollen. Er klickte auf den Button Volltext.

Toter Landtagsabgeordneter: Lolita-Syndrom?

War der Tod des schleswig-holsteinischen Landtagsabgeordneten Hanno Breidsched doch kein Selbstmord? Wie die Kieler Polizei gestern auf einer Pressekonferenz bekannt gab, sind neue Hinweise aufgetaucht, nach denen ein Fremdverschulden nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Der CDU-Politiker war am 18. Mai 2007 tot in seiner Kieler Villa aufgefunden worden. Die Todesumstände sowie ein Abschiedsbrief legten damals einen Suizid nahe.
Jetzt meldete sich ein Zeuge, der sich in den vergangenen Monaten im Ausland aufgehalten hatte. Er will in der Nacht des fraglichen Tages eine dunkel gekleidete Person mittlerer Größe auf dem Grundstück der Villa beobachtet haben. Ob die Person in direktem Zusammenhang mit dem Tod des Politikers steht, lässt sich nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht beantworten. Zur Klärung des Sachstands bittet die Polizei die Bevölkerung um ihre Mithilfe.
Wie der EXPRESS zudem erfuhr, sind auf dem Computer des Toten zahlreiche pornografische Bilder und Videos – überwiegend mit minderjährigen Mädchen – gefunden worden. </
Der Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion erklärte dazu, dass diese Dateien vermutlich im Rahmen der Arbeit über neue Gesetzesinitiativen gegen Jugend- und Kinderpornografie im Netz auf den Computer geladen worden seien. Wörtlich sagte er: „Es ist unglaublich, wie eine übereifrige Staatsanwaltschaft aus Geltungssucht versucht, den guten Ruf und das Andenken unseres verstorbenen Kollegen Breidsched zu untergraben. Wir hoffen, dass diesem Spuk bald ein Ende gemacht wird!“

Abstreiten, rechtfertigen, austeilen. Kajo schnaubte verächtlich. Zu oft war er in seiner Arbeit bei Unternehmen, Parteien und sonstigen Institutionen der Strategie begegnet, das Abwenden eines möglichen Imageschadens höher zu bewerten als die Wahrheitsfindung. Er gab den Namen des Abgeordneten in seine Suchmaschine ein, um weitere Hintergrundinformationen zu erhalten. Umfassend schien der aktuelle Bericht der Kieler Nachrichten zu sein, der auch in einem Kasten eine biografische Rückschau des Politikers bot.
Als Jüngster von drei Brüdern 1948 geboren, machte er 1968 das Abitur in Lübeck, studierte in Hamburg und Kiel Betriebswirtschaft, wo er sich als Sprecher der CDU-nahen Studentenorganisation RCDS hervortat. Nach dem Examen machte er Karriere bei den Kieler Stadtwerken und ging in die Kommunalpolitik. Aus seiner 1975 geschlossenen und 1990 geschiedenen Ehe hinterließ er zwei Töchter.
1992 wechselte er in den Kieler Landtag und wurde wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Er war als Wirtschaftsminister im Schattenkabinett der damals oppositionellen Christdemokraten im Gespräch. Als seine Partei 2005 unter Peter-Harry Carstensen die Landesregierung von Heide Simonis übernahm, wurde sein innerparteilicher Rivale Dietrich Austermann aus Berlin zurückgeholt und übernahm das Wirtschaftsressort. Gerüchten zufolge hatte es – nicht näher bekannt gewordene – Unstimmigkeiten mit dem Ministerpräsidenten gegeben.
In den Folgejahren blieb Hanno Breidsched wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.
Sein Freitod Mitte Mai 2007 – kurz nach der Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz – kam für sein gesamtes privates und politisches Umfeld überraschend, vor allem, da trotz der ihm nachgesagten Nähe zur Energiewirtschaft seine gesamten Laufbahn ohne Skandale war.
Darüber hinaus ging der Artikel noch einmal auf die bisherigen Ermittlungsergebnisse und die jüngste Entwicklung ein. Die Herkunft der Medikamente, die mit Whisky zu einem Cocktail gemixt zu seinem Tod geführt hatten, war immer noch nicht ermittelt. Keiner seiner Ärzte hatte sie verschrieben. Es ist aber bekannt, dass solche Rezepturen und Mittel für den Freitod unschwer über das Internet zu besorgen sind. Allerdings fand man weder auf seinem Bürocomputer noch auf seinem privaten Laptop entsprechende Dateien oder Suchbefehle. Aber schließlich gab es genügend andere Möglichkeiten, sich in Internetcafés oder bei Bekannten unbemerkt die nötigen Informationen zu beschaffen.
Die Spurensicherung hatte auf dem Glas ausschließlich Breidscheds Fingerabdrücke gefunden sowie in der Wohnung keine Auffälligkeiten entdeckt, die Anlass zu weiter gehenden Ermittlungen gegeben hätten. Die Fremdabdrücke, die sichergestellt worden waren, gehörten zum engen persönlichen Umfeld. Nach Überprüfung der Alibis aller betreffenden Personen konnte deren Beteiligung am Tod von Hanno Breidsched mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Der Text des Abschiedsbriefes mit der kryptischen Entschuldigung
Es tut mir leid löste zahlreiche Spekulationen aus. Letztendlich einigte sich die Presse auf eine Depressionserkrankung als Ursache. Überraschend nun die Wende durch die neue Erkenntnis, mit der die Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit trat.
Kajo überflog nur noch die Vielzahl ähnlicher Meldungen anderer Zeitungen. Die Pressekonferenz, mehr als ein Jahr nach der Beisetzung, trat eine neue Welle von Spekulationen los, vor allem über das Privatleben des Politikers. Ein Boulevardblatt sah sogar Parallelen zur Barschel-Affäre. Unmittelbar vor Beginn der Sommerferien bot sich der Presse ein ergiebiges Thema: die Zutaten Politik, möglicher Mord, Kinderpornografie und ein später Zeuge versprachen in Zeiten, in denen die Printmedien zunehmend unter der Konkurrenz des Internets litten, ertragreiche Auflagensteigerungen.
Alle Zeitungen im Norden widmeten dem Thema ganze Seiten, wobei die Frage nach den – nicht näher erläuterten – Gründen für den Verdacht der Staatsanwaltschaft bezüglich eines möglichen Fremdverschuldens wie auch ein genauerer Blick auf das Privatleben im Vordergrund standen. Über eine Beziehung des Abgeordneten war nichts bekannt, wenngleich ihm gelegentlich ein Verhältnis mit seiner Sekretärin nachgesagt worden war. Die Öffentlichkeit kannte ihn als fröhlich und feierfreudig, aber auch in der Hinsicht war nichts über Entgleisungen nach außen gedrungen.
Die der Regierung nahe stehenden Medien übernahmen die Version des Pressesprechers, nach der die auf dem Computer des Politikers entdeckten Dateien allein in Zusammenhang mit seinem beruflichen Engagement zu sehen seien.
Regierungskritische Zeitungen hinterfragten, welche Aufgaben im Wirtschaftsausschuss solcherlei Recherchen rechtfertigen könnten. Mit konkreten Verdächtigungen hielten sich jedoch alle zurück.
Mit einem galligen Geschmack im Mund verließ Kajo die Seiten der Suchmaschine. Erschöpfung machte sich in ihm breit. Irgendwann einmal, hoffte er, würde er die Menschen verstehen. Mit einem Versuch sich abzulenken,
wechselte er zur Wettervorschau und sah mit einer gewissen Zufriedenheit und Häme, dass Köln unter einer schwülen Hitze litt und für die nächsten Tage mit abendlichen Gewitterschauern zu rechnen war.
Mit dem Gedanken, auch in der Hinsicht in der Algarve besser aufgehoben zu sein, schaltete er den Laptop ab und schlich sich leise in das Schlafzimmer zu seiner Frau.

Copyright by Christoph Höver und Franz Bludau

Kapitel 13  PDF-Version

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Kapitel 12 – Teil II

Als Kajo den Wagen im Schatten hinter dem Haus ausrollen ließ, fuhr Adelina auf. Sie war auf der Rückfahrt eingenickt. Noch ein wenig benommen rieb sie sich das Gesicht. Haarsträhnen klebten ihr auf der Stirn, die Kleider am Körper. Ganz Mosqueiro lag unter einer blauen Decke drückender sommerlicher Stille. Insekten und Vögel schwiegen. Der sonst ständig wehende Wind fehlte. Das Tal schien von der Hitze gelähmt. Duschen, umziehen, im Liegestuhl ausstrecken, genau in der Reihenfolge, dachte sie und sah ihrem Mann an der Nasenspitze an, dass er das Gleiche vorhatte. Sie beeilte sich, ihm zuvor zu kommen.
„Kajo, kommst du bitte mal“, rief Adelina von der Haustür. Es klang beunruhigt.
„Was ist?“
„Kannst du mal nach dem Schloss sehen? Es klemmt.“
„Lass mich mal.“ In Kajos Stimme lag ein leicht überheblicher Ton, als würde er seiner Frau die einfachsten technischen Dinge nicht zutrauen. Doch auch seinen Versuchen leistete der Schließmechanismus Widerstand. Erst nach einigem Rütteln, Heben, Zerren und Drücken gab das Schloss mit einem unangenehmen metallischen Knirschen nach und den Eingang frei.
„Was war das denn?“, wollte Adelina wissen, der der breite Rücken ihres Mannes die Sicht versperrte.
„Es sieht so aus, als hätte sich jemand an unserer Tür zu schaffen gemacht.“ Kajo setzte die Untersuchung des Schlosses fort. „Da sind eindeutig Kratzspuren.“
„Tobias und Silvia?“ In ihr keimte die Hoffnung auf, die beiden seien zurückgekommen.
Eher nicht. Tobias kann das besser. So, wie der das Schloss am Schuppen und die Kassette geknackt hat. Hier hat sich jemand vergeblich bemüht, eigentlich nur unsere schöne Tür ramponiert.“
Er bedeutete seiner Frau zu warten, während er – jedes Geräusch vermeidend – um das Haus schlich und prüfte, ob die Fenster geschlossen waren. Alles schien in Ordnung zu sein. Er erreichte die Rückseite des Hauses und verhielt im Schritt. Ein Flügel des Fensters zum früheren Wohnzimmer der Großeltern, das jetzt als Lagerraum diente, war nur angelehnt. Vorsichtig tastete er sich heran. Im blättrigen Lack und dem trockenen Holz des Rahmens waren unschwer die Kerben eines gewaltsamen Aufbruchs zu erkennen. Kajo warf einen schnellen Blick durch das matte Glas. Keine Bewegung, kein Laut. Der ungebetene Gast hatte offenbar schon das Weite gesucht.
Die Windstille des Nachmittags hatte in der dünnen Staubschicht auf dem ausgetrockneten Boden Fußabdrücke konserviert. Größe vierundvierzig oder fünfundvierzig, schätzte er. Kein Profil von Jogging- oder Turnschuhen. Der Unbekannte bevorzugte offensichtlich Sandalen oder Halbschuhe.
Direkt vor dem Fenster waren Details nicht mehr zu erkennen. Der Besucher musste einige Zeit mit dem Öffnen verbracht und seine eigenen Abdrücke zertrampelt haben. Zu Kajos Beruhigung führte aber auch eine Spur zurück, der er zunächst einmal folgen wollte, bevor er sich das zu erwartende Desaster im Inneren des Hauses ansah. Er hoffte darauf, dass der Wind nicht auffrischte und die Abdrücke verwischte. Sie leiteten ihn zum Schuppen. Der provisorische Drahtverschluss, der nach Tobias Visite die Tür sicherte, stand offen. Auch hier ging die Fährte hinein und wieder hinaus. Die genauere Inspektion des Inneren sparte er sich auf. Er folgte den hinausführenden Spuren bis zu einer Einbuchtung des Fahrweges. Der Wagen, der hier abgestellt worden war, hatte eindeutig gewendet und war wieder weggefahren.
Auf dem Weg zurück versuchte er sich zu erinnern, welche Autos ihm bei ihrer Rückkehr entgegengekommen waren, denn der Unbekannte konnte noch nicht lange weg sein. Ihm fiel nur der LKW einer Bierfirma ein. Die Spuren auf dem Grundstück stammten aber von einem Kleinwagen.
„Und…?“ Adelina wartete ungeduldig vor der Eingangstür.
„Wir hatten eindeutig Besuch. Er ist aber wieder weg.“ Kajo legte den Arm um seine Frau. „Dann lass uns mal nachsehen, welche Überraschung für uns bereit liegt“, sagte er mit bitterer Miene.
In den Anfängen seiner Kripolaufbahn hatte er unzählige Tatorte gesehen und untersucht. Alles, was Wert hatte und transportiert werden konnte, war in der Regel verschwunden. Als fast noch schlimmer für die unglücklichen Eigentümer erwiesen sich die Kollateralschäden: Bilder von herausgerissenen Schubladen, zertrümmertem Mobiliar, aufgeschlitzten Polstern und Bettzeug, zerschlagenem Glas und Porzellan zogen im Expresstempo vor seinem inneren Auge vorbei. Gerne auch hinterließen die Täter nach vollbrachtem Vandalismus einen Kothaufen an prominenter Stelle des Chaos. Sozusagen als stinkende Visitenkarte.
Sie hatten offenbar Glück gehabt. Ihr Einbrecher war diskreter und rücksichtsvoller aufgetreten. Auf den ersten Blick sah das Haus unberührt aus.

„Unser Geld ist noch da!“
Adelinas Ruf aus der Küche klang erleichtert. Triumphierend hielt sie den Umschlag mit ihren Barreserven in der Hand, den sie in der Schublade des Küchenschranks unter dem Besteckeinsatz aufbewahrte.
„Es ist doch ein gutes Versteck“, fügte sie mit einer gewissen Befriedigung hinzu. Kajo hatte sie in der Vergangenheit mehrfach mahnend darauf hingewiesen, dass Kühlschrank, Tiefkühler und Küchenschubladen die ersten Plätze seien, an denen Einbrecher nach Bargeld suchen. Kripo-Paranoia! war ihre Standardentgegnung gewesen.
Ebenso erleichtert fand Kajo seine geliebte Nikon-Kamera und alle Objektive an ihrem angestammten Platz. Auch sonst fehlten keine Wertsachen. Nachdenklich setzte er seinen Rundgang fort. Die Musikanlage stand an noch an der alten Stelle, nur das Schubfach des CD-Players ragte heraus. Kajo schloss es immer wegen des durch jede Ritze eindringenden Staubs im Tal.
Ein Verdacht keimte in ihm auf. Er nahm sich das Regal mit den sorgfältig geordneten CDs vor: Musik-CDs nach Stil und Alphabet auf der einen Seite und am anderen Ende diverse CDs mit Computerprogrammen. Die Abteilung für Pop, Jazz und Kölsche Musik war bunt durcheinander gewürfelt ins Regal zurückgestellt worden. Die Spindel mit den Rohlingen war verschwunden. Auch die Softwarespeicher lagen in einer ungewohnten Folge im Regal. Ihm blieb keine andere Wahl, als alle Boxen zu öffnen und den Inhalt zu prüfen. Sie waren vollständig, mit einer Ausnahme: die CD mit den neuesten Bläck Fööss-Hits, die er als Geschenk und heimatlichen Gruß von einem ehemaligen Kollegen geschickt bekommen und noch nicht beschriftet hatte, fehlte.
„Kölle Alaaf, du Arschloch!“
Adelina schaute ihn mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an.
„Wer auch immer uns mit seinem Besuch beehrt hat, er war scheinbar nur an bestimmten CDs interessiert“, stellte Kajo nüchtern fest. „Oder vermisst du noch etwas?“
Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich habe den Eindruck, jede Ecke und Nische ist durchsucht worden.“
„Hier im Zimmer fehlen alle Rohlinge und die neue Bläck Fööss!“
„Um weitere Kopien herzustellen und sie dann auf dem Flohmarkt zu verscherbeln, oder was?“
„Wohl kaum“, antwortete Kajo. „Das Entscheidende ist, er hat nur die unbeschrifteten CDs mitgenommen. Es muss ihm um einen bestimmten Inhalt gehen. Er wird sich wundern, welcher Hörgenuss ihm begegnet. Stundenlange Stille von den Rohlingen und eine Reihe bester Kölscher Lieder.“ Er schmunzelte bei der Vorstellung. „Wir müssen jetzt nur noch jemanden finden, der in der Algarve herumläuft und ständig
Am Bickendorfer Büdchen vor sich hinsummt, dann haben wir unseren Einbrecher.“
Adelina lachte kurz auf, verstummte aber sofort wieder. Sie fühlte sich erschöpft und … ja, verzagt. In was waren sie da hineingeraten? Es kam ihr vor, als sei ihr beschauliches Leben in den letzten zwei Tagen völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Als sei der feste Boden, auf dem sie sich bisher bewegt hatten, über Nacht sumpfig geworden, unberechenbar. Schlimmer noch – und das machte ihr Angst – irgendwo tief im Innern rührte sich eine Ahnung, die ihr dunkel zuraunte, dies sei erst der Anfang.
Sie wischte sich die Augen. „Was machen wir jetzt?“
„Nichts“, antwortete Kajo unwirsch.
„Nichts? Nicht einmal die GNR verständigen?“
„Wozu? Es ist kaum etwas beschädigt worden, und die Dinge, die gestohlen wurden, haben nur einen geringen materiellen Wert. Sieht das für dich nach einem Serieneinbrecher aus, vor dem die Nachbarschaft geschützt werden müsste? Unser Besucher hat gezielt nach einer Sache gesucht.“ Kajo hatte die Stirn in Falten gelegt. „Ich denke, es geht hierbei um etwas ganz anderes. Und darüber sollten wir nicht mit irgendwelchen x-beliebigen Polizisten reden.“
„Was meinst du?“
„Überleg doch mal. Wir besitzen keine CD, deren Inhalt für irgendjemand Bedeutung haben könnte. Die das Risiko lohnt, gewaltsam bei uns einzusteigen. Und warum ausgerechnet heute? Von Interesse kann also nur das sein, was uns Silvia und Tobias ins Haus gebracht haben, was sie selber haben mitgehen lassen. Das heißt aber auch, der Einbrecher wusste, dass die beiden gestern hier waren. Vielleicht hat er sich sogar direkt in unserer Nähe aufgehalten und uns beobachtet. Dann hätte er auch gesehen, wie wir heute Morgen weggefahren sind, und konnte in aller Ruhe zu Werke gehen.“
„Der Kerl, der sich bei Zé und Wilfried nach unseren Ausreißern erkundigt hat“, stellte Adelina mit Bestimmtheit fest.
„Dann war er aber heute Morgen in Aljezur und nicht hier auf dem Gelände“, wandte Kajo ein.
„Das muss kein Widerspruch sein. Er kann unseren Aufbruch beobachtet haben und danach direkt zu Wilfried gefahren sein, während wir noch einige Zeit bei Zé im Café verbracht haben. Von Aljezur ist er dann wieder hierhin zurückgekehrt. Wäre doch möglich, oder?“
Kajo nickte versonnen. Er beschäftigte sich bereits mit einem anderen Gedanken. Warum hatte ihr Besucher so fahrlässig seine Spuren hinterlassen? Dass er in der abgeschiedenen Lage, in der sie wohnten, gestört worden war, schien sehr unwahrscheinlich. Es wäre doch ein Leichtes für ihn gewesen, die Schuhabdrücke zu verwischen. Gehörte er zu den Wenigen, denen es gleichgültig war, ob sie gefasst wurden, oder die es geradezu darauf anlegten, erwischt zu werden? Auch das konnte Kajo sich kaum vorstellen. Es blieb eigentlich nur eine Möglichkeit: Der Einbrecher musste sich sicher fühlen, dass die Spuren nicht zu ihm zurückverfolgt werden würden. Wenn er Handschuhe getragen und inzwischen seine Kleidung und Schuhe entsorgt hatte. Wenn er nicht aktenkundig war. Wenn er den Wagen unter einem falschen Namen angemietet hatte. Vor allem aber, wenn er beabsichtigte, sich nur kurzfristig in diesem Land aufzuhalten. Woher kam er? Und was verband ihn mit Tostedt?
“Mann-o-Mann.“ Kajo fuhr sich mit beiden Händen über den Haarschopf und bemerkte nun erst Adelinas Blick auf sich ruhen. Geduldig hatte sie ihn ausdenken lassen.
„Also?“, begann sie. „Auch über diese Sache mit Toi sprechen?“
„Auf jeden Fall“, entgegnete er ernst. „Bevor die Geschichte aus dem Ruder läuft. Am besten rufst du ihn gleich an. Vielleicht hat er ja morgen schon etwas Zeit für uns übrig. Ich werde noch schnell ein Vorhängeschloss an der Schuppentür anbringen und das Fenster auf der Rückseite reparieren. Und danach, meine ich, sollten wir beide uns eine Ruhepause gönnen, so müde wie wir aussehen.“
Er wandte sich zur Tür. „Du darfst auch zuerst duschen“, fügte er grinsend hinzu.

Er war Tostedts Geländewagen in großem Abstand bis zu einer ausgedienten Fabrikhalle gefolgt und hatte im zwielichtigen Schein einer Straßenlampe gesehen, wie der Hamburger sich nach allen Seiten umblickte, bevor er durch eine Seitentür im Inneren verschwand. Er wartete einige Minuten. Dann stieg er aus und schlich sich, jeden Schattenbereich ausnutzend, an das Gebäude heran. Die Tür ließ sich geräuschlos öffnen. Dunkelheit umfing ihn. Als sich seine Augen daran gewöhnt hatten, tastete er sich einen schmalen Gang entlang, lugte an dessen Ende vorsichtig in die Halle hinein. Sie war leer. Einige Pfützen schimmerten auf dem Betonboden. Offenbar war das Dach undicht. Es roch modrig.
Auf der linken Seite führte eine Metalltreppe zu einer Art Rundgang in der ersten Etage, auf der sich mehrere nebeneinander liegende, verglaste Räume befanden. In einem brannte Licht. Sein Pulsschlag erhöhte sich. Er zog seine Waffe aus dem Holster und rannte gebückt zur Treppe. Von oben drang gedämpftes Lachen zu ihm herunter. Auf Zehenspitzen stieg er Stufe um Stufe hinauf, robbte auf dem Rundgang unter das erleuchtete Fenster. Jemand redete halblaut. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Langsam schob er sich höher, riskierte einen schnellen Blick. Hinter einem wackeligen Holztisch saß Tostedt lässig auf einem Stuhl, die Beine weit von sich gestreckt, und fächelte sich mit einer CD Luft zu. Ein Stück abseits lehnte Tobias an der Wand. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Neben ihm der schlaksige, schwarzhaarige Junge aus dem Café in Aljezur. Er sah Silvia, die ein Poster entrollte und es mit verzücktem Blick betrachtete. Wilfried, einen FC-Köln-Schal um den Hals geschlungen, guckte ihr über die Schulter. Wilfried? Was machte Wilfried hier? Mit dem Rücken zur Glaswand stand ein Mann in einem bunt karierten, kurzärmeligen Hemd. Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Der Einbrecher. Es musste der Einbrecher sein. Er hatte die Bläck-Fööss-Cd dem Hamburger übergeben.
Er würde das Überraschungsmoment nutzen, die Tür aufreißen und … Er zuckte zusammen, als das alte, schwarze Kastentelefon auf dem Tisch klingelte. Ein Mal, zwei Mal … niemand nahm ab.
Kajo schreckte aus seiner liegenden Position hoch, fühlte sich sekundenlang orientierungslos. Das Klingeln. Auf dem Beistelltisch neben dem Bett vibrierte und schepperte sein Handy. Irgendwann hatte er aus einer Laune heraus das Läuten eines antiquierten Wählscheibenapparates eingestellt. Es konnte nicht gerade Tote, aber tief Schlafende aufwecken. Er nahm das Gespräch an und schlurfte danach laut gähnend auf die Terrasse.
„Wer war dran?“, fragte Adelina neugierig aus ihrem Liegestuhl.
„Der Computerladen. Mein Laptop ist fertig. Es waren nur ein paar lockere Kontakte. Nichts Großes. Ich fahre am Besten gleich mal runter. Auf dem Weg kann ich dann auch noch einkaufen.“
„Heißt das, du machst heute das Abendessen?“
„Hm“, brummte Kajo.
„Was gibt es denn Schönes?“
„Tja“, war seine lapidare Antwort. Adelina hielt das für Koketterie, aber es war die Wahrheit. Er wusste es noch nicht genau. So planvoll er sonst im Leben vorging, beim Kochen ließ er sich treiben. Mal sehen, was er aus dem, was er mitbringen würde und was sich noch so alles im Kühl- und Vorratsschrank tummelte, unter Zuhilfenahme verschiedener Kräuter und Gemüse aus dem kleinen Bauerngärtchen hinter dem Haus zaubern ließ. In den Jahren seines Singlelebens war ein ordentliches Baukastensystem an Zubereitungsweisen und Geschmackskombinationen entstanden, das in der Regel zu schmackhaften und oft auch gesunden Mahlzeiten führte und ihn vor der täglichen, depressiven Einöde des Angebots der Polizeikantine oder dem überschaubaren Einfallsreichtum irgendwelcher Imbissbuden bewahrte.
Er ging in der Kocherei auf. Wenngleich er sich nicht als ambitionierten Hobbykoch betrachtete und keinesfalls den Ehrgeiz entwickelte, den die vielen mehr oder minder talentierten Köche an den Tag zu legen schienen, die im Übermaß die Fernsehkanäle bevölkerten.
Für ihn war Kochen eine Form der inneren Einkehr. Momente, in denen seine Sinne sich schärften. Aber auch eine Zeit, in der er seine Gedanken treiben lassen konnte. Kreative Muße.
Erst nach einer geraumen Weile des Zusammenlebens hatte sich Adelina damit abfinden können, in solchen Momenten nicht erwünscht zu sein. Sie störte dann. Immerhin aber glich den Ausschluss seine Angewohnheit aus, die Küche in einem fast jungfräulichen Zustand zu hinterlassen. Und natürlich, dass das Produkt seiner Arbeit in der Regel außerordentlich schmackhaft war. Erfüllte einmal eine Kreation nicht ihre Erwartungen, gingen sie gemeinsam und lachend zum Essen in das nächste Restaurant. Kurz, er war ein Koch, dessen Eitelkeit sich in Grenzen hielt.
Nachdem Kajo von seiner Tour zurückgekommen war, gönnte er sich eine Kaffeepause auf der Terrasse, bevor er sich in seine Küche verzog. Adelina, die wusste, dass er jetzt für längere Zeit nicht ansprechbar sein würde, verschwand mit einem dicken Buch in ihrem Liegestuhl.
Portugal, du Land der Plastiktüten, dachte er wieder einmal, als er seine Einkäufe auf der Arbeitsplatte ausbreitete. Wie Deutschland in den sechziger und frühen siebziger Jahren, bevor die aufkommende Ökobewegung mit dem Motto
Jute statt Plastik einen tief greifenden Bewusstseinswandel eingeleitet hatte. Diese veränderte Einstellung hatte den Südwesten Europas auch Jahrzehnte später noch nicht erreicht. So wurde weiterhin beinahe jeder Artikel in farbenprächtige Vielfalt eingepackt.
Eine lindgrüne Plastiktüte enthielt drei Süßkartoffeln. Die Verkäuferin hatte ihm erklärt, dass Süßkartoffeln aus der Region Aljezur eine besondere Spezialität seien, die er unbedingt probieren müsse. Sie konnte ihm aber nicht sagen, wie man sie am Besten zubereitet.
Im Ofen backen, kochen oder braten
, war die wenig hilfreiche Information.
Er brachte weitere Plastiktüten mit Zitronen, ein paar Zwiebeln, dreihundert Gramm Rinderhackfleisch und einem Stück Räucherspeck zum Vorschein.
Außerdem zwei Dosen Katzenfutter und ein Paket Trockenfutter für die schwarz-weiße Katze, die den Zitzen nach zu urteilen irgendwo in der Nähe Junge säugen musste. Jeweils zu Beginn der Dämmerung hatte sie sich in den vergangenen zehn Tagen herangepirscht und energisch ihre Futterration eingefordert. Gestern war sie nicht aufgetaucht, erinnerte er sich. Vermutlich wegen des Feuers und des Besuchs. Er hoffte, dass ihr nichts passiert war. Obgleich sie noch keinen Namen hatte und sich beim Versuch, sie zu streicheln, fauchend in das Gebüsch aus dem sie kam, zurückzog, so war sie doch schon
ihre Katze geworden, um die sie sich sorgten.
Noch formte sich keine Idee für ein Abendessen. Ein Blick in den Kühlschrank, ein weiterer in den Schrank mit den Vorräten für alle Fälle, ein kurzer Ausflug zum Kräutergärtchen im Halbschatten hinter dem Haus und eine Vorstellung begann sich in seinem Kopf zu regen. Die Süßkartoffeln wollte er zu Bratkartoffeln verarbeiten, aus dem Hackfleisch kleine gefüllte Frikadellen machen und dazu einen Salat aus frischen Gartentomaten. Eine halbe Stunde Meditation an Pfanne, Mörser und Schneidebrett.
Während er die urtümlich anmutenden Knollen der Bataten schälte und das gelbe Fruchtfleisch in halbe Zentimeter große Würfel schnitt, schweiften seine Gedanken immer wieder ab. Wirr und gleichzeitig Verknüpfungen suchend. Bilder verkohlter Baumleichen in einem Tümpel aus pechschwarz glänzendem Löchwasser-Ascheschlamm wechselten mit wiedergekäuten inneren Dialogen, mit Sequenzen, gemischt aus Nachmittagstraum und Realität, in denen die Personen, denen er in den letzten beiden Tagen begegnet war, auf skurrile Weise miteinander verflochten waren. Was hatte das alles zu bedeuten? Deutete er Zusammenhänge in die Geschehnisse, die es gar nicht gab? Möglicherweise. Wäre da nicht der Einbruch in ihr Haus gewesen. Dadurch waren Adelina und er Teil der Geschichte geworden. Nun fühlte er sich herausgefordert. Er musste das Passwort von Tostedts CD knacken.

Sonnenblumen- oder Olivenöl? Er entschied sich für eine Mischung, die er in einer schweren Eisenpfanne mit einigen Zweigen Rosmarin, einer kleinen Piri-Piri (eine teuflisch scharfe und aromatische rote Pfefferschote) und zwei mit Schale zerdrückten Knoblauchzehen erhitzte. Den aufsteigenden Duft sog er tief ein, bevor er die Kartoffelwürfel dazugab und das Ganze großzügig mit Meersalz würzte.
In einem Steinmörser zerrieb er eine weitere Knoblauchzehe mit Petersilie, einigen Thymianblättchen, drei Pfefferkörnern und Olivenöl zu einer zähen Paste, in der er Würfel eines schon leicht angetrockneten, runden Schafsmilchkäses vom Bauernmarkt marinierte.

Dieses Gericht, schmunzelte er in sich hinein, hätte ich damals, vor meinem letzten Besuch beim Polizeipräsidenten essen sollen. Bilder von seinem Dienstabschied stiegen in ihm auf, von dem nicht enden wollenden Händeschütteln, von den ehrlich gemeinten Wünschen und den von Floskeln strotzenden Lobreden, deren Zwischentöne verrieten, dass so mancher aufatmete, ihn, den Querkopf, endlich los zu sein.Was für einen unvergesslichen Akzent hätte hier eine ordentliche Knoblauchfahne gesetzt!

Immer wieder schwenkte er die Bratkartoffeln, damit sie nicht ansetzten, und fischte die Piri-Piri aus der Pfanne. Schärfe ist schön, aber zu viel konnte vor allem Adelina den Genuss verderben.
Das Hackfleisch wurde zu einer klassischen Frikadellenmasse, aus der er in der Handfläche kleine Kügelchen formte – jede Kugel mit einem Stück mariniertem Käse in der Mitte.
In einer zweiten, schon etwas verbeulten Pfanne bekam das Fleisch seine würzige Kruste. Der Tomatensalat war schlicht: drei kleinere Tomaten, sorgfältig gewaschen, nachdem er sich an dem unvergleichlichen Duft der sonnengereiften, frisch gepflückten Früchte berauscht hatte, in Scheiben geschnitten, auf einem Teller angerichtet und vor dem Servieren nur mit etwas Balsamessig, Olivenöl, Pfeffer und Salz gewürzt.
Die Bratkartoffeln waren schon fast zu gar, und die Süße dominierte. Etwas Schärfe aus der Pfeffermühle kompensierte diesen vorherrschenden Geschmack.
Er ging über die Terrasse zu Adelina, die tief in ihr Buch versunken schien.
„Es ist soweit!“
„Ich komme sofort!“ Noch ein wenig abwesend folgte sie in die Küche und hob die Nase schnuppernd in die von Aromen durchzogene Luft. „Wenn ich nicht schon Hunger hätte, würde ich ihn jetzt bekommen“, sagte sie und schnalzte mit der Zunge.
Während sie den Tisch vorbereitete, machte er zwei Teller fertig und beseitigte die Spuren seiner Arbeit.
Das Essen begann schweigend, und Kajo beobachtete mit Genugtuung, wie sich Adelinas erwartungsvoller Gesichtsausdruck in kurzer Zeit in strahlende Zufriedenheit verwandelte. Obwohl sie heute zum zweiten Mal Frikadellen aß. Der gekühlte rote Landwein, den sie als Gegengeschenk zu dem gesammelten trockenen Brot für die Esel von ihrem Nachbarn bekommen hatten, löste die Zungen. Bis zum Kaffee, den Adelina in einer italienischen Espressokanne auf dem Herd kochte, gingen sie die vergangenen Ereignisse noch einmal durch, zurückhaltend, fast scheu, als wollten sie das dunkle Unbekannte, das sich an sie herangeschlichen hatte, für den Rest des Tages aussperren.

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Kapitel 12-2 – PDF

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Kapitel 12 – Teil I

12 – Teil I

Quinta Cavaleiro/Mosqueiro 16. Juli 2008

Etwa einen Kilometer hinter Aljezur bogen sie von der Nationalstraße ab. Der alte R4 kämpfte sich zäh die knapp zwei Kilometer langen steilen Serpentinen hoch. In diesen Mittagsstunden herrschte kaum Verkehr. Nur zwei Touristenpärchen in einem Mietwagen, wohl durch die flirrende Hitze gestresst und missgelaunt, zogen hupend und laut schimpfend an ihnen vorbei. Offenbar fühlten sie sich durch die langsame Fahrt des mühevoll schnaufenden Wagens vor sich behindert. Am Ende der Steilstrecke bogen sie nach rechts in Richtung Arrafana ab. Die Straße führte auf dem Hochplateau durch eine sandige Landschaft mit niedrigem Bewuchs. Man konnte förmlich das nahe Meer riechen. Geradezu erleichtert schnurrte der R4 auf der nun ebenen Strecke, und Adelina drosselte das Tempo erst, als sie einen Sportplatz und das Schild Campo de Tiro (Schießplatz) passierten.
„Hier muss es irgendwo einen Weg mit dem Hinweis
Quinta Cavaleiro* geben. Schaust du bitte mal mit”
Kajo, der ein wenig vor sich hindöste, schreckte auf und rieb sich die Augen, bevor er seine Aufmerksamkeit auf den Straßenrand richtete. Sekunden später sahen sie es beide. An einem breiten Fahrweg, der rechts von ihnen abbog, stand ein großes, hölzernes Schild mit einem geschnitzten Pferdekopf in einem Ährenkranz
Nach anderthalb Kilometern Schotterpiste, vorbei an mehreren ärmlichen Bauernhäusern, zeigte ein weiteres Schild in einen talwärts führenden Weg, der nach einigen hundert Metern vor einem neu gedeckten Bau an einem Parkplatz endete. Sie stellten das Auto ab und gingen den schmalen Pfad zwischen den Pferdekoppeln hindurch zum Eingang des Haupthauses.
Das Gelände wirkte aufgeräumt. Der Weg war mit dunkelroten, gebrannten Naturfliesen gepflastert. Die Begrenzung zu dem unterhalb liegenden Bereich, mit einem Geräteschuppen und verschiedenen Wirtschaftsgebäuden, deren Funktion sich beim ersten Hinsehen nicht ganz erschloss, bildete eine sorgfältig beschnittene Teebaumhecke. Alles in allem strahlte die
Quinta so etwas wie Bürgerlichkeit und Ordnungsliebe aus. Auch hier ein angenehmes Erscheinungsbild, dachte Adelina und spürte, wie ihre innere Anspannung wuchs.

Kajo ließ ihr den Vortritt. Sie klopfte an die halb offen stehende Eingangstür, die ebenfalls von einem, diesmal aus Salzteig geformten Pferdekopf in einem Ährenkranz geziert wurde.
„Moment!“, kam eine Stimme von innen, und wenig später stand ihnen eine Frau um die vierzig mit leicht verhärmten Gesichtsausdruck gegenüber. Sie hatten sie scheinbar bei der Küchenarbeit gestört. Der Kittel über der Folklorebluse und dem langen, weit geschnittenen graubraunen Rock hatte jedenfalls Wasserflecken.
Entschuldigung, ich war gerade beim Spülen. Womit kann ich ihnen helfen? Wenn sie reiten wollen, rufe ich meinen Mann. Er betreut unsere Gäste.“
„Nein, nein“, wehrte Adelina rasch ab, „im Moment nicht, danke.“ Wobei mir etwas sportliche Betätigung sicher gut tun würde, fügte sie für sich hinzu und dachte an die konditionellen Probleme, die ihr schon die leichte Steigung auf dem Weg zum Jugendhilfeverein in Aljezur bereitet hatte. Vernehmlich fuhr sie fort: „Wir sind wegen Silvia gekommen. Sie lebt doch bei Ihnen, nicht wahr?“
Die Frau trat ihr einen Schritt entgegen, beugte den Oberkörper ein wenig vor. Ihr längeres, von vielen grauen Strähnen durchzogenes, dunkelbraunes Haar war achtlos am Hinterkopf zusammengesteckt, auf ihrem Gesicht, das wurde nun deutlich, lag eine rissige Schicht aus zuviel Arbeit und Müdigkeit. Darunter, an einigen wenigen, verloren wirkenden Grübchen erkennbar, blitzte eine einstmalige aparte Frische auf.
„Haben Sie die Kleine gesehen? Geht es ihr gut? Ich mache mir Sorgen, ihr könnte etwas zugestoßen sein.“ Sie hatte die Stimme gesenkt, sprach fast im Flüsterton und wandte dabei mehrmals den Kopf zur Seite, um sich zu vergewissern, dass niemand mithörte.
“Gestern war sie noch wohlauf“, antwortete Adelina, „aber …“
Sie wurde vom Stampfen schwerer, sich nähernder Schritte unterbrochen.
„Gundel! Wer ist denn da? Mit wem redest du?“
Hinter der Frau baute sich eine massige Gestalt auf, die beinahe den Türrahmen füllte.
„Jacob, sie sind wegen Silvia hier“, sagte Gundel leise.
„Ach, Sie sind das“, legte der Mann in polterndem Tonfall los. „Habe Sie schon erwartet. Rainer Zieliske hat mich telefonisch informiert, dass Sie heute bei ihm waren. Und dass Sie möglicherweise auch bei uns auftauchen würden. Wobei mir allerdings nicht einleuchtet, was Sie noch wollen. Sollte doch eigentlich alles geklärt sein, oder? Das Mädchen ist abgehauen, die Suche gestartet!?“
Dabei hob er in gespielt hilfloser Manier Arme und Schultern, so dass sein Doppelkinn und die hängenden Backentaschen in bedenkliche Wallung gerieten.
„Was soll man machen?“, fuhr er fort. „Die Eine geht, der Nächste kommt. Reisende soll man nicht aufhalten, das ist jedenfalls meine Meinung.“
Kajo und Adelina tauschten einen schnellen Blick, beide schienen einigermaßen perplex.
„Wir dachten, Sie könnten uns vielleicht einen Hinweis geben, wo Silvia sich aufhält.“ Adelina hatte sich als Erste gefangen. „Ich meine, sie ist vierzehn, da kann man sich schon sorgen. Sagt Ihre …“ Sie stockte, als sie die abwehrende Handbewegung der Frau sah.
Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust und wippte in seinen Reitstiefeln von den Fersen zu den Zehenspitzen.
„Gute Frau“, entgegnete er betont gönnerhaft, „Sie kennen sich doch mit diesen Jugendlichen aus, wie man hört. Da wissen Sie doch, die kommen alle aus schwierigen Verhältnissen, meistens auch noch von ganz unten, aus dem Keller der Gesellschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine. Denen fehlt es doch an allem, in erster Linie an Disziplin und Ordnung. Das bringen wir ihnen bei, nicht wahr Gundel? Sehen Sie, wir haben einen Betrieb und arbeiten hart. Das will durchorganisiert sein, und jeder muss mit anpacken. Wir können es uns nicht leisten, wenn irgendjemand aus der Reihe tanzt oder auf der faulen Haut liegt. Und was ist mit unseren Zöglingen? Alle verweichlicht, jammern schon bei der kleinsten Anforderung, statt dankbar anzunehmen, was wir ihnen bieten. Und dann machen sie auch noch beim geringsten Anschiss die Fliege. Keine Frusttoleranz oder wie das heißt.“
„Frustrationstoleranz“, entfuhr es Adelina.
Der Mann funkelte sie böse aus seinen Schweinsäuglein an. Er legte eine Hand auf die Schulter seiner Frau. „Ich denke, unser Gespräch ist beendet“, sagte er kalt.
Kajo war anderer Ansicht, länger wollte er sich nicht zurückhalten.
„Guter Mann“, ahmte er den Tonfall seines Gegenüber nach, „interessiert Sie gar nicht, warum Silvia gestern bei uns war? Was sie uns erzählt hat? Welche Sorgen und Nöte sie mit sich herumträgt? Wir haben sie aufgenommen und sie bei uns übernachten lassen. Wie wäre es mit einem schlichten Danke?“
„Doch, doch, das war wirklich sehr nett von …“, sagte die Frau und verstummte unter dem Druck der Hand ihres Mannes.
„Gundel“, sagte er zu ihr, „hast du nichts zu tun? Sieh mal nach den Kindern. Wer weiß, wo die sich wieder rumtreiben.“
Er drehte sie um und schob sie an sich vorbei in den Hausflur. Dann wandte er sich wieder Kajo und Adelina zu.
„Glauben Sie, mir dankt irgendjemand etwas?“, fauchte er sie an. „Die Gören vielleicht? Ha, da müssten schon Pfingsten und Ostern auf einen Tag fallen. Sie sehen es doch, man macht und tut, bietet diesen … diesen Jugendlichen eine Chance, und was kommt dabei heraus? Sie verschwinden. Einfach so … bei Nacht und Nebel.“
„Immerhin werden Sie bezahlt für Ihre Arbeit“, hielt Adelina dagegen.
„Wäre ja auch noch schöner, den Nervkram nur mit einem warmen Händedruck abzugelten. Außerdem reichen die paar Kröten gerade mal, um den Reitstall in Schuss zu halten.“
Dünne Schweißbäche rannen ihm von der Stirn das Gesicht herunter. Er klaubte ein zerknittertes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich hektisch trocken. „Ich sag Ihnen was“, polterte er weiter, „das Mädel hat sich mit diesem Möchtegern-Mann zusammengetan und gönnt sich ein paar nette Urlaubstage. Kann mir schon vorstellen, was die den ganzen Tag treiben.“ Dabei machte er eine eindeutige obszöne Geste. „Dafür hat sie sich den Richtigen ausgesucht. Aber wen wundert`s bei den Betreuern. Gehen viel zu lasch um mit ihren Leuten. Na, was soll`s, jeder nach seiner Facon. So, und nun Schluss. Ein Danke wollen Sie hören? Gerne. Ich wäre Ihnen nämlich sehr dankbar, wenn Sie jetzt mein Grundstück verließen.“
Damit kehrte er ihnen den Rücken zu und stapfte ins Haus.

Kajo sah von der Seite, wie Adelina vom Hals aufsteigend puterrot anlief und dem Mann mit offenem Mund hinterher starrte. Sacht berührte er ihren Arm.
„Komm“, sagte er, „es hat keinen Zweck.“
Langsam und still gingen sie nebeneinander zum Parkplatz, wo der R4 unbeeindruckt im gleißenden Sonnenlicht vor sich hinbrütete.
Einen halben Kilometer später hatten sie ihre Worte wiedergefunden.
„Unfassbar“, sinnierte Adelina Kopf schüttelnd, „einem solchen Kerl werden Kinder anvertraut. So etwas sollte unter Strafe gestellt werden.“
„Kam ganz schön zackig rüber, der Knabe“, merkte Kajo an. „Hatte was Militärisches, der Kasernenhofton und sein Loblied auf Zucht und Ordnung. Vielleicht war er mal Kavallerist bei der Gebirgsmarine.“
„Mir ist nicht zum Scherzen zumute“, entgegnete Adelina genervt.
„Du hast ja Recht“, besänftigte ihr Mann. „Aber wer weiß, möglicherweise hat er Erfolg mit seiner Methode. Denk mal an die Erziehungscamps in den USA. Da werden auch Jugendliche, die man anders nicht mehr zu erreichen glaubt, monatelang einem knallharten Drill unterworfen. Manche halten durch und finden in die Gesellschaft zurück.“
„Klar, die tun dann, was man ihnen sagt“, erwiderte Adelina sarkastisch. „Sie
funktionieren. Zwar mit gebrochenem Rückgrat, aber immerhin. Zombies, die aus den Gräbern ihrer Seelen gestiegen sind.“
„Übertreibst du nicht ein bisschen?“
„Ach, was weiß ich.“ Sie schwieg eine Weile. „Mir tut die Frau leid“, sagte sie dann leise. „Hast du gesehen, wie eingeschüchtert sie wirkte? Ihre Kinder mag ich mir erst gar nicht vorstellen. Sie werden wohl wenig zu lachen haben bei dem Tyrannen. Und wenn ich auch noch daran denke, was Silvia über diesen Jacob erzählt hat. Dass er jede Gelegenheit nutzt, sie mit seinen feisten Blicken zu betatschen. Da möchte ich kotzen. Dieser autoritäre, notgeile Macho-Arsch! Also, wenn du mal solche Anwandlungen verspürst, sag mir Bescheid, damit ich mich rechtzeitig absetzen kann.“
„Tja, da siehst du mal, wie gut du es mit mir hast“, grinste Kajo.
Adelina gelang ein kleines Lächeln. Sie beugte sich zur Fahrerseite herüber und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Bring uns nach Hause, bitte. Für heute habe ich die Faxen dicke. Ich muss erst einmal die Erlebnisse verarbeiten.“

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Kapitel 12-1 – PDF

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Kapitel 11 – Teil II

Die Rua Joao Dias Mendes führt in nördlicher Richtung bergauf. Schon nach hundert Metern Fußmarsch schnaufte Adelina. Sie spürte, wie ihr der Schweiß in Rinnsalen den Körper herunter lief. Erste feuchte Flecken zeigten sich auf der Bluse, der dünne Stoff ihres Rocks klebte an den Hüften. Sie hätte anrufen können, bevor sie sich auf den Weg machte, um sicher zu gehen, jemanden anzutreffen. Doch das hätte das Überraschungsmoment zunichte gemacht, von dem sie sich einen ungeschminkten Eindruck erhoffte. Dabei gestand sie sich ein, bereits voreingenommen zu sein. Die Berichte von Silvia und Tobias zu ihrer Betreuungssituation abzüglich eines gewissen Maßes an Mitleid heischender oder rechtfertigender Übertreibung, Wilfrieds leicht spöttische Bemerkung zum Alkoholkonsum des Sozialarbeiters und nicht zuletzt das beinahe nachahmend wirkende, in aller Öffentlichkeit zur Schau gestellte Trinkverhalten der Jugendlichen auf der Terrasse des Cafés, das nicht eben Furcht vor Sanktionen verriet, hatten in Adelina eine Vorstellung angeregt, die sie, wenn sie ehrlich zu sich war, nur noch mit eigenen Augen bestätigt sehen wollte.
Bei dem Gedanken daran wurde ihr Schritt fester, geradezu grimmig. Gleichwohl nahm sich Adelina vor, nicht von vornherein die Konfrontation zu suchen, sondern zunächst einmal zu beobachten und zu hören, in welchem Maße der Verein sich um das Wohl seiner Schützlinge sorgte. Allerdings war sie auch entschlossen genug, sich nicht nur mit leeren Worten oder losen Versprechungen abspeisen zu lassen. Und sie war voller Neugier auf das, was sie erwartete.

Das Haus Nummer vierundsiebzig, das Wilfried ihr als Adresse genannt hatte, glich in der Bauweise den in langer Reihe die Straße säumenden Gebäuden. Über dem ersten Stock, der sich durch zwei kleinere Fenster zu erkennen gab, fiel das Dach, das mit hellorangefarbenen, halbkreisförmigen Ziegeln gedeckt war, einseitig schräg zur Straße hin ab. Im Untergeschoss ließen die zwei mittelgroßen Fenster rechts und links der Eingangstür darauf schließen, dass der Flur im Inneren das Haus in zwei Hälften teilte. Wie dort üblich waren die Außenwände weiß getüncht, hervorstechend hingegen die königsblau lackierten Tür und Fensterrahmen.
Adelinas Blick fiel auf ein Messingschild, das in Augenhöhe an die Frontseite geschraubt war. Sie las:
A.A.J.E.P.
Associação de Assistencia para Jovens estranjeiros no Portugal
Jugendhilfeprojekt Die Straße</em
Dipl.Soz.päd. Rainer Zieliske
Termine nach VereinbarungTelemovel: (+351) 961 233 471

Keine Bürozeiten. Adelina schaute sich verunsichert um. Neben ihr am Straßenrand parkte ein in die Jahre gekommener VW Passat Kombi, die Parterrefenster waren schräg gestellt, die Stofflamellen der Jalousetten dahinter so gerichtet, dass sie das Sonnenlicht fern hielten. Geräusche drangen nicht nach außen. Schließlich, nach einem zögerlichen Moment, schnaufte sie einmal tief durch und drückte energisch auf den Klingelknopf.
Nichts rührte sich. Adelina trat einen Schritt zurück und schaute zum ersten Stock hinauf. Plötzlich meinte sie, hinter einem der unteren Fenster ein leichtes Schaukeln der Jalousette wahrgenommen zu haben. Sie krauste die Stirn und legte erneut ihren Finger, nun unhöflich lange, auf die Klingel. Wenige Sekunden später signalisierte ihr ein von regelmäßigem Schlappen begleitetes Ich komm ja schon, gehört worden zu sein.
“Geht doch“, murmelte Adelina vor sich hin, bevor die Eingangstür schwungvoll geöffnet wurde. Vor ihr stand, sie um Haupteslänge überragend, ein Mann in Flipflops, einer dreiviertellangen, sandfarbenen Cargohose und einem olivgrünen T-Shirt, der sie ausgiebig musterte. Adelina schätzte ihn auf Ende dreißig. Sie war überrascht. Insgeheim hatte sie jemanden erwartet, dessen Erscheinung auf die eine oder andere ihr unangenehme oder sie abstoßende Art das negative Bild des Jugendhilfevereins bekräftigt hätte, das sich in ihr eingenistet hatte. Der Mann aber, den sie nun leicht amüsiert lächelnd vor sich sah, kam ihr durchaus sympathisch vor. Mit seiner schlanken, sportlich wirkenden Figur, dem gebräunten Teint, dem ebenmäßigen Gesicht, in das die Widrigkeiten des Lebens einige Furchen gekerbt zu haben schienen, dem Drei-Tage-Bart und dem mittellangen braunen, ein wenig zerzausten Haar strahlte er zugleich etwas Jungenhaftes und Männliches aus. Er war fraglos attraktiv … und wusste es.
Adelina fühlte sich von seinem Blick aus großen blauen Augen taxiert und unwohl, als sie an ihre wohl kaum zu übersehenden Schweißflecken dachte. Sie ärgerte sich, dass eine leichte Röte in ihr aufstieg. Am liebsten hätte sie ihr Anliegen noch vor der Tür vorgetragen und wäre wieder gegangen. Und hätte es nach den ersten Metern bereits bereut. Sie rief sich zur Ordnung.
„Bom dia“, kam es ein wenig hastig über ihre trockenen Lippen. „Ich nehme an, Sie sind Rainer Zieliske? Ich möchte mit Ihnen kurz über Silvia und Tobias sprechen.
„Wieso … ja … äh.“ Für einen kleinen Moment schien der Mann seine Selbstsicherheit verloren zu haben, dann hatte er sich wieder gefangen. „Kommen Sie herein“, setzte er hinzu und ließ Adelina an sich vorbei treten.
Wie sie es sich vorgestellt hatte, führten vom Hausflur eine Tür geradevor in den hinteren Teil, zwei weitere gegenüberliegende in die Seitenflügel. Zieliske ging ihr in das linke Zimmer voraus, das allem Anschein nach als Büro diente. Schräg im Raum stand ein ausladender, schmuckloser Holzschreibtisch, auf dem sich neben dem Telefon und einem Computerflachbildschirm diverse Schriftstücke verteilten. Die Wände waren mit einem Schrank, Regalen voller Akten, Papieren und Büchern sowie einem robust aussehenden, gut einen Meter hohen Kasten, der einem Tresor glich, zugestellt. Rechter Hand gelangte man durch eine Tür, die einen Spalt offen stand, in ein anschließendes Zimmer. Zieliske bat Adelina, in einem bequemen Korbstuhl Platz zu nehmen, nestelte an der Jalousette herum, um mehr Licht herein zu lassen, setzte sich ihr gegenüber in seinen Leder bezogenen, drehbaren Schreibtischsessel und schaute sie erwartungsvoll an.
Adelina erwiderte den Blick sekundenlang und ihr schien dabei, als sei der erste Eindruck von der Person vor ihr, der sich so überraschend eingestellt hatte, im Begriff sich zu wandeln. Als hätten mit dem Gang über die Schwelle des Hauses die Atmosphäre im Inneren, das Ambiente, der allem anhaftende, individuelle Geruch oder sonst etwas dem anfänglichen Bild ein noch verborgenes Element hinzugefügt. Ein störendes, verstörendes Moment, das sie leise beunruhigte.
Auch wenn sie jenes Detail nicht zu erkennen vermochte, veranlasste sie es doch, Zieliske nun wieder achtsamer zu begegnen; ihm nur zu berichten, Silvia und Tobias seien Tags zuvor offenbar von ihren Betreuungsfamilien weggelaufen, in Aljezur von dem Deutschen Malte Tostedt ein Stück im Auto mitgenommen worden, bei ihr und ihrem Mann Kajo gestrandet, inzwischen jedoch erneut verschwunden, wahrscheinlich in Richtung Portimão. Ob er davon wisse?
Der Sozialarbeiter hatte ihr mit ausdrucksloser Miene zugehört, Adelina meinte aber zu spüren, wie stark es hinter seiner Stirn arbeitete. Schließlich beugte er sich aus seinem Sessel vor, legte die Unterarme auf die Schreibtischplatte und verschränkte die Finger beider Hände wie zum Gebet.
„Adelina … ich darf doch Adelina sagen, nicht wahr?“, hob er in einer betont lehrmeisterlichen Stimmlage an, „selbstverständlich bin ich gestern umgehend von den Projekteltern über das Ausbleiben der beiden Jugendlichen informiert worden. Und ebenso selbstverständlich haben wir sofort erste Maßnahmen ergriffen, andere Projektkinder befragt, die Polizei eingeschaltet, Freunde und Bekannte, soweit sie uns bekannt sind, angerufen und so weiter. Sie müssen sich da überhaupt keine Sorgen machen, wir haben alles im Griff. Darüber hinaus (seine Stimme bekam einen einschmeichelnden Klang) finde ich es super, dass Sie die Mühe auf sich genommen haben, persönlich vorbeizuschauen. Sich in der Weise verantwortlich zu zeigen, ist … leider, leider … sehr selten geworden.”
Wieder spürte Adelina seinen intensiven Blick auf sich ruhen, als wollte er sie damit berühren. Unwillkürlich raffte sie mit der Hand den Halsausschnitt ihrer Bluse zusammen und sah ihn im selben Moment, als sei beides eine Reaktion, trotzig geradewegs ins Gesicht. Ich glaube dir kein Wort, dachte sie zu ihm herüber, da kannst du schleimen, bis deine Lefzen sabbern. Ein Telefonat mit Vetter Toi wird zeigen, wie gut ihr mit der Polizei zusammenarbeitet.
Mit ihrem aufschäumenden Ärger hatte sie zu einem festen Stand zurückgefunden und beschloss, Zieliske nun ihrerseits zu verunsichern.
„Haben Sie denn keine eigene Suchaktion organisiert?“, fragte sie in bekümmertem Ton und unbedarft scheinender Mimik. „Ich meine, das sind doch noch Kinder.“
Zieliske schenkte ihr ein joviales Lächeln. „Adelina, wie stellen Sie sich das vor? Sollen wir blindlings die gesamte Algarve abfahren? Und Kinder … na ja, ich weiß nicht. Die meisten haben es faustdick hinter den Ohren. Die Kids sind ja nicht umsonst in unserem Projekt untergebracht. Sehen Sie, wir holen die jungen Leute da ab, wo sie stehen. Und das ist oftmals nahe am Abgrund. Wir strecken ihnen die Hand hin, aber sie müssen sie auch ergreifen. Unsere Arbeit stellt ein niederschwelliges Angebot dar, das heißt, die Jugendlichen kommen freiwillig zu uns und wissen, auf welche Regeln sie sich einlassen. Das bedeutet aber auch, sie können das Projekt jederzeit verlassen und sich für eine andere Maßnahme entscheiden. Das ist der Deal.”
Adelina stöhnte innerlich auf. Zu oft hatte sie während ihrer Jahre in der Jugendarbeit diese immergleichen sozialpädagogischen Floskeln gehört und allzu häufig feststellen müssen, dass damit nicht mehr als eine Fassade geschönt worden war. Es wurde Zeit, aus der Deckung zu gehen.
„Na, mit der Freiwilligkeit ist das ja so eine Sache“, bemerkte sie maliziös, „wenn man nur die Wahl hat zwischen Jugendknast und Projektmaßnahme im Ausland. Außerdem hat mich meine Erfahrung gelehrt, dass zumeist durchaus ernst zu nehmende Gründe vorliegen, wenn Jugendliche aus einer Betreuungssituation ausreißen, oder … Rainer?“
Zieliskes Lächeln erstarb abrupt. Er zog die Augenbrauen hoch und blickte Adelina irritiert an. Seine Gesichtszüge verhärteten sich.
“Ach, vom Fach, die Dame?“, erwiderte er spöttisch. „Hätten Sie das gleich gesagt, hätten wir uns die Einleitung sparen können. Was wollen Sie?“
Adelina antwortete nicht sofort. Ungläubig starrte sie den Mann hinter dem Schreibtisch an. Sie sah, was sie mit dem Betreten des Hauses in Unruhe versetzt hatte. Und in diesem Moment glaubte sie es auch zu riechen. Fieberhaft überlegte sie, was sie tun sollte. Zieliske konfrontieren? Aufstehen und gehen? Kajo holen? Die Polizei? Mit welcher Begründung? Aus meiner Erfahrung weiß ich … alles Unsinn. Ruhig bleiben, sagte sie sich, ganz ruhig bleiben.
Sie räusperte sich. „Ich bin einzig und allein aus dem schon genannten Grund zu Ihnen gekommen“, sagte sie bemüht freundlich. „Ich möchte bei der Suche nach Silvia und Tobias behilflich sein.“
Zieliske setzte zu einer Erwiderung an, als die Bürotür vorsichtig geöffnet wurde. Auf der Schwelle stand ein vielleicht vierzehnjähriges, noch nicht ganz waches Mädchen in Pyjamashorts und T-Shirt.
„Mara, schon aufgestanden?“, begrüßte Zieliske sie aufgeräumt. Seine Stimme hatte wieder den gewinnenden Klang. „Sie ist gestern Abend mit einem späten Flug in Faro angekommen“, fügte er erklärend für Adelina hinzu. „Um die Uhrzeit wollte ich sie nicht mehr zu ihrer neuen Familie fahren. Für solche Fälle halten wir ein Gästezimmer vor.“
“Mir war nicht gut heute Nacht“, meldete sich das Mädchen von der Tür.
“Kein Wunder“, entgegnete der Sozialarbeiter, „ nach dem, was du in dich reingestopft hast.“
„War doch nur der eine Keks“, antwortete sie.
„Na, na, da sagt mir meine Erinnerung aber etwas anderes“, erwiderte er mit einem schnellen Seitenblick auf Adelina.
„Ich find den Saft nicht, kannst du mal mitkommen, Rainer“, quengelte Mara.
„Schau mal im Schrank neben dem Kühlschrank nach. Du siehst doch, ich bin im Gespräch. Und dann würde ich es super finden, wenn du den Tisch deckst. Das schaffst du.“
„Entschuldigung“, wandte sich Adelina an Zieliske, „könnte ich auch einen Schluck zu trinken bekommen? Die Hitze, wissen Sie. Das wäre sehr nett.“
Einen Moment schien er unschlüssig, dann erhob er sich, schloss die Tür zum Nebenraum und schob das Mädchen hinaus in den Flur.
Kaum war das Schlappen seiner Flipflops verklungen, stand Adelina nach drei, vier schnellen Schritten im angrenzenden Zimmer. Der Anblick, der sich ihr bot, überraschte sie nicht mehr: Auf dem Sofa und dem Fußboden lagen einige Kleidungsstücke verstreut, die offensichtlich Zieliske gehörten. Der Couchtisch war voll gestellt mit leeren Bierflaschen, mehreren benutzten Gläsern, zwei Kaffeebechern, einer geschlossenen Keksdose aus Aluminium, einem angebrochenen Päckchen Zigarettenpapier und zwei großen ungeleerten Aschenbechern. Es roch muffig nach kalter Asche und abgestandenem Alkohol.
Adelina sah sofort, was sie suchte: neben den Kippen handelsüblicher Zigaretten einige Stummel selbst gedrehter mit gerollter Pappe als Filter.
Rasch kehrte sie zu ihrem Korbstuhl im Büro zurück. Sie hatte sich nicht getäuscht. Zieliskes große blaue Augen, die vor allem aus geweiteten Pupillen bestanden, die rot geäderte Bindehaut, die eigenhändig gefertigten Sticks, die mit Sicherheit eine Mischung aus Tabak und Cannabis enthalten hatten, die Kekse … ?
Adelina schüttelte den Kopf, sie fröstelte. Ein Kiffer und Säufer als leitender Sozialpädagoge eines Jugendhilfeprojekts. Da hatte man den Bock zum Gärtner gemacht. Wut stieg in ihr auf. Ich werde den ganzen Verein hochgehen lassen, schäumte sie vor sich hin.
Sie stand auf als sie Zieliske zurückkommen hörte. Mit einem knappen, unfreundlichen Bitte hielt er ihr ein Glas Wasser entgegen. Adelina ignorierte es.
„Ich erwarte, dass Sie sich umgehend auf die Suche nach den Jugendlichen machen“, blitzte sie den verdutzt dreinblickenden Mann an. „Ich habe gute Kontakte zur GNR. Wenn ich höre, dass Sie nichts unternommen haben, werden Sie mich kennen lernen. Also setzen Sie gefälligst Ihren Arsch in Bewegung!“
Sie stieß ihn mit dem Arm aus dem Weg und schlug die Haustür krachend hinter sich zu.

 
„Dein Erfahrungswissen und deine Beobachtungen taugen als Verdachtsmomente, sie sind aber noch keine Beweise.“ Kajo nippte an seinem Galão.
„Ich kann Anzeige erstatten“, hielt Adelina dagegen. Noch sichtlich aufgebracht zerpflückte sie eine Serviette zu kleinen Schnipseln.
„Und dann?“, erwiderte Kajo. „Er dürfte schlau genug sein, nach deinem Besuch alle Spuren zu beseitigen. Bei ihm wird nichts zu finden sein.“
„Ich spreche mit Toi.“
„Dein armer Vetter“, sagte Kajo schmunzelnd. „Erst beichten wir ihm die Verwicklung von Silvia und Tobias in die Brandsache, ihre Diebstähle, das Zurückhalten von Beweismitteln und dann beschäftigen wir ihn noch mit der Drogengeschichte des Jugendhilfevereins. Er wird sich freuen.“
Adelina traten Tränen in die Augen. Wütend warf sie den Serviettenrest über den Tisch. „Kannst du auch mal etwas Aufbauendes von dir geben?“, raunzte sie ihren Mann an.
Kajo fasste nach ihrer Hand und zog sie zu sich heran. „Adele“, sagte er begütigend, „natürlich werden wir etwas dagegen unternehmen. Und ich denke auch, Toi wird am ehesten wissen, was in diesem Fall zu tun ist. In Ordnung?“
Sie nickte. „Aber was machen wir jetzt?“, fuhr Kajo fort. „Hast du genug für heute?
Sollen wir noch zu Silvias Betreuern fahren? Wonach ist dir?“
Adelina schnäuzte sich, atmete tief durch. „Zu Hause hocken bringt uns nicht weiter. Außerdem habe ich inzwischen noch mehr als vorher das Gefühl, wir müssen die beiden als Erste finden. Mir geht auch der Typ nicht aus dem Kopf, der sich gestern bei Zé nach ihnen erkundigt hat. Lass uns zu dieser Projektfamilie fahren.“
Kajo nickte, als habe er nichts anderes erwartet. „Dann werde ich mal bei Wilfried bezahlen.“

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Kapitel 11-2 – PDF

 

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