Kapitel 9

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Kiel /Preetz, August 2007

Markus Weinberg hatte den kleinen Kopierladen im Knooper Weg pünktlich um neunzehn Uhr schließen können. Er wollte rechtzeitig zu seiner Verabredung erscheinen. Dafür hatte er den letzten, überaus mitteilungsbedürftigen Kunden mit schlecht gezügelter Ungeduld hinauskomplimentieren müssen. Der mögliche Verlust eines vage in Aussicht gestellten Auftrags ließ sich verschmerzen.
Einige Monate zuvor – in einem früheren Leben, wie es ihm nun schien – hätte Weinberg anders darüber gedacht, hätte, einem inneren Zwang gehorchend, alles daran gesetzt, selbst derart unsichere, finanziell nicht sonderlich attraktive geschäftliche Ankündigungen zu umwerben, bis er das Gefühl gehabt hatte, dem Wahrscheinlichen ein Stück Faktizität verliehen zu haben. In gewisser Weise, gestand er sich später ein, war er besessen davon gewesen, über den Weg der jederzeitigen maximalen Auslastung des Druckereibetriebes unternehmerisch erfolgreich zu sein; zu beweisen, dass er als Juniorgeschäftsführer befähigt war, das familiäre Erbe optimal zu verwalten, den Bestand nicht nur zu wahren, sondern sogar zu mehren.
Weniger ist manchmal mehr, hatte ihn der Seniorchef, sein Vater, bisweilen ermahnt, wenn er wieder einmal ein Auftragsvolumen angehäuft hatte, das nur mehr durch Sechzehn-Stunden-Tage abzuarbeiten war und dessen Ertrag in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand stand.
Bezahlt hatte in solchen Phasen Markus Weinberg eher selber – mit beginnenden Kreislaufproblemen, die er jedoch geflissentlich ignoriert hatte. Im Alter von fünfunddreißig Jahren steckte man das weg. Und schienen sich derlei Kraftakte nicht gelohnt zu haben, als ihnen der Coup gelungen war, das renommierte Hamburger Verlagshaus Willem & Partner als Großkunden zu gewinnen? Der damit einhergehende, zunächst für eine Laufzeit von zwei Jahren vereinbarte Druck der von den Hamburgern herausgegebenen Wochen- und Monatsmagazinen einschließlich der Option, den Auftrag auf die angeschlossenen Buchverlage auszuweiten, hätte die zum damaligen Zeitpunkt prekäre Geschäftslage von Weinberg Druck mit einem Schlag entspannt. Nur ein kleiner Schritt hatte gefehlt. Investitionen in die Digitaldrucksparte, in den Fuhrpark wären notwendig, aber abzufedern gewesen durch eben jene solide Auftragsbasis. Was hatte ihr Unternehmen dann doch in den Abgrund stürzen lassen?

Die Frage lief Weinberg seit einem Dreivierteljahr durch den Kopf wie ein Hamster im Rad. Als aufgrund eines schlechteren Ratings seitens der Ostsee Handelsbank sich die Vergabe des Investitionskredits verzögerte und die bis dahin gültige Kreditlinie in Frage gestellt wurde. Als das Hamburger Verlagshaus kalte Füße bekam und sich zurückzog. War Weinberg Druck in den Abgrund gestoßen worden oder hatte ihre Hausbank sie nicht auffangen wollen? Trotz der jahrzehntelangen Geschäftsbeziehung?
Sein Vater mochte es nicht glauben, Markus Weinberg befürchtete es. Die Zeiten, in denen der Handschlag zwischen Firmenkunde und seinem Banker voll gegenseitigem Vertrauen das gleiche Gewicht gehabt hatte wie ein schriftlicher Vertrag, in denen auftauchende Klippen in gemeinsamer Anstrengung umschifft worden waren, gehörten wohl endgültig der Vergangenheit an. Sie waren im Zuge des globalisierten Marktgeschehens ersetzt worden durch den kaum verhüllten Wettstreit der Eigeninteressen. Bitter für die Verlierer, sachlich gerechtfertigt in den Augen der Gewinner.
Weinberg konnte verlieren, wenn es dafür nachvollziehbare Gründe gab. Im Fall der Insolvenz ihrer Firma sah er sich als Opfer schwer durchschaubarer Mechanismen. Der Gedanke ließ ihn regelmäßig ohnmächtig wütend zurück.
Er hatte eine Weile benötigt, um sich und sein Leben neu zu justieren. Prioritäten verschoben sich. Er ordnete Privates nicht mehr gänzlich der Arbeit unter. Wenn es ihm wichtig schien, blieb er nicht länger als nötig in dem Geschäft, das er im Namen seiner Mutter führte. An diesem Abend hatte er es besonders eilig. Er wusste nicht genau, wie lange die Fahrt von Kiel in die Preetzer Innenstadt dauern würde. Wie hinderlich der Pendlerverkehr auf der B 76 zu dieser Zeit wäre. Ob er einen Parkplatz und das Ristorante Da Mario auf Anhieb finden würde. Ihre Wegbeschreibung hatte sich nach einer umständlichen Route angehört.

Es war ein anstrengender Tag gewesen. Sonja Grothe fühlte sich erschöpft. Die neue Aufgabe, die man ihr vor einigen Wochen zugeteilt hatte, verlangte nicht nur ihre volle Konzentration, sondern erwies sich mit zunehmender Dauer auch als belastend.
Ein mittelständischer Schiffszulieferer am Kieler Ostufer war in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, die Bedienung der Bankkredite stand in Gefahr. Sie hatte es kommen sehen. Seit Jahren schon litten die heimischen Werften unter der wachsenden Konkurrenz aus Asien, ausbleibende Aufträge erzeugten einen ruinösen Sog, der gerade kleine und mittlere Zulieferbetriebe mit sich riss.
Die Firma, um deren Erhalt und Neuausrichtung Sonja Grothe sich nun bemühte, war bereits vor zwei Jahren in Schieflage geraten. In letzter Sekunde hatte damals eine norwegische Investorengruppe den Konkurs durch die Übernahme abgewendet. Danach schien es eine Zeit lang, als würde die Strategie der ausgewechselten Geschäftsführung, vornehmlich in Fernost zusätzliche Kunden zu gewinnen, positive Effekte zeitigen. Plötzlich jedoch, ohne erkennbaren Grund, war das Engagement zurückgefahren worden, und das Unternehmen schrieb erneut rote Zahlen. Es machte den Eindruck, als hätten die Eigner von einem Tag auf den anderen das Interesse an einem Spielzeug verloren, das sie nun gerne austauschen würden.

Am Morgen war Sonja Grothe nur für eine Stunde an ihrem Arbeitsplatz in der Restrukturierungsabteilung der Ostsee Handelsbank gewesen, hatte sich in ihren Rechner eingeloggt und die vierundachtzig eingegangenen Emails überflogen. In der Mehrzahl hausinterne Mitteilungen, einige Anfragen von außen, keine, die umgehend hätte beantwortet werden müssen. Es war ihr sehr recht gewesen. Der Termin, auf den sie zuletzt gedrungen hatte, mit der Abordnung der norwegischen Investorengruppe in der Firma am Ostufer stand für den späteren Vormittag an. Ein Kollege würde sie begleiten und darin unterstützen, tragfähige Entscheidungen zu erreichen. Im Interesse der Bank und der sechsundfünfzig Arbeitsplätze.
Die Herren hatten ihrer betrieblichen Analyse und den Vorschlägen zur Konsolidierung der Firma aufmerksam zugehört – und sie letztlich vertröstet. Man werde ihr Konzept wohlwollend prüfen, hatte man ihr mitgeteilt, den Beschluss dazu könne jedoch allein das oberste Gremium des Konsortiums in Oslo fassen. Er werde ihr so bald als möglich zugehen.
Eine Grabrede, hatte Sonja Grothe gedacht und aus ihrer Verärgerung keinen Hehl gemacht.
Zurück in ihrem Büro war sie kurz davor gewesen, ihren Arbeitstag vorzeitig zu beenden, die abendliche Verabredung abzusagen und ihre Enttäuschung mit einer Flasche Rotwein wegzuspülen. Noch immer gelang es ihr nicht, Berufliches und Privates zu trennen, beim Verlassen des Schreibtisches die Gedankenpakete in ihrem Kopf in das Fach Wiedervorlage zu räumen. Von wegen work-life-balance. Eine konkrete Anleitung dafür sollten sich die bankinternen Kommunikationsfuzzis mal einfallen lassen, statt nur mit leeren Hülsen um sich zu werfen.
Eine SMS Ich freue mich auf dich hatte sie umgestimmt. Etwas weniger Wein, etwas mehr Markus … mit der Mischung ließe sich ebenso gut, vielleicht wohltuender abschalten. Je nachdem, wie sich ihr Zusammensein entwickelte. Sie würde darauf achten müssen, dass er sein Thema nicht anschnitt. Nicht an der offenen Wunde rührte, die er in sich trug: der Zusammenbruch der Weinberg Druck.

Das Risiko bestand, sie hatte es mehr als einmal erlebt. Möglicherweise rief ihre persönliche Anwesenheit die Erinnerung in ihm wach. Denn dort, in der Druckerei, hatten sie sich kennen gelernt, hatten über Wochen immer wieder zusammen gesessen, diskutiert und geplant, wie der Betrieb hätte gerettet werden können. Dort hatte er sie schließlich, als die Insolvenz unausweichlich geworden war, wutentbrannt der Firmenräumlichkeiten verwiesen und sich kurze Zeit später dafür mit einem riesigen Blumenstrauß entschuldigt. Das war im April gewesen und schien Sonja doch eine Ewigkeit her.
Wenige Wochen danach sein Auftritt in der Ostsee Handelsbank. Sonja Grothe überkam ein Frösteln, wenn sie daran zurückdachte. Aufgebracht und lautstark hatte Markus Weinberg schon in der Schalterhalle ein persönliches Gespräch mit dem Vorstand verlangt, war in eine Sitzung gestürmt und hatte wahllos alle Teilnehmer krimineller Machenschaften bezichtigt und gedroht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Gewaltsam hatte ihn das Sicherheitspersonal entfernen müssen.
Sonja war zu dem Zeitpunkt froh gewesen, nichts mehr mit Weinberg zu tun zu haben. Bis sie in der Kieler Woche Ende Juni erneut aufeinander trafen.

Ihre Ex-Schwägerin Wiebke, mit der sie sich trotz des Risses in der Familie immer noch gut verstand, war von der Nordseeküste, aus Dithmarschen, zu Besuch gekommen. Am frühen Abend bummelten sie am Wasser die Kiellinie entlang. Ausnahmsweise – wie sonst zur Kieler Woche üblich – regnete es nicht. Ihr Ziel war der Stand eines Sylter Gastronomen in der Nähe der Reventloubrücke, wo sie bei einem Glas Weißwein eine Pause einlegen wollten.
Als Sonja die sich prächtig amüsierende Männerrunde an einem der Stehtische wahrnahm, war es bereits zu spät, um umzukehren. Schnellen Schrittes kam Jost Herbrecht auf sie zu und schob sie ungefragt in ihren Kreis. Besorgte Gläser und eine neue Flasche Champagner, goss ihnen ein. Wiebke schien die unerwartete Aufmerksamkeit und Geselligkeit zu gefallen, Sonja fühlte sich im Zwiespalt. Ihr war die Begegnung unangenehm, sie sah sich jedoch genötigt, zumindest einige höfliche Minuten auszuharren.
Einen der zwei, allein schon durch ihre Leibesfülle saturiert wirkenden Herren in gehobenem Alter kannte sie flüchtig als Geschäftskunden der Ostsee Handelsbank, den anderen eher aus den Medien als Landespolitiker, der immer dann öffentlich von sich reden machte, wenn der Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein zur Debatte stand. Die drei Schnösel, alle um die Dreißig, die mit ihrem extrovertierten Gehabe und ihrer ebenso lässigen wie teuren Freizeitkleidung offensichtlich zu verkörpern suchten, was sie gerne einmal werden würden, nämlich erfolgreich zu sein, sagten ihr nichts.
Vor allem aber kannte sie Herbrecht. Sie streifte ihn mit einem Seitenblick und musste zugestehen, dass er eine attraktive Erscheinung darstellte: in seinem braunen Lederblouson, dem sandfarbenen Poloshirt und der beigen Cordhose, mit den breiten Schultern, dem auf wenige Millimeter gestutzten dunkelblonden Haarschopf, dem glatt rasierten, markanten Gesicht und den blauen Augen, die so schelmisch lächeln konnten. Er war ihr nicht geheuer. In seiner Gegenwart überkam sie das Gefühl, angezogen zu werden und gleichzeitig flüchten zu wollen. Instinktiv spürte sie, dass er etwas ausstrahlte, was ihr nicht gut tun würde.

Etwa ein Jahr zuvor war Herbrecht als Repräsentant des Stuttgarter Unternehmens International Print AG, kurz IP AG, an der Förde aufgetaucht. Als Übernahmebewerber für die angeschlagene Brodersen Druckerei, die ebenfalls zu den Firmenkunden der Ostsee Handelsbank zählte. Nach Sonja Grothes Recherchen verfolgte der baden-württembergische Konzern weniger die Strategie, in die Ansiedlung neu erbauter Filialen zu investieren, als viel mehr marode Betriebe möglichst zu einem Schnäppchenpreis aufzukaufen und zu sanieren. Über den Weg hatte die IP AG im süddeutschen Raum, in den ostdeutschen Bundesländern, in Tschechien und Österreich Dependancen eröffnet. Nicht immer, so war es in manchen Presseartikeln zu lesen gewesen, schien es dabei wettbewerbsrechtlich einwandfrei und transparent zugegangen zu sein, doch hatten Nachforschungen nicht mehr als Mutmaßungen und spekulative Anschuldigungen zutage gefördert.
Mit der Übernahme der Kieler Druckerei hatte das Stuttgarter Unternehmen auch in Norddeutschland Fuß gefasst, und es war voraussehbar gewesen, dass die Erwerbung nicht die letzte ihrer Art bleiben würde. Sie blieb es nicht, als Weinberg Druck ins Straucheln geriet.
In den beiden Übernahmephasen hatten Sonja Grothe und Jost Herbrecht des Öfteren beruflich miteinander zu tun gehabt, um die Bank- und Geschäftsinteressen aufeinander abzustimmen. Rasch war aber auch deutlich geworden, dass Herbrecht sich um eine private Annäherung bemühte. In einer intensiven und charmanten Weise, die Sonja nicht unberührt ließ. Obgleich es ihren Prinzipien zuwiderlief, beide Ebenen miteinander zu vermengen. Irgendwann hatte sie nachgegeben und war seiner Einladung zum Essen gefolgt. Es war ein angenehmer, kurzweiliger Abend gewesen. Bis zur Rückfahrt. Bis er wie selbstverständlich seine Wohnung ansteuerte. Als wäre sie ihm eine bestimmte Gegenleistung schuldig.
Sie hatte Nein gesagt, hatte seine Hand energisch von ihrem Bein geschoben. Als die Verblüffung aus seinem Blick gewichen war, verwandelte sich sein Gesicht in eine Maske, mit einem erstarrten, wie modelliert wirkenden
Lächeln und steingrauen Augen. Schweigend hatte er sie zu ihrem auf dem Exerzierplatz abgestellten Auto gefahren, sie ohne ein Abschiedswort aussteigen lassen.
Wenn Sonja daran dachte, schlug ihr das Herz wieder bis zum Hals.

Herbrecht gab in der Männerrunde den Ton an, erzählte Anekdoten aus seiner schwäbischen Heimat und sparte den Frauen gegenüber nicht mit Anzüglichkeiten. Er trank wenig, achtete aber darauf, die Gläser der anderen nicht leer stehen zu lassen. Was die Herren dankbar annahmen.
Sonja hielt sich zurück, signalisierte ihrer ehemaligen Schwägerin, aufbrechen zu wollen, als sie aus den Augenwinkeln Markus Weinberg in ihre Richtung kommen sah. Im selben Moment hatte auch Herbrecht ihn entdeckt.
Weinberg, welche Überraschung, rief er ihm zu. Nehmen Sie sich ein Glas, trinken Sie mit uns. Was machen Sie überhaupt für ein Gesicht? Es ist Kieler Woche, da wird gefeiert!
Weinberg schüttelte den Kopf, schien umkehren zu wollen. Doch Herbrecht gab nicht auf.
Seien Sie kein Spaßverderber, Mann. Trübsal blasen ist keine Lösung. Mal gewinnt man, mal verliert man. Das Leben geht weiter. Und in jeder Krise steckt auch eine Chance, hab ich nicht recht, Leute?
Markus Weinberg stand wie angewurzelt. Dann war er mit zwei Schritten am Tisch, griff nach einem halb vollen Glas und schüttete den Champagner Herbrecht ins Gesicht. Der fuhr reflexartig den Arm aus und traf Weinberg so hart auf das Nasenbein, dass es ihn zurücktaumeln ließ. Er fing sich, bevor er zu Boden ging, drehte sich um und war in einer Menschentraube verschwunden.
Sonja reichte es. Während Herbrecht sich fluchend mit einem Taschentuch abtrocknete, verabschiedete sie sich mit einem knappen Gruß und zog Wiebke mit sich fort.

Am Beginn der Kiellinie sahen sie Markus Weinberg wieder. Er lehnte am Tresen eines Cocktailstandes, in der einen Hand ein Glas Caipirinha, in der anderen eine ursprünglich weiße, nun rot gefärbte Serviette, die er sich unter die Nase hielt. Sonja trat auf ihn zu, erkundigte sich, ob sie ihm helfen könnten. Sie kamen ins Gespräch. Er bat um Verständnis für seine Reaktion, erzählte, er habe einen Tag zuvor seinen Vater in ein Pflegeheim gebracht.
Die Aufregung über den Verlust der Firma war zuviel für ihn, sagte er. Er hatte schon im Mai einen ziemlich heftigen Schlaganfall erlitten und nun einen zweiten. Zu Hause konnte er nicht mehr betreut werden, damit war meine Mutter überfordert.
Seine Stimme wurde brüchig, er nahm einen Schluck aus seinem Glas. Als ob die Pleite und die kaputte Existenz nicht ausreichten, lachte er bitter auf, zu guter Letzt muss man sich auch noch von Bankern und diesem IP-Idioten verhöhnen lassen. Dabei sah er Sonja durchdringend an.
Sie hatte geschwiegen, ihn behutsam am Arm berührt. Sekundenlang hatte er es geschehen lassen, dann war er gegangen.

Für Sonja Grothe überraschend hatte Weinberg eine Weile danach doch wieder bei ihr in der Bank angerufen. Um ein Treffen gebeten. Sie auf eine Tasse Kaffee eingeladen. Oder auf einen Spaziergang. Mehrmals. Hatte sich hartnäckig gezeigt. Sie war unsicher gewesen.
Steter Tropfen höhlt den Stein, war es ihr durch den Kopf gegangen, als sie schließlich doch zugestimmt hatte. In Preetz fände eine nette, gemütliche Veranstaltung statt, hatte sie gemeint, ein kulinarischer Markt, der von heimischen Gastronomen ausgerichtet würde. Natürlich war er gekommen. Sie hatten ein, zwei Spezialitäten probiert, miteinander gelacht, hatten begonnen, sich mit Worten zu erkunden, bis Sonja leicht angeheitert gewesen war und ihn mit zu sich in ihre Wohnung genommen hatte. Er war ein leidenschaftlicher, beim zweiten Mal ein sanfter Liebhaber gewesen.
Und doch blieb Sonja Grothe am nächsten Morgen mit dem Gedanken allein zurück, die Nacht nicht so bald wiederholen zu wollen. Nichts zu übereilen. Nachdem Weinberg noch beim Frühstück erneut auf sein Firmenthema zu sprechen gekommen war, versucht hatte, mehr über ihre Arbeit und die Abläufe in der Bank zu erfahren.
Drückte sich darin ein normales, harmloses Interesse aus oder suchte er ihre Nähe, weil er hoffte, ihr Insiderwissen abschöpfen zu können? Sah sie Unwetter aufziehen, wo für andere nur eitel Sonnenschein herrschte? War sie mit vierunddreißig Jahren bereits derart geschädigt, dass es ihr kaum mehr gelang, zu vertrauen? Fand sie aus dem langen Schatten ihrer Ehe nicht heraus?
Obwohl sie längst nicht mehr das naive neunzehnjährige Mädchen war, das nur ein Ziel gehabt hatte: der unbegrenzt scheinenden, eintönig flachen Weite des Marschlandes an der Nordsee, die orientierungslos machte, zu entfliehen. Sie suchte damals den Maßstab in sich, der sie spüren ließ, was gut oder schlecht für sie war. Wohl deshalb, so erklärte Sonja es sich selbst, hatte sie sich in die Ehe und Geschehnisse hineinziehen lassen, die sie zuerst als unkonventionell aufregend, dann mehr und mehr als verstörend, endlich als abstoßend empfunden hatte.
Wann und vor allem wem würde sie davon erzählen können? Markus … irgendwann einmal? Derzeit gewiss nicht, da er ihr den Eindruck vermittelte, randvoll mit eigenen Problemen zu sein. Und sicher nicht, so lange jenes dumpfe, nicht zu verdrängende Misstrauen in ihr verhinderte, sich zu öffnen.
Manchmal, wenn sie von ihrem schmalen Balkon aus in den klaren Nachthimmel schaute, fragte sie sich: Was würdest du dir wünschen, wenn du jetzt eine Sternschnuppe sähest? Dass sie sich nicht als Meteorit entpuppt, der auf mich zurast, lautete jedes Mal ihre erste, spontane Antwort. Aus dieser Falle musste sie sich befreien.

Am frühen Abend war es noch warm. Vierundzwanzig Grad zeigte das Außenthermometer. Eine schwache Brise wehte aus Südost, führte kleine weiße Wolkenpäckchen in gemächlichem Tempo heran.
Sonja Grothe hatte es eilig, aus ihrer Arbeitskleidung zu schlüpfen. Der anthrazitfarbene Hosenanzug, den sie an diesem Tag getragen hatte, war eigentlich nicht ihr Stil. Er ließ sie jedoch älter aussehen und verlieh ihrem Äußeren einen Anstrich Seriosität. Der modische Wandel, den sie irgendwann auf der beruflichen Ebene vollzogen hatte, stellte einen Ausgleich zu der jungmädchenhaften Ausstrahlung dar, die ihr bei einer Größe von ein Meter zweiundsechzig, mit der fast zerbrechlich wirkenden Statur und dem puppengleichen Gesicht anhaftete. Zuvor, als sie sich legerer gekleidet hatte, hatte sie in der männerdominierten Banken- und Geschäftswelt erfahren müssen, bei Diskussionen und Verhandlungen nicht sonderlich ernst genommen zu werden. Inzwischen konnte sie mit dem Kompromiss leben, so lange er seinen Zweck erfüllte.
Unter der Dusche rann ein gewisses Maß an Müdigkeit von ihr ab. Es blieben jedoch, wie ihr Spiegelbild unerbittlich zeigte, dunkle Schatten unter den Augen, die Sonja mit einer Creme abzumildern suchte.
An der Stereoanlage im Wohnzimmer stellte sie einen regionalen Musiksender ein, tänzelte im Rhythmus eines aktuellen Sommerhits zum Kleiderschrank und begutachtete skeptisch ihre Garderobe. Schließlich entschied sie sich, nachdem sie sich einige Male unschlüssig mit der Hand durch die kurz geschnittenen, dunkelbraunen Haare gefahren war, für ein bunt geblümtes, knielanges Baumwollkleid mit schmalen Trägern, das, Figur betonend, vor allem ihren, wie sie fand, zu klein geratenen Busen hervorhob. Vorsorglich wollte sie noch eine leichte Strickjacke mitnehmen.

Im Radio wurden die Zwanzig-Uhr-Nachrichten angekündigt. Zeit aufzubrechen.
In der Fußgängerzone der Lange-Brück-Straße, in der ihre Dachgeschosswohnung lag, waren zu dieser abendlichen Stunde nur noch wenige Menschen unterwegs. Die umliegenden kleinen Geschäfte schlossen bereits um achtzehn Uhr, allein aus der Filiale der Sky-Handelskette am Markt kamen vereinzelte, letzte Kunden. An denen ins Freie vor einem Lokal gestellten Tischen saßen einige Leute, sonst war der zentrale Platz in der Innenstadt wie leer gefegt.
Sonja hatte sich mit dem Ort am Rand der Holsteinischen Schweiz inzwischen angefreundet. Als sie vor zwölf Jahren von Kiel in die Schusterstadt gezogen waren, war es ihr vorgekommen, wie vorzeitig aufs Altenteil abgeschoben zu sein. Zu kleinstädtisch, zu provinziell schien ihr die neue Umgebung, die zudem für ihren Geschmack zu wenig Abwechselung bot. Malte, ihr Mann, hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt, ihr eines Tages einen bereits unterschriebenen Mietvertrag für ein zu großes und teures Haus vorgelegt. Es war ein Teil seiner Karrierepläne, den er schlichtweg vorgezogen hatte. Wahrscheinlich war es Sonja anfänglich auch so schwer gefallen, sich einzugewöhnen, weil sie zu jener Zeit zu sehr mit ihren privaten Problemen beschäftigt gewesen war. Ein Jahr später hatten sie sich getrennt, ihr Mann war nach Kiel zurückgegangen und sie geblieben. Bekannte hatten ihr die vergleichsweise preisgünstige, im Zentrum gelegene Wohnung vermittelt.
Danach erst war es ihr gelungen, all das wahrzunehmen, in sich aufzunehmen, was sie nun hatte heimisch werden lassen. Die Überschaubarkeit und ruhige Gangart des Ortes, die etwas Entspannendes ausstrahlten. Die Bekanntheit, die man erlangte, wenn man mit einer gewissen Regelmäßigkeit in der Buchhandlung, dem Teeladen, der Bäckerei oder Fleischerei, ja selbst in den Supermärkten einkaufte oder in den Restaurants essen ging. Das Durchatmen, das sich einstellte, spazierte man am Ufer des Kirchsees, des Lanker Sees oder des Postsees entlang. Die über das Jahr verstreuten Feste mit beinahe familiärem Charakter.
Und das, was Sonja dann und wann in Preetz vermisste oder sich dort aufgrund der notgedrungen eingeschränkten Vielfalt nicht finden ließ, bot ihr die nahe Landeshauptstadt, in der sie sowieso die Wochentage verbrachte. Derart hatte sie mit der Zeit Wurzeln geschlagen und ihre Sicht, auf ein Abstellgleis geraten zu sein, gegen das Gefühl der Geborgenheit getauscht. Verstärkt hatten diesen Wandel Freundschaften, die sie schloss, nachdem sie frei genug geworden war, sich neu zu entdecken. Verdrängte Interessen wiederzubeleben, Sprachkurse zu besuchen, sich einem örtlichen Chor anzuschließen. Zu einer engeren Beziehung war sie lange nicht bereit.
Das italienische Restaurant Da Mario lag nur wenige Gehminuten entfernt. Sonja mochte das Lokal, das sie häufiger besuchte. Es bot eine gute Küche zu erschwinglichen Preisen, vor allem aber eine angenehme Atmosphäre. Vorrangig trug dazu bei, dass die Familie, die es führte, einen sehr freundlichen, natürlichen Umgang mit ihren Gästen pflegte.

Als Sonja eintrat, begrüßte sie der Chef am Tresen mit einem strahlenden Lächeln.

„Frau Grothe, buena sera“, rief er ihr entgegen. „Schön, Sie zu sehen. Suchen Sie einen Tisch für sich allein? Wird bisschen schwierig.“
Er machte eine weit ausholende Armbewegung. Alle Tische schienen besetzt. Freitagabend, die Menschen gönnten sich etwas.
„Danke, Mario“, gab Sonja zurück, „ich glaube, ich werde erwartet.“
Mit dem ersten Blick hatte sie Markus Weinberg noch nicht entdeckt. Nachdem sie einige Schritte weiter in das Restaurant hineingegangen war, sah sie ihn an einem Tisch in der Ecke eines kleinen, zum Tresen hin offenen Raumes. Er nahm ihr Kommen nicht wahr, schien versunken in eine neben ihm an der Wand hängende Fotografie. Als sie sich zu ihm herabbeugte und ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückte, schreckte er auf.
„Du träumst“, sagte sie schmunzelnd und fuhr ihm mit der Hand durch die kurzen braunen Haare, die wie immer, ob gekämmt oder ungekämmt, zerzaust aussahen.
„Zu schön, um wahr zu sein“, entgegnete Markus und wies mit dem Kopf auf das gerahmte Foto.
Es zeigte eine sanft-runde Hügellandschaft, die mit Teppichen fahlgelber Stoppelfelder belegt war. Ein einsamer Weg führte zu einem auf einer Anhöhe ruhenden Gehöft aus Natursteinen. Es wurde umsäumt von dunkelgrünen, hoch aufragenden Zypressen. Über allem wölbte sich ein makelloses Azurblau.
„Dort müsste man jetzt sein“, fügte Weinberg leicht seufzend hinzu.
„Wäre mir zu heiß im Moment in der Toskana“, erwiderte Sonja. „Mir reichen die Temperaturen hier. Außerdem sieht mir das Bild arg nach Postkartenidylle aus. Die Realität wird wohl nicht ganz so harmonisch sein.“
„Aber man wäre weit weg von allem“, sagte er.
Sonja musterte ihn. Weinberg schien im Vergleich zu ihrem letzten Treffen noch einmal schmaler geworden zu sein. Das kurzärmelige karierte Hemd hing an ihm, als sei es zwei Nummern zu groß. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, unter den etwas hervorstehenden Wangenknochen wirkte sein Gesicht eingefallen und blass. Er sah übernächtigt aus.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte Sonja besorgt nach.
Weinberg straffte den Oberkörper, lehnte sich kerzengerade an die Stuhllehne.
„Alles in Ordnung“, sagte er. „Vielleicht sollten wir etwas bestellen, was meinst du?“
Dabei griff er nach einer eingebundenen Speisenkarte, die auf dem Tisch lag, und hielt sie Sonja entgegen. Sie hob abwehrend die Hand.“
„Ich muss nicht nachsehen, ich weiß, was ich möchte“, antwortete sie distanziert.
Weinberg atmete hörbar aus. „Natürlich ist nicht alles in Ordnung“, sagte er, „aber können wir nicht später darüber reden?“
Er rieb sich mit den Fingern die Stirn, legte die Karte beiseite. „Ich habe schon hineingesehen, bevor du kamst. Ich nehme Lasagne … und noch eine Weinschorle. Und du?“
„Vitello tonnato. Abends mag ich nicht so viel essen. Und ein Glas Pinot Grigio.“
Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, trat eine angespannte Stille ein, die umso deutlicher zu spüren war, je lebhafter die Gespräche an den Nachbartischen wurden. Sonja bereute es fast schon, ihr Treffen nicht abgesagt zu haben.
„Wie war dein Tag?“, versuchte Weinberg die Situation aufzulockern. Es klang halbherzig. Auch seine Stimmung schien sich weit vom erwartungsfrohen Inhalt seiner nachmittäglichen SMS entfernt zu haben.
„Frag nicht“, entgegnete Sonja und winkte mit der Hand ab, erzählte dann aber doch in knappen, allgemeinen Worten von ihren enttäuschenden Bemühungen um die Rettung des Betriebes am Ostufer.
Weinberg breitete die Arme aus. „So spielt das Leben“, sagte er mit süffisantem Unterton. „Mal gewinnt man, mal verliert man. Kommt mir irgendwie bekannt vor.“
„Mehr fällt die dazu nicht ein?“, fuhr sie auf. „Du hörst dich schon an wie … wie …“
„Wie unser IP-Freund Herbrecht?“, erwiderte er. „Tja, ich lerne dazu. Was erwartest du von mir? Dass ich Mitleid zeige? Diese hehre mitmenschliche Regung verliert sich, wenn du am Boden liegst und tagtäglich um deine Existenz kämpfen musst. Da heißt es, treten, bevor man getreten wird. Die Welt ist schlecht. Warum sollte es anderen besser ergehen als uns? Wer hat uns denn geholfen, als die Firma den Bach runterging? Außerdem weiß ich gar nicht, warum du so deprimiert bist. Die Sache heute war nicht der erste und wird nicht der letzte Schiffbruch sein, den du erlebst. Und du hast immer noch deinen Job, oder?“
Sonja schüttelte den Kopf. „Das ist absolut unfair, Markus“, sagte sie leise. „Was ist passiert?“
„Due vini … für die Signora … für den Signore“, unterbrach sie der Wirt unerschütterlich munter. „Essen kommt subito.“
Weinberg trank einen Schluck, stellte das Glas auf den Tisch, drehte es zwischen den Händen.
“Was passiert ist?“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Nichts, gar nichts. Das ist es ja eben. Ich kopiere von morgens bis abends Zettel, Bilder, Buchseiten, fülle leere Papierfächer auf, hoffe, dass die Geräte problemlos funktionieren, und stapele zum Schluss die Cent- und Eurostücke, bis mir die Tränen kommen. Hast du eine Ahnung, wie sich ein solcher Abstieg anfühlt? Weißt du, wie es ist, noch Jahre auf einem Berg von Schulden zu sitzen? Den Vater im Heim zu sehen, von Mal zu Mal dem Verfall näher? Eine Mutter, die sich in ihrer eigenen Realität verkriecht? Ist das fair?“
Weinberg war laut geworden, erste neugierige Blicke von den Nebentischen streiften sie. Sonja legte ihm besänftigend eine Hand auf den Arm.
„Ganz bestimmt nicht“, entgegnete sie. „Es ist sogar sehr schlimm. Das hatte ich aber nicht gemeint. Viel mehr denke ich, wir, meine Abteilung in der Bank, haben wirklich alles getan, um zu retten, was zu retten war. Dass immer mal wieder Firmen bei dem sich rasant wandelnden Marktgeschehen und zunehmendem Wettbewerb den Kürzeren ziehen, ist ja wohl ein alltägliches Phänomen. Und stellt nicht zuletzt ein Stück unternehmerisches Risiko dar, das weißt du genauso wie ich. Dass es ausgerechnet Weinberg Druck treffen musste …“
„Du klingst, als hätten wir beim Würfelspiel verloren“, schnaubte Markus. „Ich meine immer noch, der Betrieb hatte eine aussichtsreiche Perspektive. Das hast du doch auch so gesehen … jedenfalls eine Zeit lang. Warum ist die Kreditvergabe hinausgezögert worden? Ist es üblich, in der Bewertung der Wirtschaftlichkeit herabgestuft zu werden, wenn sich die Auftragslage verbessert? Gab es dafür einen stichhaltigen Grund? Ich glaube, wenn das Ganze tatsächlich ein Spiel war, lagen auch gezinkte Karten auf dem Tisch.“
„In der Kreditangelegenheit habe ich nicht zu entscheiden gehabt. Das ist Sache unseres Risikomanagements.“ In Sonjas Stimme schlich sich ein verärgerter Unterton. „Das Überleben von Weinberg Druck hing in starkem Maße von dem einen Hamburger Großauftrag ab. In einem solchen Fall wird schon genau hingeschaut, gerade wenn es dann um einen Kredit in der Größenordnung geht. Du solltest dich auch einmal in die Situation der Bank versetzen.“
„Habe ich ja versucht“, echauffierte sich Weinberg. „Und? Hat man mich angehört? Habe ich Antworten erhalten?“
„So wie du dich aufgeführt hast?“, gab Sonja schnippisch zurück. „Sei froh, dass die Bank von einer Anzeige abgesehen hat. Mehr noch, es wurde aufgrund deines Sturmlaufs sogar eine interne Prüfung der Angelegenheit veranlasst.“
„Und was ist dabei herausgekommen?“
Sonja zuckte mit den Achseln. „Den Abschlussbericht habe ich nicht gelesen. Offenbar aber hat man keine Fehler oder Versäumnisse seitens der Bank aufgedeckt, sonst hätte es eine offizielle Verlautbarung gegeben. Oder zumindest wäre etwas davon durchgesickert.“
Sie beugte sich über den Tisch zu Weinberg vor. „Lass uns das Thema wechseln, ja? Das habe ich den ganzen Tag um die Ohren, und streiten möchte ich mich heute Abend auch nicht mehr.“
Markus entspannte sich, lächelte sie an. „Du hast recht“, sagte er. „Außerdem kommt unser Essen, das ist der passende Zeitpunkt. Erzähl mir doch einen Schwank aus deiner Jugend, ich weiß noch so wenig über dich.“
Sonja war erleichtert. Viel länger hätte sie die unerquickliche Diskussion nicht ertragen. Einmal mehr dachte sie, dass sie in Zukunft das schwierige Thema würden meiden müssen, wenn sie eine Chance haben wollten.
Es gefiel ihr, Markus ein Stück weit mit in ihr Leben zu nehmen. Ihm ihre Familie bildhaft vorzustellen, den Landstrich, in dem sie groß geworden war. Ihm zu verraten, wie sehr sie manchmal den rauen Wellenschlag der Nordsee vermisste. Sie merkte, wie die Worte aus ihr heraussprudelten, mit denen sie ihre Grundschule in dem von Kohlfeldern umschlungenen Dorf beschrieb, den Umzug in die ihr anfänglich riesig erscheinende Kreisstadt Heide, ihre Gymnasialzeit, die Partys in Teenagerjahren, den ersten Freund. Sie malte farbenprächtig aus, retuschierte da und dort und wurde einsilbiger, lückenhafter, je näher sie ihrer Heirat kam. Die Jahre danach gerannen zu nackten Daten.
Sonja hatte Weinberg gegenüber zuvor bereits ihre gescheiterte Ehe erwähnt. Nicht mehr, keine Details, keine Hintergründe oder Schuldzuweisungen. Auch in diesem Moment, in dem sie sich ihm wieder nahe fühlte, war sie sich nicht sicher, wie er reagieren würde. In welchem Licht sie erschiene. Hätten sie beide die Geister im Griff, die sie riefen?
Markus Weinberg fiel der Wandel ihres Redeflusses auf. Die Wortkargheit, mit der sie ihre private Zone der letzten fünfzehn Jahre bedachte. Er akzeptierte es mit gemischten Gefühlen. Hatte sie die Befürchtung, er könnte auf die frühere Beziehung eifersüchtig sein? War es an ihm, ihr zu vermitteln, dass jene Phase ein Teil ihres Lebens ausmachte, dem auch er sich zu stellen bereit war? Auf jeden Fall musste er es behutsam angehen.
„Wie heißt du eigentlich mit Mädchennamen?“, fragte er, als ihre Erzählung auslief.
Sonja schmunzelte. „Na, wie jetzt auch, Grothe. Den habe ich nach der Scheidung wieder angenommen.“
„Und wie hat man dich als Ehegattin angeredet?“, hakte Weinberg nach.
Ihr Gesicht verschloss sich, sie zögerte. „Tostedt“, sagte sie schließlich.
„Den Namen kenne ich irgendwoher“, entgegnete Markus.
„Gut möglich, ist ziemlich norddeutsch.“
„Nein, nein, der ist mir vor nicht allzu langer Zeit begegnet. Ich komme noch darauf.“
Weinberg kratzte sich am Kopf, schien nachzudenken.
„Ach, lass doch“, sagte Sonja, „ist nicht wichtig. Bestell uns lieber noch etwas zu trinken.“
„Ich hab`s“, rief er aus. „Wusste ich es doch. Unser Firmenkundenberater hat den Namen erwähnt. Müsste bei dir in der Bank arbeiten. Verwandtschaft von dir?“
Sonja stützte das Kinn auf beide Fäuste. „Du lässt nicht locker, oder?“, lächelte sie ein wenig gezwungen. „Also gut. Ja, Tostedt ist mein Ex-Mann. Er war mein Arbeitskollege. Ist inzwischen ausgeschieden.“
Sie winkte Mario, dem Wirt, und bat um ein weiteres Glas Wein.
„Schau mich nicht so an“, sagte sie, nachdem sie sich wieder Markus zugewandt hatte.
„Wir waren die ganzen Jahre in unterschiedlichen Abteilungen tätig, sind uns kaum begegnet. In der Trennungszeit empfand ich die räumliche Nähe als unangenehm, danach wurde sie mehr und mehr zur Routine. Wir sind sachlich neutral miteinander umgegangen, wie mit den anderen Kollegen auch.“
„Stelle ich mir schwierig vor“, erwiderte Weinberg. „Gefühle, die das Verfallsdatum überschritten haben, werden möglicherweise ungenießbar, verschwinden aber nicht so einfach. Keine Ressentiments, keine unterschwellig geworfenen Knüppel zwischen die Beine des anderen?“
Sonja schwieg nachdenklich, schien Erinnerungsbilder zu betrachten.
„Wie gesagt, unsere Kontakte hielten sich in Grenzen. Er hat seinen Job gemacht, ich den meinen. Allerdings …“, sie wand sich, „hatte ich seit dem vergangenen Jahr das Gefühl, er wolle mir näher rücken, als mir lieb war.“
Weinberg zog die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du darauf?“
„Er tauchte öfter als vorher bei mir im Büro auf, schickte mir hin und wieder Emails oder SMS privaten, für mich jedoch uninteressanten Inhalts. So etwas eben. Neulich erst bekam ich eine Email von ihm, er sei in Portugal, in der Algarve, und lasse es sich gut gehen. Ob ich ihn nicht mal besuchen wolle. Völliger Schwachsinn. Das Ganze dann noch mal als SMS. Hier, willst du sie lesen?“
Dabei kramte sie in ihrer Umhängetasche, holte ihr Handy heraus und hielt es Weinberg entgegen. Er winkte ab. Es irritierte ihn, wie aufgewühlt sie sich gab.
„In Portugal würde ich auch gern Urlaub machen“, sagte er, als suche er nach einer Ablenkung. „Warst du schon mal dort?“
Sonja nickte. „Ja, irgendwann Anfang der neunziger Jahre. Mit Malte zusammen. In der Westalgarve. Ich meine, Carvoeiro hieß der Ort. Da ist er aber jetzt nicht gelandet. Seiner Beschreibung nach lebt er in einem Kaff im Monchique-Bergland. Den Ortsnamen fand ich lustig. Er las sich wie Marmelade. Na ja, soll er glücklich werden dort unten, mich geht es nichts mehr an.“
„Plant er denn einen längeren Aufenthalt?“, fragte Weinberg verwundert nach. „Das Alter, um sich zur Ruhe zu setzen, hat er doch wohl noch nicht erreicht. Wie finanziert er das Ganze?“
„Ich schätze, er legt so eine Art Sabbatjahr ein. Nach fast fünfzehn Jahren in Diensten der Bank dürfte er eine ordentliche Abfindung erhalten haben. Vielleicht hat er auch Erspartes auf der hohen Kante liegen, in Aktien oder Fonds investiert, was weiß ich. Insgesamt sollte das genügen. Die Lebenshaltungskosten werden im Armenhaus der EU zudem deutlich niedriger sein als hierzulande.“
„Ist er schon lange in der Algarve?“, bohrte Weinberg weiter.
Sonja verdrehte die Augen. „Markus, du nervst. Warum willst du das wissen? Nein, erst seit Juli, glaube ich.“
Im Juni, berichtete sie, sei Tostedt in der Bank ausgeschieden. Man habe den Arbeitsvertrag in beiderseitigem Einvernehmen gelöst, hieß es. Private Gründe seien Ausschlag gebend gewesen. Danach habe er seine Zelte in Kiel abgebrochen.
„Im Juni“, wiederholte Weinberg nachdenklich. „Wenn ich mich recht entsinne, hatte der Firmenkundenberater seinen Namen im Zusammenhang mit unserer Kreditsache genannt. War er damit befasst?“
Sonja runzelte die Stirn. „Worauf willst du hinaus? Ja, war er, im Rahmen des Risikomanagements. Er hatte die Kreditkontrolle unter sich. Insofern auch die Entscheidungskompetenz in solchen Angelegenheiten. Ab einer gewissen Dimension selbstverständlich in Abstimmung mit dem Vorstand.“
„Dann hat er also unsere Firma auf dem Gewissen.“ Markus starrte Sonja ungläubig an. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, es arbeitete in ihm. „Du und dein Ex-Mann, ihr wart beide mit unserer Angelegenheit beschäftigt“, stieß er nach einer Weile in schneidendem Ton hervor. „Und dann kennst du auch noch Herbrecht von der IP AG, die schon bereit standen, unseren Betrieb zu übernehmen. Da muss man ja nur noch eins und eins zusammenzählen.“
„Bist du verrückt geworden?“, fauchte Sonja zurück. „Du weißt genau, woher ich Herbrecht kenne. Außerdem ist die IP AG Kunde unserer Bank, seit sie bei der Brodersen Druckerei das Ruder übernommen haben. Sie haben sinnvollerweise deren Konten bei uns belassen. Ein ganz normaler Vorgang.“
„Das wird ja immer besser“, schnaubte Weinberg. „Der kapitalkräftige IP-Konzern Großkunde bei euch. Da kann man natürlich ein gewisses Entgegenkommen von Seiten der Bank erwarten.“ Seine Mundwinkel verzogen sich verächtlich. „Im Mai mein Aufstand in der Bank, danach die interne Prüfung, wie du sagst, im Juni verliert Tostedt seinen Job … alles Zufall?“
„Hast du nicht zugehört?“, erwiderte Sonja wütend. „Malte ist aus privaten Gründen gegangen und …“
„Hieß es“, unterbrach Weinberg sie.
„Weißt du was“, Sonja griff nach ihrer Tasche und der Strickjacke, „mir reicht es. Ich habe nicht die geringste Lust, mich weiter mit deinen Verschwörungsfantasien zu beschäftigen.“ Sie drehte sich zur Seite und winkte dem Wirt. „Mario, ich möchte zahlen.“
„Ich begreife dich nicht“, wandte sie sich noch einmal Weinberg zu. „Du verrennst dich da in etwas. Wenn du wirklich denkst, ich sei in die Sache verstrickt – falls es überhaupt einen Grund für eine Verstrickung geben sollte, was ich nicht sehe – erschließt sich mir nicht, was du von mir willst. Erhoffst du dir Hinweise bei mir zu finden, die deine abstruse Theorie bestätigen? Darüber solltest du dir vielleicht einmal Klarheit verschaffen. Wenn du soweit bist, sag mir Bescheid. Bis dahin … leb wohl.“
Ihre Augen schimmerten feucht, als sie mit einem Ruck aufstand. Sie bezahlte am Tresen und verließ das Restaurant, ohne sich noch einmal umzublicken.

Copyright Franz Bludau & Christoph Höver

Kapitel 9 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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