Wutentbrannt – Ein Algarve-Krimi (Kapitel 1)

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Westalgarve, Mitte Juli 2008

Seit Tagen wehte ein heißer Nord-Ost-Wind über die Iberische Halbinsel. Auf seinem Weg über die ausgetrocknete Landmasse Spaniens hatte er sich auf weit über vierzig Grad aufgeheizt und traf tief im Südwesten auf das wasserreiche, mit Eukalyptusbäumen, Korkeichen, Medronhobüschen und Kiefern bewachsene Küstengebirge des portugiesischen Monchique. Mühelos überwand er die bis zu achthundert Meter hohen Gipfel, stürzte sich hangabwärts, umstrich die skurrilen, vorgelagerten Schieferhügel, um hinter dem letzten Felsriegel die Costa Vicentina zu überstreifen und auf dem offenen Atlantik das Weite zu suchen.
Was er noch an Feuchtigkeit finden konnte, die das viel zu trockene Frühjahr und die ersten Juliwochen hinterlassen hatten, nahm er mit. Die Stauseen der spanischen Extremadura waren inzwischen auf einen Stand von unter einem Drittel ihrer Kapazität gefallen und die sonst gut gefüllten Unterläufe der Flüsse im portugiesischen Teil der Halbinsel in weiten Teilen zu Rinnsalen geschrumpft.

Erste größere Waldbrände weckten im Monchique und der Küstenregion im äußersten Südwesten der Algarve Erinnerungen an die Katastrophensommer 2003 und 2004, in denen weite Teile des Baumbestandes, zahlreiche Häuser und Existenzen vernichtet worden waren und viele Menschen ihr Leben verloren hatten. Darauf musste reagiert werden, vor allem auf das verheerende Krisenmanagement der damaligen Regierung unter Durão Barroso. Nach ihrer Abwahl wurden Einsatzpläne neu koordiniert, drei kanadische Löschflugzeuge angeschafft sowie eine Reihe von Hubschraubern, die, mit riesigen Wassersäcken unter dem Rumpf, in der Lage waren, lokal aufflackernde Brände schnell unter Kontrolle zu bringen.
Zur umfassenden Beruhigung der Bevölkerung trugen die Maßnahmen nicht bei. Allenfalls bei denen, die die gefräßige Wut des Feuers nie erlebt hatten. Oder aus Unerfahrenheit unterschätzten. Den anderen saßen die Angst und der Respekt vor der Naturgewalt zu tief. Sie hielten die staatlichen Reaktionen für unzureichend, für einen Tropfen auf einem heißen Stein. Vermutlich, weil sie von den Regierenden in Lissabon beschlossen worden waren, deren halbherzigen Entscheidungen grundsätzlich misstraut wurde.

Während des Tages waren mehrere Brände im Monchique aufgeflammt, die aber – bevor sie sich zu einem Großfeuer vereinigen konnten – eingedämmt wurden. Der Wind wirbelte weiße Ascheflocken auf, trieb sie vor sich her, bis sie auf die umliegenden Dächer und Gärten hinab fielen. Schnee im Juli. Eine unmissverständliche Warnung, seine Papiere und Wertsachen zusammenzupacken und sich auf eine plötzliche Flucht vorzubereiten. Hier, von den einzeln gelegenen Häusern der dünn besiedelten Serra de Espinhaço do Cão aus, konnte man weiter oben die Hubschrauber mit ihrer Wasserlast hören und sehen, wie sie in die schwarzen Rauchfahnen abtauchten, um dann zum Auftanken neuen Löschwassers zu einem der nahen Stauseen zurückzufliegen. Noch war die Gefahr nicht gebannt, jederzeit konnten aus den Brandnestern wieder Flammen emporzüngeln. Die Flüge würden sich bis in die Nacht fortsetzen.

Auch im Tal bei Mosqueiro roch es nach Feuer. Irgendwo in der Nähe musste es brennen. Vom Telefon des einzigen Cafés der Gegend und von privaten Handys gingen Notrufe bei der Feuerwehr in Aljezur, der zwölf Kilometer westlich gelegenen Kreisstadt, ein. Ein sichtlich überforderter Einsatzleiter gab die Meldung an die regionale Einsatzzentrale in Portimão weiter und schickte den letzten noch im Magazin verbliebenen Löschzug mit fünf Mann Besatzung auf den Weg.
Keinen der Bewohner des Tals und der Umgebung hielt es im Haus. Man musste sich Gewissheit über den Brandort und das Ausmaß verschaffen. Dann sahen sie den flackernden Schein, der die Abenddämmerung durchbrach, und den Rauch, den der Wind als lang gezogene Schleppe Richtung Küste mit sich nahm. Dort, auf der westlichen Talseite, stand ein Ferienhaus, das – soweit man wusste – nur selten genutzt wurde. Niemand kannte den Eigentümer näher. Ein Deutscher, hieß es, ein Mann mittleren Alters. Einer, der keinen Kontakt suchte. Verschiedentlich hatte man ihn in Aljezur gesehen, in einem Café. Es war unwahrscheinlich, dass er sich zu diesem Zeitpunkt in seinem Haus aufhielt. Und falls doch, würde er sich beim Ausbruch des Feuers in Sicherheit gebracht haben. Auf jeden Fall aber schien es angeraten, den anrückenden Löschkräften die genauere Position des Brandherdes mitzuteilen.

Wenig später waren die Signale der Feuerwehr zu hören, und einer der in der Umgebung kreisenden Hubschrauber erkundete die Gegebenheiten der neuen Feuerstelle. Der Wind, der gegen Abend etwas nachgelassen hatte, frischte wieder merklich auf, und man konnte sehen, wie sich das Feuer mit großer Geschwindigkeit den Hang aufwärts durch das Unterholz fraß. Es hatte bereits die Zufahrt des Schotterwegs zu der Asphaltstraße überschritten. Etliche der Eukalyptusbäume, die hier neben dem Weg wuchsen, waren schon in Flammen aufgegangen und leuchteten wie überdimensionale Fackeln in der hereinbrechenden Dunkelheit. Das Prasseln des Feuers und das explosionsartige Knallen, wenn einer der Medronhobüsche in der Gluthölle unterging, bildeten eine erschreckende Begleitmusik.
Von einer etwas höheren Position aus konnte man das Haus inmitten des Feuerinfernos erkennen. Aus dem Dachstuhl des umgebauten ehemaligen Lagerschuppens aus Bruchstein schlugen bereits die Flammen, und die Fenster in den dunklen Wänden leuchteten durch das Lodern im Inneren wie die Augen eines mystischen Ungeheuers.
Das Blaulicht der Feuerwehr war schon zu sehen, als der Hubschrauber zurückkam und seine Wasserlast über dem Gebäude ablud. Mit lautem Zischen zogen sich die Flammen zurück, und dichter, giftiger Nebel quoll aus dem Gebäude. Doch nur Sekunden später glimmte das Feuer erneut auf, schüttelte die Feuchtigkeit ab und machte sich wütend über den Rest seiner Beute her.

Währenddessen hatte der Löschzug der Feuerwehr die Zufahrt zum Haus erreicht, die brennendes Unterholz und Eukalyptusbäume blockierten. Als eingespieltes Team benötigten die Männer nur wenige Minuten, um bereit zu sein, sich den Weg mit Wasser und Feuerpatschen frei zu kämpfen. Zur Unterstützung kehrte der Hubschrauber zurück und ließ aus seinen Tanks einen kurzen, heftigen Platzregen niedergehen. Ein zweiter Helikopter war angefordert und aus dem Monchique abgezogen worden. Auf dem Boden verstärkte ein weiterer Trupp Feuerwehrleute die Brandbekämpfung. Ihre Aufmerksamkeit und Sorge richteten sich nun darauf, das Wiederaufflammen einzelner Glutnester zu unterbinden, um die angrenzenden Waldbereiche zu schützen. Es gelang ihnen mit vereinten Kräften.

Im Licht mehrerer Scheinwerfer bot der Ort des Geschehens einen gespenstischen Anblick. Überall stieg Rauch von der Erde auf, Büsche qualmten, als hauchten sie ihre Seele aus, Reste nackter, schwarzer Baumstämme zeigten fingergleich nach oben. Das Haus war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Nur Teile des verkohlten Dachstuhls ragten wie die Rippen eines Riesenskeletts in den Nachthimmel und drohten jeden Moment in das Innere zu stürzen. Große Mengen Löschwasser und einige beherzte Schläge mit einer langstieligen Axt beseitigten die Gefahr. Mit Atemmasken und starken Taschenlampen ausgestattet, bahnten sich zwei Feuerwehrmänner vorsichtig den Weg in den einzigen, aber großzügigen Raum des Hauses, der offenbar als Wohn- und Schlafzimmer gedient hatte. Ein durch die Hitze verbogenes, zum Teil geschmolzenes Kühlschrankgehäuse neben einer geborstenen Marmorplatte und einer noch ziemlich intakt aussehenden Kochplatte markierten die Stelle, wo einmal – in einer geschützten Mauernische – die Kochecke gewesen war.
Die Holztüren und hölzernen Regalbretter unter der Arbeitsplatte waren den Flammen zum Opfer gefallen. Nur ein kleiner Tresor – wie man ihn in jedem größeren Kaufhaus für kleines Geld kaufen kann – schien äußerlich weitgehend unversehrt. Die Kunststofftastatur des elektronischen Schlosses war jedoch nicht mehr verwendbar.
Im übrigen Raum herrschte blankes Chaos. Was einmal Einrichtung gewesen sein mochte, lag unter Bergen von herabgestürzten Balken und zerbrochenen Dachziegeln. Einzelne Gegenstände waren auf den ersten Blick nicht auszumachen. Während einer der Männer über den Schutt einen Weg zum hinteren Teil des Hauses suchte, wo sie das Badezimmer vermuteten, ließ der andere den Lichtkegel seiner Taschenlampe Meter für Meter über das Trümmerfeld gleiten. Bei einem halb sichtbaren Gestell in einer Ecke des Raumes hielt er inne. Es musste sich um das Bett handeln. Ein erster Anhaltspunkt für die Aufteilung des Interieurs. Und der Aufräumarbeiten, die am nächsten Tag beginnen würden. Denn an diesem Ort schien nichts die Mühe einer übereilten Bergungsaktion zu rechtfertigen. Nicht das Gewirr aus Sprungfedern und gekrümmten Metallschienen, das einmal eine Doppelbettmatratze gewesen sein mochte, nicht der Flachbildfernseher an der Wand oder das darunter befindliche verchromte Tischchen mit Sat-Receiver und DVD-Player. Sie waren zu unförmigen Klumpen zusammengeschmolzen. Ebenso wenig lohnte es wohl, noch in der Nacht den Hauptteil der Dachkonstruktion in der Mitte des Raumes zu beseitigen, nur weil sich darunter vermutlich ein zertrümmerter Esstisch, Stühle oder eine Couchgarnitur verbargen. Was das Feuer sich nicht gänzlich einverleibt hatte, war im Löschwasser ertrunken.
Vor allen Dingen aber gab es keinerlei Hinweise darauf, dass sich während des Brandes im Haus ein Mensch aufgehalten hatte. Von hier war kein Notruf ausgegangen und in der näheren Umgebung kein Fahrzeug entdeckt worden. Es konnte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, irgendjemand hätte sich zu Fuß zu diesem abgelegenen Platz aufgemacht.
Sie würden bis zum Morgen eine Brandwache aufstellen, den Besitzer verständigen und mit ihm gemeinsam den Schaden begutachten. Sicherlich auch mögliche Ursachen erörtern. Eine Routineangelegenheit. Eine Lappalie im Vergleich zu den Flächenbränden vergangener Jahre.

Und doch zögerte der Feuerwehrmann, die qualmende, durchnässte, stinkende Ruine zu verlassen, nachdem er seinen Rundblick beendet hatte. In jenem Moment, aber auch zu einem späteren Zeitpunkt hätte er nicht sagen können, was genau ihn zurückhielt. Pure Neugier? Eine vage Ahnung? Ein besonderer Geruch? Vielleicht das durch eine Wolkenlücke sekundenlang einfallende Mondlicht, das den Bereich um das Bett schnappschussartig einfing. Vorsichtig bewegte er sich darauf zu, stemmte einen Balken beiseite, räumte einige Ziegel und zersplitterte Holzstücke weg. Dann sah er es.
Im Schein der Taschenlampe lag eine verkohlte Leiche. Der haarlose Kopf, das Gesicht auf den Boden gedrückt, die Arme angewinkelt nach vorn gestreckt, die Beine noch unter Schutt verborgen. Der Körper war durch die Hitze geschrumpft, und die schwarz verbrannte Haut hatte sich um die Knochen und die eingetrockneten inneren Organe zusammengezogen. Wie Folie um Würstchen.

Dem Feuerwehrmann wurde übel. Hastig stolperte er aus dem Haus, riss sich das Atemgerät vom Kopf und erbrach sich. Dann erst zeigte er sich in der Lage, seinen Fund zu berichten. Hektik brach aus. Die Scheinwerfer wurden näher gebracht und mit vereinten Kräften nach möglichen weiteren Opfern unter den Trümmern gesucht. Mit negativem Ergebnis.

Wenig später trafen zwei Jeeps der Staatspolizei Guarda Nacional Republicana (GNR) ein, die vom Einsatzleiter der Feuerwehr angefordert worden waren. Die Polizisten ließen sich über das Geschehen informieren, beorderten die Löschkräfte aus dem Haus, sperrten das Gelände mit schwarz-gelben Sicherungsbändern ab. Eile schien nicht geboten, die Situation eindeutig. Ein Unglücksfall. Der Tote allem Anschein nach ein Ausländer, einer von der unerfahrenen, aber überheblichen Sorte, die jeden gut gemeinten Rat in den Wind schlugen. Und dafür manchmal Feuer ernteten. Die Polizei würde ihre Pflicht tun und dabei Ruhe bewahren.

All Rights Reserved. Copyright bei Franz Bludau und Christoph Höver

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Kapitel 1

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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