Kapitel 2 – Teil 1

2

 Krogdorp (Schleswig-Holstein), März 2007

 Es war ein launiger Abend geworden, wie zumeist, wenn sich die Bewohner Krogdorps zu einer ihrer über das Jahr verstreuten, gemeinsamen Aktivitäten trafen. Nachdem die Alteingesessenen die Witterungsanzeichen in diesen mittleren Märztagen gedeutet und einige Eingeweihte den Hundertjährigen Kalender zu Rate gezogen hatten, alle dazu passenden Bauernregeln deklamiert worden waren und die daraus resultierende, für Außenstehende magisch anmutende Prognose von den amtlichen Wetterdaten hatte bestätigt werden können, war man übereingekommen, der Winter habe das Dorf endgültig verlassen.

Die Menschen atmeten auf, was in der von spektakulären Ereignissen nicht gerade überfluteten Gegend Schleswig-Holsteins einen triftigen Grund abgab, ein Fest zu feiern. Da dort jedoch überwiegend ein weniger praktizierter, als viel mehr tradierter – manche argwöhnten gar, ein genetisch bedingter – Protestantismus gelebt wurde, der, jedwedem schlechten Gewissen vorbeugend, eine der Belustigung vorausgehende Arbeit, zumindest eine körperliche Beschäftigung verlangte, hatte der ehrenamtlich tätige Bürgermeister, möglicherweise auch eine vorwitzige Person aus den Dorfreihen kurzfristig Schietsammeln anberaumt. Beginn Freitagabend, siebzehn Uhr, nach dem Melken.

An der Aufräumaktion teilzunehmen, war jedem freigestellt. Wollte man jedoch zur Gemeinschaft dazugehören und nicht zuletzt bei Problemen aller Art von der großzügigen Nachbarschaftshilfe profitieren, schien es angeraten, sich pünktlich vor dem Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr einzufinden. In Gruppen aufgeteilt trabte man von dort aus gemächlich hinter jeweils einem Trecker mit Hänger her, lief die wenigen Straßen des Dorfes ab und klaubte aus Gräben und Knicks all die verlorenen, weggeworfenen oder vom Sturm herbei gewehten Papierfetzen, Stoff- und Plastikteile auf, die sich über den Winter angesammelt hatten.

Um der Tätigkeit den Anstrich der Beschwerlichkeit zu geben, wurden auf dem knapp zwanzigminütigen Rundgang drei Pausen eingelegt, in denen unter lautem Hallo die Kinder sich mit Brause, die Frauen mit selbst angesetztem Schlehen- oder Quittenlikör und die Männer mit Köm, klarem, ehrlichem Kümmelschnaps, stärkten. Zum wohlverdienten Abschluss kehrten die Gruppen zum Feuerwehrhaus zurück, verteilten sich auf die bereitgestellten Zeltbänke, um den Abend bei Erbsensuppe und diversen Getränken fröhlich und feucht ausklingen zu lassen. Als eines der letzten im Ort erlosch das Licht gegen Mitternacht.

Eva Burger hatte das gesellige Beisammensein bereits um einundzwanzig Uhr verlassen. Es war an der Zeit, so fand sie, ihre Kinder, die achtjährige Luise und den sechsjährigen Lukas, der schon seit einer Weile dem Schlaf entgegenquengelte, ins Bett zu bringen. Zudem schien es ihr angezeigt, die zwei der halbwüchsigen Mädchen, die sie auf ihrem Resthof betreuten und die sie hatte überreden können, beim Schietsammeln mitzumachen, aus der Dorffeier zu lösen, bevor dort, aller Erfahrung nach, mit steigendem Promillepegel der Anwesenden die Unterhaltung und die Umgangsweisen ins Derb-Rustikale umschlugen. Obgleich sie wusste, dass die Jugendlichen solcherlei Verhalten aufgrund weitaus härteren Erlebens in ihrer Vergangenheit allenfalls müde belächelten.

Eva Burger ging es eher darum, den Mädchen nahe zu bringen, das Beenden eines Festes nicht den Umständen sondern der eigenen Entscheidung zu überlassen. Jasmin war ihr nur maulend gefolgt, während Vanessa, die im Zuge ihrer Schwangerschaft Verantwortlichkeit einübte und sich in der Gruppe der Jugendlichen als pädagogische Hilfskraft versuchte, sie vehement unterstützt hatte. Eva Burger registrierte die Entwicklung der sechzehnjährigen werdenden Mutter mit Freude, manchmal mit einem Schmunzeln, zuweilen sah sie sich gezwungen einzuschreiten, wenn deren belehrende Ambitionen unter den Mädchen einen handfesten Streit zu provozieren drohten.

Auf dem Rückweg hatte Jasmin sie nur mit wütenden Blicken bedacht und sich im Haus wortlos zu Yvonne und Silvia zurückgezogen, die offensichtlich zusammenhockten und ihre eigene Party zu feiern schienen.

Als Ronald Burger von dem Dorffest zurückkam, bewegte er sich leise durch die Eingangsdiele zu den Privaträumen der Familie. Das Haus lag in tiefer Stille und Dunkelheit.

Wie zur Belohnung für den Anblick, den das nun wieder schmucke Krogdorp bot, strahlte die Sonne am nächsten Morgen von einem wolkenlosen Himmel. Ein Weckruf für die meisten Bewohner, die zeitig aus den Häusern kamen, nach der Stallarbeit auf ihre Felder und Koppeln hinausfuhren oder in den Vorgärten werkelten und, wie zum Wochenende üblich, die schmalen Streifen Sand zwischen Straßenasphalt und Grundstücksmauer oder –zaun sauber harkten.

Bereits um halb zehn war die Luft auf satte neun Grad erwärmt, was die Menschen nach dem letzten Frostschlag Ende Februar und dem nasskalten Schmuddelwetter in den ersten Märztagen als mild empfanden. Sie schienen aufgetaut und gaben sich, euphorisch gestimmt, für eine kleine Weile einer geradezu emphatischen Leutseligkeit hin. Kurz, das Dorf summte und brummte von Gesprächen, Lachen und tuckernden Treckermotoren.

Eva Burger hatte es sich an dem schul- und kindergartenfreien Samstag gegönnt, bis acht Uhr zu schlafen. Bis die Kinder ihres selbstlosen Spielens überdrüssig waren und nach Abwechselung verlangten. Frühstück zum Beispiel, zu dem sie ihren Vater wecken durften. Etwas verknittert setzte sich Ronald an den langen Holztisch in der Eingangsdiele, die sie mit der Vergrößerung ihrer Familie in einen Essraum umfunktioniert hatten.

„Na, ist das letzte Bier schlecht gewesen?“, zog ihn Eva auf.

Er winkte müde ab, begnügte sich aber, gleichsam bestätigend, mit einem Marmeladentoast zum Kaffee. Die für ihn sonst obligatorische Aalrauchmettwurst würdigte er keines Blickes.

„Ich muss mich auslüften“, sagte er schließlich. „Ich bringe die Pferde raus und miste den Stall aus.“

„Nimm die Kinder mit“, rief Eva ihm nach. „Bei dem herrlichen Wetter können sie draußen toben.“

Zum Resthof, den sie bei ihrem Zuzug vor drei Jahren gekauft hatten, gehörten zwei Hektar Weideland, das sie in zwei Koppeln unterteilt hatten, auf denen die Hannoveraner Stute und das Pony abwechselnd grasen konnten. Das Pferd war Evas sehnlicher Wunsch gewesen, den sie sich gegen die Vorbehalte ihres Mannes vor einigen Monaten erfüllt hatte, das Pony eine beinahe vorhersehbare Zugabe an die bettelnden Kinder. Wenn es ihre Zeit erlaubte – viel zu selten, wie sie meinte – bewegte sie die Stute an der Longe oder sattelte Chiara und trabte mit ihr einige Runden in dem umzäunten Viereck. Zu einem weiteren Ausritt fehlte Eva noch die Sicherheit.

Zugleich bot die Haltung der Pferde auch die Möglichkeit, die Mädchen, die sie aufnahmen und betreuten, neben dem Haushalt und Garten an alltäglichen Pflichten zu beteiligen. Was überwiegend auf wenig Gegenliebe stieß. Von den momentan vier Jugendlichen versteckte Vanessa ihre Furcht vor den Monsterviechern hinter ihrer Schwangerschaft, während Yvonne sich selbst unter Androhung schärfster Sanktionen nicht mehr dazu bewegen ließ, eine Mistforke in die Hand zu nehmen, seit sie sich bei einem solchen Arbeitseinsatz die Fingernägel ruiniert hatte.

Einzig die dreizehnjährige Silvia, die nun am längsten, seit einem halben Jahr, bei ihnen lebte, zeigte ein unbefangenes Verhältnis zu den Tieren. Fast schien es, als habe sie in ihrer introvertierten Art, die jede menschliche Annäherung zurückwies, allein Zutrauen zu den Pferden oder den Katzen, die im und um das Haus streunten. Vielleicht, meinte Eva Burger zu erkennen, konnte sie auch Jasmin mit Geduld und entsprechender Anleitung auf diesen Weg bringen. Das Mädchen war erst seit vier Wochen bei ihnen, öffnete sich noch wenig, suchte jedoch ganz offensichtlich Anschluss an Silvia, die sie zu bewundern schien und nachahmte, wo sie nur konnte.

Eva hätte sich ebenfalls gern draußen aufgehalten, musste aber den Haushalt in den Griff bekommen und das Mittagessen vorbereiten. Ihr war es nicht unlieb, dass die Jugendlichen, wie an fast jedem Wochenende, ausschliefen und sich frühestens am späten Vormittag blicken ließen. So gingen ihr manche Erledigungen schneller von der Hand.

Dann und wann schaute sie auf, wenn sie Ronald durch das Küchenfenster über den Hof zum Komposthaufen im hinteren Teil des Gartens gehen sah, wo er das durchweichte Stroh und den Pferdedung aus dem Stall ablud. Zwei Schritte hinter ihm folgte Lukas, der seine Kinderschubkarre auch beladen hatte, jedoch nur mit Mühe eine gerade Linie auf den schmalen Steinplatten hielt. Verlor er die Balance, schrammte er knapp an nahe stehenden Schneeglöckchen oder den bunt aufblühenden Krokussen vorbei. Seiner Mimik nach zu urteilen, nahm er dies allerdings als bei Männerarbeit nicht zu vermeidende Kollateralschäden hin. Luise beobachtete derweil vermutlich die Pferde auf der Koppel oder hatte sich auf Nachbarschaft begeben, saß auf irgendeinem Trecker oder heimste bei ihrer Wanderschaft von Hof zu Hof diversen Naschkram ein.

Eva Burger lächelte in sich hinein. Dieser Morgen bot ein friedliches Bild, von dem sie noch vor gut einem Jahr nur hätten träumen können. Als Ronald eines Nachmittags von der Arbeit nach Hause kam und lakonisch verkündete: Der Krauter macht den Laden dicht! Was soviel hieß wie: Der Bauunternehmer aus der benachbarten Kleinstadt Westerstedt, bei dem er als Maurer beschäftigt war, hatte in der sich ausdünnenden Auftragslage die Reißleine gezogen, Insolvenz angemeldet und seinen zehn Angestellten gekündigt.

Eine Entwicklung, mit der die Burgers nicht gerechnet hatten, machte doch die Firma bei Ronalds Einstellung zwei Jahre zuvor einen grundsoliden Eindruck. Allein deshalb hatten sie es auch nur als kleines Abenteuer angesehen, von Pinneberg nach Krogdorp zu ziehen und den Resthof zu finanzieren. Schließlich fühlten sie sich mit Mitte dreißig jung genug, mögliche Engpässe und Rückschläge leicht zu bewältigen. Die Realität sah das anders und hielt in zumutbarem Umkreis weder für Ronald noch für Eva in ihrem angestammten Beruf als Erzieherin Arbeitsstellen bereit.

Damals schien nicht nur guter Rat teuer zu sein, sondern vor allem die Hauskredite, die ihren Traum vom Leben auf dem Land zu erdrücken drohten. Kleine private Aufträge, die Ronald ausführte, befriedigten ihn nicht und stellten auf Dauer keine Lösung für ihre prekärer werdende finanzielle Situation dar. Immer häufiger ließ er die Familie seine schlechte Laune spüren, wurde zusehends apathischer.

Schließlich ergriff Eva Burger die Initiative. Von einer guten Bekannten hatte sie gehört, dass Jugendhilfevereine in Schleswig-Holstein die ihnen anvertrauten Jugendlichen nicht nur in einer einzigen größeren Einrichtung betreuten, sondern auch in kleinen Gruppen in Familien und deren Häusern unterbrachten. Im Konzept der dezentralen Heimerziehung fungierten die Häuser als Außenstellen und waren oft im ländlichen Bereich angesiedelt. Denn die Jugendlichen hatten zuvor überwiegend in Großstädten gelebt und waren dort in einer Weise auffällig, zumeist straffällig geworden, dass die für sie zuständigen Jugendämter zu der Auffassung gelangt waren, ihnen könne am ehesten mit einem radikalen Umgebungswechsel geholfen werden. Kamen sie auch in dem neuen Umfeld nicht zurecht, bestand bei vielen Vereinen die Möglichkeit, sie für eine bestimmte Zeit an einem Auslandsprojekt teilnehmen oder in zugehörigen Auslandsaußenstellen betreuen zu lassen. In der Hoffnung, die jungen Menschen fänden, in einem fremden Lebens- und Sprachraum vornehmlich auf sich konzentriert, zu sich selbst zurück, zu einem selbst bestimmten Weg, den sie nach ihrer Rückkehr weiter beschreiten könnten.

Das Konzept faszinierte Eva Burger, obgleich sie sich bewusst war, der Entschluss, Jugendliche in ihrer Familie aufzunehmen, würde auch ihr gemeinsames Leben drastisch verändern. Ronald zeigte sich weniger begeistert. Er hatte Bedenken, ihre Kinder nähmen Schaden durch die Umstellung und die vielen, gewiss negativen Einflüsse, denen sie ausgesetzt wären. Dass sein Widerstand in der Befürchtung gründete, seine bisherige Führungsrolle in der neuen Situation zu verlieren, wies er entschieden von sich.

Letztlich setzten sich Eva und die Einsicht fehlender Alternativen durch. Allerdings einigten sich die Burgers darauf, erst einmal einen Versuch zu wagen, den sie beenden würden, wenn dadurch größere familiäre Probleme entständen. Und sie beschlossen, falls möglich, nur Mädchen aufzunehmen, in der Hoffnung, sie verhielten sich gerade bei Konflikten im Großen und Ganzen Luise und Lukas gegenüber weniger rüde als Jungen.

Auf die Empfehlung ihrer Bekannten hin nahm Eva Kontakt zu dem privaten Jugendhilfeverein Die Straße auf, der seinen Hauptsitz in Schleswig hatte. Nach einem eingehenden Gespräch dort und einem weiteren Termin in Krogdorp waren alle Seiten recht angetan voneinander. Den Burgers sagte besonders zu, dass dem Verein von sich aus auch an einer Probezeit gelegen war und zu Anfang nur eine Jugendliche in ihre Obhut geben wollte. Längstens ein halbes Jahr sollten sie ein angemessenes monatliches Honorar erhalten, dann würde entschieden werden, ob Eva als Erzieherin angestellt würde. Ronald könne in der neuen Außenstelle Krogdorp den Hausmeisterposten übernehmen und, falls er Lust habe, Räumlichkeiten in der Nähe für eine kleine Werkstatt suchen. Dort bestehe für ihn die Möglichkeit, vom Verein betreuten Jugendlichen als berufsvorbereitende Maßnahme handwerkliches Geschick, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit beizubringen.

Zum Treffen in Burgers Haus war neben dem Geschäftsführer des Vereins auch Christiane Gelting von der Heimleitung mitgekommen. Sie würde ihre Ansprechpartnerin sein und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Eva gefiel deren offene, unkomplizierte Art, Dinge direkt anzusprechen, zu erwartende Schwierigkeiten und Belastungen nicht zu beschönigen und auf garantiert eintretende Enttäuschungen hinzuweisen. Dabei schien sie resolut und warmherzig zugleich, was Eva ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit vermittelte, sich der neuen Aufgabe zu stellen.

Bereits nach acht Wochen betreuten die Burgers drei Mädchen, von denen jedoch nur eines die dörfliche Ereignislosigkeit mehrere Monate aushielt. Dann provozierte sie ihren Rauswurf. Andere suchten bei Nacht und Nebel das Weite. Christiane Gelting machte ihnen in jener Phase Mut, nicht gänzlich aufzugeben, sondern sich an den Erfolgen kleiner Fortschritte bei den Jugendlichen aufzurichten. Das half.

Wichtiger aber noch erschien es Eva, dass ihr Mann sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte und Lukas und Luise die Veränderungen mit kindlicher Unbekümmertheit aufnahmen. Sie selbst fühlte sich gestärkt und bestätigt durch die Arbeit und mochte schon nach kurzer Zeit den Zustand nicht mehr missen, den sie mal belustigt, mal fluchend als geregeltes Chaos bezeichnete.

Vanessa war die Erste, die herzhaft gähnend in der Küche erschien und nach einem kurzen Morgengruß gleich auf den Kühlschrank zusteuerte.

„Um zu frühstücken, ist es zu spät“, sagte Eva Burger. „Wir können bald essen.“

„Ich mach mir nur einen Kakao“, entgegnete das Mädchen. „Was gibt es denn zum Mittag?“

„Gemüseeintopf mit Mehl- und Fleischklößen“, antwortete Eva.

„Ist das gesund?“, kam es zurück. Seit Vanessa von ihrer Schwangerschaft wusste und sich nach vielen eindringlichen Gesprächen dafür entschieden hatte, das Kind zu bekommen, achtete sie auf eine ausgewogene Ernährung oder das, was sie sich darunter vorstellte.

Eva sah sie konsterniert an. „Meinst du, ich setze euch etwas Schädliches vor?“

„Dann ist da bestimmt auch so`n Nazi-Zeug drin, was?“, erwiderte Vanessa mit ernster Miene.

„Bitte?“ Eva zog die Stirn kraus. „Was soll das nun wieder heißen?“

„Na, Heil Kräuter“, kicherte das Mädchen.

Eva warf das Tuch, das sie in Händen hielt, auf eine Ablage, stemmte die Fäuste in ihre ausladenden Hüften und schüttelte den Kopf, dass ihr blonder Pferdeschwanz in gefährliche Schwingungen geriet.

„Ich will so etwas nicht hören, Vanessa, auch wenn es witzig gemeint sein sollte“, fuhr sie auf. „Jeder Scherz darüber verharmlost die Geschichte.“

„Spaßbremse“, schmollte das Mädchen halblaut.

Eva ignorierte die Bemerkung. „Mach dich lieber mal nützlich und räum den Geschirrspüler aus. Und danach könntest du den Tisch decken.“

„Immer ich“, maulte Vanessa, als sie sich schwerfällig von ihrem Stuhl erhob. „Die anderen schlafen bis in die Puppen, und ich darf mich krumm arbeiten.“

„Wenn ich Zeit habe, bedauere ich dich“, entgegnete Eva trocken. „Aber du kannst beruhigt sein, für die Mädels fallen mir schon noch einige Aufgaben ein, die sie heute Nachmittag erledigen werden. Im Übrigen darfst du sie wecken, wenn du fertig bist.“

„Das kannst du vergessen“, erwiderte Vanessa patzig. „Damit ich mir wieder deren blöde Sprüche anhöre, wie beim letzten Mal? Geht gar nicht. Ich hole lieber Ronnie und die Lütten von draußen rein.“

Eva beließ es dabei, nahm sich jedoch vor, beim nächsten Treffen mit Christiane Gelting zu besprechen, wie die wachsende Rivalität zwischen den Mädchen in den Griff zu bekommen war.

Vanessas Zimmer ging von der Eingangsdiele ab. Gegenüber liegend befand sich der Gemeinschaftsraum der Mädchen, den man durchqueren musste, um zu den Zimmern der übrigen drei zu gelangen. Ursprünglich waren dort Wirtschaftsräume und eine Garage gewesen, die Ronald umgebaut hatte. Die Aufteilung fördert eine Cliquenbildung, dachte Eva des Öfteren, wobei sie den Eindruck gewann, es gebe bei der momentanen Zusammensetzung der Gruppe eine treibende Kraft, die Front gegen Vanessa machte. Aus Ärger über deren zum Teil bevormundende Art oder was auch immer. Sie war sich jedoch nicht sicher, ob die aggressiven Sticheleien von Yvonne oder Silvia ausgingen. Jasmin schloss sie aus, sie war allenfalls eine Mitläuferin. Auf jeden Fall musste bald etwas geschehen, bevor die Situation eskalierte.

Das Klopfen an der Tür und der laute Weckruf bewegten keines der Mädchen. Erst als Eva Burger rigoros die Fenstervorhänge auseinander schob und das blendende Mittagslicht hereinließ, regte sich etwas. Jasmin setzte zu einem derben Fluch an, verschluckte jedoch den Rest, als sie erkannte, wer vor ihrem Bett stand. Silvia schreckte mit dem Oberkörper hoch und ließ sich nach einem Augenblinzeln stöhnend zurücksinken. In Yvonnes Zimmer erstarb Eva das betont fröhliche „Guten Mittag“ auf den Lippen. Ein ausdrucksloser Blick begegnete ihr. Er gehörte dem ramponierten Kuschelbären, der neben dem aufgeschüttelten, glatt gestrichenen Kopfkissen lag. Sonst nichts.

„Wo ist Yvonne?“ Evas Stimme zitterte.

Silvia hob die schmalen Schultern. „Weiß nicht“, kam es kläglich aus ihr heraus.

Sie saßen am Esstisch in der Diele: Jasmin, die in ihrem weiten T-Shirt, der kurzen, karierten Schlafanzughose, mit lila Lidanstrich und im Schlaf verwischten Wimperntusche einen clownesken Anblick bot, Vanessa, die nicht ausließ zu bemerken Man schminkt sich vor dem Zu-Bett-Gehen ab, was ihr als Erwiderung den hoch gestreckten Mittelfinger einbrachte, Ronald mit Stallgeruch, Silvia, darin vertieft, aus den Krümeln eines beinahe leeren Päckchens Tabak eine Zigarette zu drehen, Eva, die Unterarme auf den Tisch gestützt, in lauernder Ungeduld, die Kinder in einer Ecke im Streit um Playmobil-Figuren.

Lukas weinte die Stille zunichte. „Mama, ich hab Hunger.“

„Jetzt nicht“, fuhr ihn Eva an, besann sich aber sofort und strich ihm über den Kopf.

„Kannst du mal, Ronald?“, wandte sie sich an ihren Mann.

„Ich mach das schon“, kam ihm Vanessa zuvor.

Jasmin prustete los, Silvia lächelte. Es sah aus, als würde sie etwas verstehen. Eva nahm es wahr, ohne darauf einzugehen. Sie hoffte, sich später daran zu erinnern. Die Aktualität hatte Vorrang.

„Was ist letzte Nacht passiert?“ Eva blickte die Mädchen, die ihr gegenübersaßen, nacheinander an. „Ist Yvonne vor irgendetwas davongelaufen? Wollte sie nach Hause? Oder hat sie einen Freund und ist dahin?“

Jasmin stupste Silvia mit dem Ellenbogen in die Seite. „Ivan, sag du“, flüsterte sie.

„Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, den Namen hier nicht mehr zu benutzen?“ Evas Stimme klang schrill. Ihr war die Nervosität anzumerken.

„Wieso eigentlich“, konterte Jasmin. „Alle in Köln haben sie Ivan genannt. Ivan, die Schreckliche, hört sich doch cool an.“

„Was ist daran denn cool?“, schaltete sich Ronald ein.

Das Mädchen rieb sich die Nase, sie schien angestrengt nachzudenken. „Na, mit dem Namen kriegst du überall Respekt“, sagte sie.

„Toll“, ließ sich Vanessa vernehmen, die mit einem gefüllten Teller Eintopf aus der Küche kam.

„Halt du die Fresse, du trächtige Kuh“, schnauzte Jasmin.

„Habt ihr das gehört?“, kreischte Vanessa auf. „Muss ich mir das von der Schlampe gefallen lassen?“ Sie setzte den Teller hart ab, stürzte schluchzend in ihr Zimmer und schlug die Tür krachend hinter sich zu.

„Die Hormone“, bemerkte Silvia grinsend.

„Was für …?“, hakte Jasmin nach.

„Schluss jetzt.“ Ronald schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Sind wir hier im Irrenhaus, oder was? Vielleicht bequemt sich jemand von euch mal endlich zu erzählen, was mit Yvonne ist.“

Eva strich sich mit den Händen über die Wangen. Sie hatte Mühe, ruhig zu bleiben.

„Richtig“, sagte sie in gepresstem Tonfall, „und das Ganze in freundlichen Worten. Noch so eine Ausfälligkeit von dir, Jasmin, und du gehst auf dein Zimmer. Klar? Also bitte, die Damen, was ist Sache?“

Jasmin verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Nach einer Weile räusperte sich Silvia.

„Wir waren unterwegs“, sagte sie halblaut, ohne den Blick von ihrem Tabakpäckchen zu heben.

„Wer? Wo?“, entfuhr es Eva.

„Wir drei. Gestern Nacht. Du hast oben schon geschlafen. Da sind wir raus und haben uns mit Ben und Kevin aus Westerstedt getroffen. Die haben uns im Auto mit nach Neumünster genommen. In die Disko.“

„Na, herzlichen Glückwunsch“, warf Ronald ein. „Mit den Spacken seid ihr los? Die werd ich mir vorknöpfen.“

„Die sind doch süß“, wandte Jasmin vorsichtig ein. „Kevin sieht fast aus wie Bill von Tokio Hotel.“

„Eben“, gab Ronald zurück.

Eva unterbrach sie mit einer Handbewegung. „Wie seid ihr denn um die Uhrzeit da rein gekommen? Es war doch bestimmt schon nach zweiundzwanzig Uhr, und Yvonne ist fünfzehn und ihr dreizehn?“

„Wenn Yvonne sich zurechtmacht, geht sie glatt für achtzehn durch“, antwortete Silvia. „Und wir haben uns auch etwas gestylt. Außerdem kennt Ben einen der Türsteher.“

Eva warf ihrem Mann einen viel sagenden Blick zu. „Ich denke, wir werden die Info an die entsprechenden Stellen weitergeben“, sagte sie. Ronald nickte.

„Okay, weiter. Was dann?“, wandte sie sich wieder an die Mädchen.

Anfangs waren sie noch zusammengeblieben, hatten getanzt, gelacht, Cola getrunken, die Jungen taxiert. Bis sie sich im Gewühl auf der Tanzfläche verloren, und Yvonne sich nicht mehr am vereinbarten Treffpunkt einfand. Dann sahen Silvia und Jasmin sie, wie sie am langen Tresen mit drei Männern zusammenstand und sich prächtig zu amüsieren schien. Sie wollten zu ihr, wurden jedoch aufgehalten. Und als sie nach einem gemeinsamen Toilettenbesuch zurückkamen, war Yvonne verschwunden.

„Was waren das für Männer?“, fragte Eva nach.

„Cool drauf, Megaoutfit, aber ziemlich alt. Sahen irgendwie ausländisch aus. Irgendwo aus dem Osten, denk ich“, erwiderte Silvia.

„Bestimmt Spanier“, mischte sich Jasmin ein.

„Geografie ist nicht gerade deine Stärke, was?“, rutschte es Eva bissig heraus.

Das Mädchen sah sie verständnislos an.

„Erdkunde, du Hirni“, half ihr Silvia auf die Sprünge.

„Ach so“, sagte Jasmin und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das kenn ich, wird aber total überbewertet. Aber ziemlich alt stimmt nicht. Die waren uralt. Opas. Klarer Fall von scheintot.“

„Wie alt schätzt ihr sie denn?“, fragte Ronald.

„So wie du ungefähr“, antwortete Jasmin treuherzig.

Eva biss sich auf die Unterlippe, um einen unangebrachten Lachreflex zu unterdrücken.

„Würdet ihr die Typen wieder erkennen?“, hakte sie stattdessen nach.

Silvia dachte einen Moment nach. „Ich weiß nicht. Bei dem Gedränge hatten wir keine freie Sicht. Einen von denen vielleicht. Der hat mal zu uns rüber geguckt und uns zugeprostet. Ich hab mich aber gleich weggedreht. Erinnern kann ich mich nur an sein langes dunkles Haar, das er zum Pferdeschwanz gebunden hatte, und die geile Lederjacke. Und er trug einen fetten Ring am kleinen Finger. Aber sein Gesicht …“ Sie schüttelte den Kopf.

Mit Ben und Kevin zusammen hatten sie die Diskothek bis in den letzten Winkel abgesucht, waren vor die Tür und auf den angrenzenden Parkplatz gelaufen und hatten immer wieder versucht, Yvonne auf ihrem Handy zu erreichen. Es war abgeschaltet. Nach eineinhalb Stunden schließlich hatten sie aufgegeben, und Silvia, berichtete Jasmin, sei völlig ausgerastet. Habe ihre Wut an den Kotflügeln einiger Autos ausgelassen und sich fast mit den verärgerten Besitzern geprügelt. Danach waren sie nach Hause gefahren und übermüdet und erschöpft eingeschlafen.

Ronald und Eva tauschten einen sorgenvollen Blick.

„Ihr hättet uns wecken und Bescheid sagen sollen“, sagte Eva leise.

„Und dann?“, entgegnete Silvia aufgebracht. „Wo hättet ihr denn gesucht?“

„Schon gut.“ Eva winkte ab. „Wir müssen den Bereitschaftsdienst der Heimleitung anrufen und informieren. Und eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgeben. Machst du das, Ronald?“

Er nickte. „Damit sollten wir aber noch etwas warten. Du weißt doch, wie die Dorfsheriffs in Westerstedt reagieren. Vor allem am Wochenende. Das läuft sich alles von alleine zurecht, werden sie sagen. Wenn das Mädchen Hunger hat, wird sie schon wieder auftauchen. Vorher müsst ihr mir aber noch erzählen, welche Kleidung Yvonne gestern trug.“

„Okay“, stimmte Eva zu. „Und nun zu euch, Mädels. Alle Vergünstigungen sind vorerst gestrichen. Und heute Nachmittag wird der Garten schier gemacht. Ist das klar?“

„Wie im Knast“, maulte Jasmin vor sich hin.

„Du“, gab Eva ihr zur Antwort, „gehst als Erstes zu Vanessa, entschuldigst dich bei ihr für deine abfällige Bemerkung vorhin und holst sie zum Essen.“

„Auch noch Folter“, erwiderte das Mädchen, machte sich jedoch gehorsam auf den Weg.

„Kann ich aufstehen?“, bat Silvia. „Ich hab keinen Appetit.“

Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und sah Eva an. Ihre Augen hatten einen feuchten Glanz.

Für den Rest des Tages herrschte im Haus der Burgers eine gedrückte Stimmung, die auch das Frühlingswetter nicht aufhellen konnte. Die sich über die Nacht in einen unruhigen Schlaf verlängerte und noch am Sonntag anhielt, als weiterhin kein Lebenszeichen von Yvonne eintraf. Das ohnmächtige Warten wurde zu einem ungebetenen Gast in den Köpfen. Es zermürbte.

Von der Heimleitung aus hatte man den Burgers telefonisch mitgeteilt, dass Christiane Gelting am Montagmorgen zu ihnen in die Außenstelle kommen werde, ganz gleich, ob das vermisste Mädchen dann anwesend sein würde oder nicht. Die Nachricht beruhigte ein wenig, man blieb nicht allein in der Situation.

Als sie am Sonntag spätabends zu Bett gingen, war Eva in ihren kreiselnden Überlegungen am Punkt der Selbstvorwürfe angekommen.

„Haben wir Yvonne irgendeinen Grund geliefert, von hier wegzulaufen? Mit irgendwelchen Typen mitzugehen?“, fragte sie Ronald.

„Bestimmt nicht“, antwortete er behutsam. „Ich denke eher, sie ist nicht freiwillig …“

„Hör auf“, unterbrach Eva ihn schniefend. „Den Gedanken halte ich nicht aus. Ich will, dass es ihr Entschluss war und dass es ihr gut geht.“

Ronald strich ihr über das Haar, Worte fielen ihm nicht mehr ein.

Kapitel 2-Teil 1 (PDF-Version)

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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