Kapitel 2, Teil 2

2 -Teil 2

 Krogdorp (Schleswig-Holstein), März 2007

Lautes Klopfen an der Schlafzimmertür ließ sie hochschrecken. Eva sprang aus dem Bett und riss die Tür auf. Vor ihr stand Silvia mit zerzaustem Haarschopf und einem übergroßen T-Shirt bekleidet, das ihr bis zu den Knien reichte. Die nackten, dünnen Beine darunter endeten in Badeschuhen. Für einen Moment dachte Eva, eine Schlafwandlerin vor sich zu haben. Das Mädchen korrigierte den Eindruck.

„Sie ist zurück“, sagte sie. „Vorhin gekommen. Hat sich sofort hingelegt und pennt. Ich glaube nicht, dass du sie jetzt wach bekommst. Sah ziemlich fertig aus.“

Sie wandte sich zur Treppe um und wollte gehen. Noch etwas benommen griff Eva Silvias Arm, zog sie an sich und drückte sie. Das Mädchen ließ es geschehen, teilnahmslos.

„Ich will Yvonne sehen“, sagte Eva.

Als Christiane Gelting am Montag gegen zehn Uhr in der Außenstelle Krogdorp ankam, wusste sie bereits um die Rückkehr des Mädchens. Darüber hatten die Burgers frühmorgens sowohl die Heimleitung in Schleswig als auch die Polizei in Kenntnis gesetzt.

Danach hatte sich das Haus mehr und mehr geleert: Silvia, Jasmin und Luise waren zusammen zum Bus gelaufen, der sie zu ihren Schulen in Westerstedt bringen sollte. Die Jugendlichen hatten lautstark dagegen protestiert, wollten sie doch unbedingt miterleben, was Christiane im Fall Yvonne unternahm. Nicht zuletzt aber auch, um aus erster Hand zu erfahren, ob ihnen die Teilnahme an dem unerlaubten Diskothekenbesuch zusätzliche Sanktionen seitens der Heimleitung einbringen würde. Sie hatten gebeten und gebettelt, schließlich etwas großmäulig ihr Recht auf Verteidigung eingefordert, doch nachdem der Hausherr sich zu seiner vollen Größe von ein Meter und neunzig aufgerichtet und mit ausgestrecktem Arm zur Tür gewiesen hatte, waren sie leise vor sich hinschimpfend davongeschlichen.

Ronald hatte sich eine Weile später verabschiedet. Auf dem Weg zu seiner Werkstatt brachte er Lukas in den Kindergarten und Vanessa in die heimeigene Schule, in der sie auf den Hauptschulabschluss vorbereitet wurde.

 Die beiden Frauen umarmten sich herzlich zur Begrüßung.

„Schön, dass du da bist“, sagte Eva. „Möchtest du einen Kaffee?“

„Ja, gern“, antwortete Christiane, legte ihren modischen Kurzmantel über eine Stuhllehne und setzte sich an den Tisch in der Diele.

„Hattest du wenigstens ein angenehmes Wochenende?“, fragte Eva, als sie mit den Tassen und der Kaffeekanne zurückkam. „Auf jeden Fall siehst du richtig erholt aus.“

Insgeheim beneidete sie Christiane um deren Aussehen und den Geschmack, den sie bei der Auswahl und Zusammenstellung ihrer Kleidung bewies. Selbst in einem Kartoffelsack würde sie noch eine gute Figur abgeben, dachte Eva oft. Sie selbst war nach der Geburt der Kinder etwas aus der Form geraten und fand trotz einigem Bemühen nicht mehr zu den Proportionen zurück, die sie in der gleichaltrigen Christiane immer noch verwirklicht sah. Außerdem hatte sie oder gönnte sich selten die Zeit, sich ausgiebig zu pflegen. Stattdessen schlüpfte sie morgens, ihrer täglichen Arbeit in Haus und Hof angepasst und der Bequemlichkeit halber, meist in leicht ausgeleierte Jeans und karierte Flanellhemden, die keinesfalls mit Christianes sportlich-eleganter Note konkurrieren konnten. Aber, tröstete sie sich, solange Ronald sie in manchen Momenten mehr oder minder zärtlich in ihre Pölsterchen kniff und halb ernst, halb vergnügt anmerkte Kann man nicht meckern, sollte ihr ihr Äußeres recht sein.

Wichtiger wäre ihr – auch das gestand Eva Burger sich unumwunden ein – könnte sie Christianes Selbstsicherheit im Umgang mit den Jugendlichen übernehmen. Hier empfand sie eigene Defizite, da sie in ihren vorherigen Berufsjahren ausschließlich im Kindergarten beschäftigt gewesen war, somit über keinerlei Erfahrung in der Jugendarbeit verfügte. Sie bewunderte, wie es Christiane Gelting gerade bei ihren Mädchen der jeweiligen Situation angemessen scheinbar mühelos gelang, zwischen Empathie, einer gewissen emotionalen Nähe und Distanz zu wechseln. Verständnis zu zeigen, ohne allzu kumpelhaft zu wirken, in den richtigen Momenten nachgiebig oder konsequent zu sein.

Letzteres erforderte insbesondere bei ernsten Konflikten eine neutrale Härte, die Eva eigentlich fremd war. Deshalb fiel es ihr nicht leicht, sich die Resolutheit, schon gar die cholerisch anmutende Raubeinigkeit, die die Vertreterin der Heimleitung zuweilen an den Tag legte, anzueignen. Reine Übungssache, hatte Christiane dazu angemerkt, gleichzeitig jedoch darauf hingewiesen, dass Ronald und sie einen persönlichen Weg finden müssten. Wichtig sei in erster Linie, hatte sie zu Beginn ihrer Zusammenarbeit betont, den jungen Menschen eine feste Struktur mit klaren Regeln vorzugeben und Verstöße dagegen konsequent zu ahnden. In welcher Form und auf welche Weise, sei zweitrangig.

Eva erinnerte sich an die Äußerungen, als sie sich nun in der Diele gegenübersaßen. Sie war gespannt, wie Christiane mit der aktuellen Situation umgehen würde.

„Hast du schon mit Yvonne sprechen können?“

Eva schüttelte den Kopf. „Sie war wach, als ich heute Morgen noch mal bei ihr reingeschaut habe. Guckte mich mit großen Augen an, sagte aber kein Wort. Sie schien mir irgendwie abwesend. Ich habe ihr erzählt, dass du kommst, da fing sie an zu weinen und drehte mir den Rücken zu.“

„Denkst du, was ich denke?“, sagte Christiane.

Eva musste schlucken, nickte.

„Dann werde ich mal zu ihr gehen, vielleicht ist sie ja jetzt etwas zugänglicher. Ist das in Ordnung für dich, wenn ich erst mal allein … ja? Okay. Erzähl mir vorher aber noch, was deine beiden anderen Girlies berichtet haben.“

Eine gute Stunde später kehrte Christiane Gelting in die Diele zurück. Stumm setzte sie sich an den Tisch und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Ihr müder Blick ging ins Leere. Ein bitterer Zug lag um ihren Mund. Dann straffte sie den Oberkörper und bemühte sich um ein vages Lächeln.

„So schlimm?“, fragte Eva mit besorgter Miene.

„Wenn ich nicht im Dienst wäre, würde ich jetzt einen Schnaps trinken. Diese Gören! Ich könnte sie würgen. So naiv kann man doch gar nicht sein. Lassen sich von irgendwelchen erwachsenen Männern anquatschen, den ganzen Abend aushalten und glauben, die interessieren sich wirklich für sie. Ich fasse es nicht.“ Christiane schüttelte den Kopf. „Also gut“, fuhr sie fort, „Yvonne hat mit mir geredet, wenn auch nicht viel. In Kurzform: Die Knaben standen plötzlich neben ihr in der Disko, haben sie vollgesülzt, wie toll sie aussehe, mit Geld um sich geworfen und einen Cocktail nach dem anderen ausgegeben. Und das dumme Huhn hat alles geschluckt. Auf einmal ist ihr schwindelig geworden, an den Rest kann sie sich nicht erinnern. Am Samstag ist sie dann irgendwann in einem Bett in irgendeinem Haus irgendwo aufgewacht. Es sah dort ziemlich luxuriös aus, sagt sie. Und andere Mädchen waren da. Am Spätnachmittag sind einige Autos vorgefahren, nur Männer, und es fand eine Party statt bis Sonntag früh. Im Laufe des Tages ist dann einer der Typen aus der Disko wieder erschienen und hat Yvonne und drei weitere Mädchen abgeholt. In der Nähe von Flensburg, das konnte sie erkennen, haben sie an einer Autobahnraststätte angehalten. Dort ist sie in einem günstigen Moment abgehauen, weil sie nicht wusste, wo sie hinfahren würden. Von da aus ist sie getrampt, gelaufen, getrampt, bis sie wieder hier war.“

„Hat Yvonne erzählt, was auf der Party passiert ist?“; fragte Eva leise.

„Da hat sie sich ausgeschwiegen, aber ich kann es mir vorstellen. Ich habe ihr auch gesagt, was ich vermute, doch davon wollte sie nichts wissen. Immerhin scheint sie unverletzt, zumindest äußerlich. Bis auf ein paar Schrammen, die sie sich aber wohl bei ihrem Fußmarsch zurück eingefangen hat. Aber sie wirkt verstört, weint immer wieder, will nicht aufstehen, nichts essen. Irgendwie eindeutig das Ganze, oder?“

„Und was machen wir jetzt?“

„Nennen wir es mal beim Namen: Ich bin mir sicher, Yvonne ist vergewaltigt worden. Damit geht man normalerweise zur Polizei und erstattet Anzeige. Sie kann aber nicht sagen, wo sie war und wie die Leute hießen. Und sie kann die Männer nur vage beschreiben. Dann wird sie befragt werden, wie sie in die Geschichte hineingeraten ist und was sie dazu beigetragen hat. Wozu ist sie gezwungen worden, was geschah freiwillig … und und und. Oft ist das eine hochnotpeinliche Vernehmung. Begleitet von einer medizinischen Untersuchung, die auch nicht gerade ein Zuckerschlecken bedeutet. Und sollten die Mistkerle daraufhin tatsächlich dingfest gemacht werden können, ist nicht einmal sicher, ob sie überhaupt verurteilt werden. Ich weiß nicht, ob wir ihr das alles zumuten sollten.

Außerdem müsste sie erst einmal gewillt sein, die Sache zur Anzeige zu bringen. Als ich sie darauf angesprochen habe, hat sie entschieden abgelehnt.“

„Wir können aber auch nicht so tun, als sei nichts passiert“, entgegnete Eva.

„Natürlich nicht“, erwiderte Christiane. „Ich werde die Angelegenheit noch mal im Team in Schleswig diskutieren und unsere Psychologin zu Rate ziehen. Ich würde es in jedem Fall für sinnvoll halten, wenn Yvonne bei ihr einige Therapiestunden wahrnähme. Gut wäre auch, wenn du sie überreden könntest, sich bei eurer Gynäkologin untersuchen zu lassen. Dort war sie doch schon mal, nicht?“

„Doch, doch“, antwortete Eva. „Ich denke, das werde ich schaffen. Mit der Ärztin kommt sie ganz gut klar. Und was machen wir mit Silvia und Jasmin? Reden wir mit ihnen offen darüber? Falls nicht, werden sie sich aufplustern, weshalb Yvonne nicht härter bestraft wird als sie. Sie sind ja nicht zwei Tage weggeblieben.“

Christiane nickte müde lächelnd. „Ich würde vorschlagen, sag ihnen die halbe Wahrheit. Yvonne sei gegen ihren Willen festgehalten worden. Und wenn ihnen das nicht genügt, sollen sie sich an mich wenden.

So, ich muss jetzt wieder los, hab noch einiges auf meiner Liste. Halt den Kopf hoch, Eva, es wird schon werden.“

Das Mittagessen verlief ungewöhnlich ruhig. Natürlich hatten die Mädchen bei ihrer Rückkehr aus der Schule Eva bestürmt zu erzählen, was am Vormittag besprochen und entschieden worden sei. Mit dem Wenigen, das sie ihnen miteilte, blieben sie nachdenklich zurück. Zu aller Erstaunen kam auch Yvonne an den Tisch, geduscht, frisch gekleidet, in sich gekehrt. Mit ihr nahm eine verborgene Scheu Platz, die das übliche laute Geplapper, derbe Scherze und Gelächter unangebracht erscheinen ließ. Entsprechend schnell löste sich die kleine Gesellschaft auf, als habe man einstimmig beschlossen, sich für den Rest des Tages aus dem Weg zu gehen.

Ronald fuhr für den Nachmittag in seine Werkstatt zurück, nachdem Eva ihn ausführlich über das Treffen mit Christiane Gelting informiert hatte. Danach fand sie die Zeit, sich in Ruhe ihren Kindern zu widmen.

Am folgenden Morgen war die Stimmung bei allen deutlich aufgehellt. Trotz des Nieselregens, der vor der Haustür aus einer geschlossenen, dunkelgrauen Wolkendecke unablässig herab fiel. Jasmin fand wieder einen Grund, Vanessa zu beleidigen, Silvia klagte über Bauchschmerzen, die es ihr unmöglich machen würden, die Klassenarbeit in Mathematik zu schreiben, und Lukas hatte einfach keine Lust, in den blöden Kindergarten zu gehen. Es war ein normaler Morgen. Selbst Yvonne hatte ihre Schulsachen gepackt und sich ein Pausenbrot geschmiert. Immer noch ein wenig abwesend, aber mit einem Anflug von Lächeln lehnte sie Evas Angebot ab, einen weiteren Tag zu Hause zu bleiben. Nicht ohne Sorge blickten ihr die Burgers nach, als sie sich auf den Weg machte.

Gegen Mittag klingelte es an der Tür. Das wird Gertrud Wiemers sein, dachte Eva. Die Nachbarin feierte bald ihren dreiundsechzigsten Geburtstag und wie in jedem Jahr würde sie es sich nicht nehmen lassen, einen Kreis Frauen persönlich einzuladen. Vorzugsweise zur Essenszeit, um einen Blick darauf zu erhaschen, was in den verschiedenen Häusern auf den Tisch kommen sollte.

Das Fahrzeug, dessen Konturen Eva durch das geriffelte Glas der Eingangstür verschwommen wahrnahm, passte allerdings nicht zu ihrer Vermutung. Zwei uniformierte Beamte der Westerstedter Polizeidienststelle, die sie vom Sehen kannte, standen vor den Treppenstufen. Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Ein solcher Besuch hatte selten etwas Gutes zu bedeuten. Blitzartig tauchten in ihrem Kopf die Namen Lukas, Luise, Ronald auf. Sie knetete ihre Hände, als sie in die ernsten Gesichter der Polizisten blickte.

„Guten Tag, Frau Burger“, sagte der Ältere der beiden, „dürfen wir einen Moment hereinkommen?“

Wortlos trat Eva zur Seite und hielt die Tür auf.

„Also“, begann der Beamte in der Diele erneut, „wir müssen Ihnen leider mitteilen … äh, das Mädchen, das Sie vor ein paar Tagen als vermisst gemeldet hatten … also …“

„Yvonne Brusenko“, half ihm der Jüngere, „wohnt doch bei Ihnen.“ Er holte tief Luft. „Yvonne ist vor einer Stunde fünfhundert Meter nördlich vor dem Westerstedter Bahnhof von einem Triebwagen erfasst worden. Sie ist … sie ist … tot.“

Eva schlug eine Hand vor den Mund, ließ sich auf einen Stuhl sinken. Eine Zeit später erst würde sie sich daran erinnern, dass sie in dem Moment Entsetzen und Erleichterung verspürt hatte. Sie schämte sich dafür.

„Was ist passiert?“, fragte sie, nachdem sie sich ein wenig gefasst hatte.

„Der Lokführer steht unter Schock“, antwortete der ältere Polizist. „Das Einzige, was er sagen konnte, war, das Mädchen sei plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm auf dem Gleis aufgetaucht. Trotz Vollbremsung kam der Zug nicht mehr rechtzeitig zum Stehen. Der Abstand war zu gering. Der Mann wird natürlich noch einmal vernommen, wenn er wieder ansprechbar ist, doch wir müssen davon ausgehen, dass es sich um Freitod handelt. Es tut mir leid.“

Eva durchlief ein Zittern, Tränen schossen ihr in die Augen. „Mein Gott“, schluchzte sie, „mein Gott.“

„Sie oder Ihr Mann“, nahm der Jüngere wieder das Wort, „werden das Mädchen identifizieren müssen. Das können wir Ihnen leider nicht ersparen.“

Als die Beamten gegangen waren, fühlte sich Eva Burger wie gelähmt. Sie wusste nicht, was sie zuerst tun sollte. Ihr war übel. Mechanisch nahm sie das Mobiltelefon in die Hand und rief ihren Mann auf seinem Handy an.

„Ronald“, sagte sie mit stockender Stimme, „es ist etwas Furchtbares passiert. Yvonne … Yvonne ist tot. Du musst sofort nach Hause kommen. Und bring die Kinder mit.“

Die, die noch übrig sind, ging es ihr durch den Kopf.

Sie saßen im Wohnzimmer der Mädchen beisammen, sprachlos. Keiner erhob sich. Als hätten sie Angst, sich im Alleinsein zu verlieren. Luise und Lukas hatten sich auf dem Schoß ihrer Eltern zusammengerollt, Vanessa strich sich über ihren Bauch, Silvia hielt Jasmin im Arm. Die Nähe schien der Trost, eine Erklärung fand sich darin nicht.

„Hat sie euch gegenüber etwas angedeutet?“, fragte Eva nach einer geraumen Zeit. Das Schweigen nahm ihr den Atem.

Silvia schüttelte den Kopf. „Sie ist normal in den Unterricht gegangen. In der großen Pause hab ich sie schon nicht mehr gesehen.“ Tränen liefen ihr das Gesicht herunter. „Jetzt hat sie nur noch Pause.“

Im Laufe des Nachmittags häuften sich die Anrufe, die Informationen verlangten oder Beileid bekundeten. Der Geschäftsführer des Jugendhilfevereins erschien mit Christiane Gelting, sie blieben nur kurz. Sie würden sich um die Formalitäten kümmern. Dann kehrte die Stille zurück.

Silvia löste sich als Erste aus ihrem Kreis und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Wenig später dröhnte Musik. Als sei dies eine Aufforderung, zogen sich auch die beiden anderen Mädchen zurück. Niemand wollte zu Abend essen. Eva versorgte die Pferde, Ronald die Kinder. Eine Weile darauf, als die Dunkelheit das Haus umhüllte, lasen sie abwechselnd Lukas und Luise in den Schlaf. Dann plötzlich spürten die Burgers die vor ihnen liegenden Abendstunden wie eine Last. Sie machte antriebslos und verlangte doch nach ablenkenden Beschäftigungen.

Ronald setzte sich vor den Fernseher und schaltete die Regionalsendung Schleswig-Holstein Magazin ein. Yvonnes Tod wurde in einer Kurzmeldung behandelt, mit einem Standfoto der Bahngleise im Hintergrund. Es kam ihm fremd und unwirklich vor. Er zappte lustlos weiter durch die Programme, ließ sich schließlich auf einen Reisebericht über Neuseeland ein. Für Augenblicke war er weit weg.

Eva hatte sich angekleidet auf ihr Bett gelegt und versucht in dem Roman zu lesen, der seit Wochen auf dem Nachttisch wartete. Es gelang ihr nicht, sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Sie fühlte sich erschöpft, ohne müde zu sein. Wenn sie die Augen schloss, sah sie einen Triebwagen, der mit quietschenden Bremsen auf ein Mädchen zurutschte. Sie starrte die gegenüber liegende Wand an. Da sollten wir ein Bild aufhängen, dachte sie.

Eine Stunde später fand Ronald sie schlafend vor. Er weckte sie behutsam. Gähnend schlich sie ins Bad. In der Sekunde setzte der Lärm ein. Es krachte, polterte, Glas zersplitterte, Stimmen kreischten. Blitzschnell stieg Ronald zurück in seine Hose und stürmte aus dem Schlafzimmer. „Eva“, rief er Richtung Bad, bevor er die Treppe herunter sprang.

Mit einem Blick nahm er die Verwüstung in Silvias Zimmer wahr. Kleidungsstücke lagen verstreut auf dem Boden, ein Korbsessel war umgestoßen, eine Schranktür und die Scheibe des Fernsehers eingeschlagen, ein Spiegel, der an der Wand hing, zertrümmert. Jasmin lehnte neben der Tür und knabberte aufgeregt an einem Fingernagel. Mitten im Raum lag Vanessa mit dem Rücken auf dem Boden, sie blutete im Gesicht. Rittlings auf ihrem Bauch Silvia, neben ihr ein Baseballschläger.

„Seid ihr wahnsinnig“, brüllte Ronald.

Silvias erhobene Faust erstarrte in der Luft. Ronald riss sie am Arm hoch. Wütend schüttelte sie seine Hand ab, ließ sich in einer Ecke des Zimmers in die Hocke sinken, verschränkte die Arme auf den Knien und versteckte das Gesicht auf den Oberschenkeln.

Eva schob ihren Mann unsanft beiseite und half der leise wimmernden Vanessa auf die Beine. Sie führte sie langsam aus dem Zimmer ins Bad, um ihr das Blut abzuwaschen. Als sich das Mädchen ein wenig beruhigt hatte, sagte sie: „Ich wollte sie aufhalten, ihr den Baseballschläger abnehmen. Da ist sie auf mich los wie eine Verrückte.“

Am darauf folgenden Tag beschloss die Heimleitung des Jugendhilfevereins Die Straße nach einer Krisensitzung und in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt, Silvia Novak zur weiteren Betreuung in die Außenstelle Quinta Cavaleiro in der Algarve zu geben.

All Rights Reserved. Copyright bei Franz Bludau und Christoph Höver

Kapitel 2-Teil 2 (PFD-Version)

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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