Kapitel 3

3

 Mosqueiro (Algarve), 15. Juli 2008

 Das ist genau so ein Wetter wie bei den großen Bränden 2004”, sagte Adelina, als sie ihre Vorräte für die nächste Woche aus dem blauen R4 lud. „Im Markt gibt es kein anderes Thema. Es sollen schon viele ältere Leute mit Kreislaufproblemen im Krankenhaus von Portimão sein.”

Schnaufend hielt sie inne und wischte sich mit dem Handrücken einige schweißnasse Strähnen ihres blauschwarzen, lockigen Haares aus der Stirn, das im gleißenden Sonnenlicht perlmuttartig schillerte wie das Innere einer schwarzen Muschelschale.Vermutlich hatten sich maurische Gene über die Jahrhunderte bis zu ihr durchgesetzt.

“Machst du dir Sorgen? So schlimm wird es schon nicht werden.” Kajo kam ihr entgegen und nahm ihr einige der 5-Liter Wasserflaschen ab. „Außerdem: Eine solche Katastrophe kommt höchstens alle dreißig Jahre vor. Deine Worte. Ich hatte die Bedenken, als der Umzug anstand.“

Adelina verkniff sich eine Antwort. Sie kannte seine Art. Manchmal vermisste er das Leben und den Betrieb in seinem Köln, die Kumpels und die Arbeit. Dann kamen seine ungeliebten spitzen Bemerkungen.

Schweigend verstauten sie die Einkäufe in der Küche des alten Bauernhauses, in dem sie seit etwas über einem Jahr lebten und das nach wie vor einer riesigen Baustelle glich. Eigentlich verdienten nur die Küche und das Schlafzimmer das Prädikat bewohnbar. Das Bad war ein auf mehrere Stellen verteiltes Provisorium: Die Toilette befand sich in einem ein Quadratmeter großen Kabuff im Haus. Waschen konnte man sich in einer durch Vorhänge abgeteilten Ecke der Küche. Immerhin mit warmem Wasser, für das ein Gasboiler sorgte. Das Vorhandensein einer Dusche war Kajos Erfindungsgeist zu verdanken. Eine etwa fünfzehn Meter vom Haus entfernt stehende Kiefer bot dabei eine stabile Halterung. An einem Ast in angemessener Höhe wurde mit Draht ein Duschkopf befestigt, der wiederum auf dem vorderen Ende eines langen grünen Schlauchs steckte – die Wasserzufuhr. Im Sommer wärmte die Sonne den Schlauch und erzeugte eine angenehme Temperatur. Im Winter dagegen war das Duschen eine Übung zur Abhärtung. Adelina zog dann das warme Wasser im Haus vor.

Die Badmöblierung bestand aus einem wackligen, kleinen Tisch mit Schublade, der mit Plastikfolie in weiß-blauem Kachelmuster beklebt war. Dazu kam ein mit dem Stiel nach unten in den Boden eingelassener hölzerner Rechen, der jetzt als Kleider- und Handtuchhalter diente. Einen Sichtschutz gab es nicht. Aber in das abgelegene Seitental verirrte sich selten jemand.

Adelina liebte es, Kajo beim Duschen zuzuschauen. Sie mochte seine kräftige Figur und vor allem die für seine dreiundfünfzig Jahre noch strammen und durchtrainierten Pobacken. In den ersten Tagen nach der Inbetriebnahme der exklusiven Freiluftdusche hatte sie ihm häufiger ein „Óla! Que lindo!“ (Oh! Wie hübsch!) zugerufen und war enttäuscht, als er darauf nur mit einem säuerlichen Grinsen reagierte. Ihre Direktheit schien ihm unangenehm zu sein. Von da an nahm sie sich zurück und beobachtete ihn nur noch mit stillem Vergnügen aus dem Schatten hinter dem Fenster.

 Der ehemalige Wohnraum und die früheren Kinderzimmer waren bis zur Decke mit Umzugskisten und Möbeln von Adelinas Großeltern voll gestellt. Sie hatte es bis jetzt noch nicht über das Herz gebracht, sich von den Erbstücken zu trennen. Kajo hatte es in einem zähen Kampf geschafft, im Kinderzimmer einen Teil der alten Möbel in den angrenzenden Schuppen umzulagern und sich eine kleine Arbeitsecke einzurichten .                                 Sein Laptop mit dem drahtlosen Internetzugang und die Sammlung seiner Schwarz-Weiß-Fotos hatten hier eine neue, provisorische Heimat gefunden.

Obwohl Adelina im fernen Deutschland aufgewachsen war, bestand immer eine besonders enge Beziehung zu Oma Ana und Opa Toi. Als Kind war der Besuch in der Abgeschiedenheit und Einfachheit der Serra der Algarve jedes Mal ein Höhepunkt der Sommerferien. Vor allem die Fahrten mit dem Maultierkarren zum Wochenmarkt in Aljezur. Opa Toi saß auf dem Bock des bunt bemalten Karrens mit den zwei riesigen hölzernen Rädern. Eine flache, abgetragene graue Schirmmütze schützte ihn vor den aggressiven Sonnenstrahlen und allen sonstigen Unbilden des Wetters. Adelina konnte sich nicht erinnern, ihn je ohne seine Kappe gesehen zu haben. So als wäre sie mit den Jahren über seinem vom harten Leben zerfurchten Gesicht angewachsen. Wahrscheinlich trägt er sie auch nachts, hatte sie immer vermutet, aber nie eine Antwort erhalten.                Adelina kuschelte sich auf der Ladefläche an Oma Ana, um genug vom Schatten des großen, schwarzen Regenschirms abzubekommen, der ihnen als Allwetterschutz diente. Stets war die Großmutter dunkel gekleidet, von den Schuhen über die Strümpfe, das einfache Kleid, den Umhang, das Kopftuch bis zum Strohhut, was ihr ein etwas düsteres Aussehen verlieh. Aber die wachen Augen und die unzähligen Lachfältchen in ihrem Gesicht straften diesen ersten Eindruck Lügen.

Später, als Adelina die Ausbildung zur Sozialarbeiterin begonnen hatte, stärkten ihr die Großeltern bei Konflikten mit den Eltern den Rücken. Und Konflikte gab es häufig. Vor allem ihre wechselnden Freundschaften mit Kommilitonen und ihre kategorische Ablehnung, früh zu heiraten, boten reichlich Stoff für ausgiebigen Streit mit dem einzigen Kind. Immer, wenn sie nicht mehr weiter wusste, waren die Großeltern in Portugal ein Fluchtpunkt, um neue Kraft zu tanken und zu Entscheidungen zu kommen. Dort war sie – auch mit fast vierzig Jahren noch – die Netinha, die geliebte Enkelin.

Im Laufe der Zeit war der Maultierkarren einem blauen R4 gewichen, mit dem Adelina Ausflüge in die nähere Umgebung unternahm. Die Großeltern stellten kaum Fragen, sie freuten sich über ihre Anwesenheit und verwöhnten sie mit den Süßigkeiten, die sie schon als Kind so gemocht hatte: Gebäck aus den Fruchtfäden des Gila-Kürbisses, das von Honig troff, Sternen aus getrockneten F eigen mit Strahlen aus Mandeln, kleinen, grell-bunt gefärbten Marzipanblumen, bröckeligem Kuchen mit Mandeln, Honig, Anis und viel Zimt, in dem zu Ostern ein ganzes Hühnerei mit Schale eingebacken war, Torten mit Eierfäden, die aus Eigelb und Zuckersirup hergestellt wurden. Oma Ana war eine Künstlerin, die in ihren Süßigkeiten das maurische Erbe der Algarve weiterleben ließ. Einen Teil davon verkaufte sie auf dem Markt und an einige Cafés der Region, was ihr half, die winzige Rente aufzubessern.

Die Wochen in der Serra festigten nicht nur Adelinas seelische Verfassung, sie führten, zurück in Krefeld, zwangsläufig auch zu mindestens einem Monat harter Diät. Denn unübersehbar nutzten all die Köstlichkeiten aus Großmutters Küche ausgerechnet ihre Hüftpartien als Endlager.                                                                                                              Nur einmal, nach dem plötzlichen Tod ihres Sohnes, Adelinas Vater, waren Oma Ana und Opa Toi zu Besuch in Deutschland. Sie sprachen nicht viel in ihrer Trauer. Bei der Abreise mit dem Europabus aus Köln nahm Ana ihre Enkelin auf die Seite. „Wenn du nicht mehr in diesem kalten Land leben willst: Bei uns findest du immer Wärme und Ruhe.“

Allzu rasch sollten die Worte Wirklichkeit werden. Ihre Großeltern starben im Abstand von nur zwei Monaten und hinterließen ihr das Haus in Mosqueiro mit sechs Hektar Wald und Ackerland. Die Landwirtschaft hatten sie wegen ihres Alters schon vor Jahren verpachtet. Nur ein Gärtchen sowie einige Oliven-, Feigen- und Mandelbäume waren ihnen für den Eigenbedarf geblieben.                                                                                 Adelinas Mutter hatte nach dem Tod ihres Mannes das Haus und Grundstück in Krefeld verkauft und war in ihr Heimatdorf in Nordportugal zurückgekehrt. Dort konnte sie mit der Witwenrente und den Zinsen aus der Hälfte des Erbes ein vergleichbar fürstliches Leben führen. Nicht zuletzt deshalb reifte in Adelina der Entschluss, es ihr gleich zu tun.

 Die Einkäufe waren verstaut, und Adelina setzte sich mit einer Dose Eistee an den kleinen Tisch vor dem Haus, der zu dieser frühen Nachmittagsstunde etwas Schatten bekam. Kajo folgte ihr mit einer Flasche eiskaltem Sagres und zog sich einen Stuhl neben sie. „Wie war die Tour in die große Welt?“ Es klang versöhnlich. Offenbar hatte er seine gute Laune wieder gefunden.                                                                                                                              „Zu heiß, und Aljezur ist voll von Touristen. Du hörst fast nur Deutsch, Holländisch und Englisch.“                                                                                                                                          Ihr Gespräch wurde von dem Lärm eines schweren Hubschraubers unterbrochen, der mit einem überdimensionalen, tropfenden Beutel unter dem Rumpf über sie hinweg flog. Adelina und Kajo standen auf und sahen ihm nach, bis er hinter den Kämmen des Monchique verschwand.                                                                                                         „Einmal in dreißig Jahren?“                                                                                                   „Fängst du schon wieder damit an? Es brennt fast jedes Jahr hier in den Bergen. Das ist normal. Aber so verheerende Feuer wie 2004 gibt es nur selten“, verteidigte sich Adelina. „Sieh lieber mal nach, ob wir noch Kerzen im Haus haben. Wenn es irgendwo brennt, fällt fast immer der Strom aus.“                                                                                                    „Adele, Adele!“, er benutzte manchmal gerne die Kölner Verballhornung ihres Namens, „manchmal vermisse ich doch die geordneten Zustände in Mitteleuropa, mit einer soliden Energieversorgung …“                                                                                                                   „Und Nebel, Schneematsch und misstrauische Nachbarn! Haben wir jetzt Kerzen oder nicht?“ Auf Adelinas Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet. Es drohte ein privates Unwetter.                                                                                                                                       „Nicht. Ich habe die letzten zwei aus der Schublade genommen.“                                        „Das hättest du mir ruhig vor meinem Einkauf sagen können.“ Kajo legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm.                                                                                       „Kein Problem. Ich wollte sowieso noch zu Zé. Dann bring ich Kerzen mit. Gibst du mir den Autoschlüssel?“

 Auch in dem tief eingeschnittenen Tal, durch das eine Holperpiste nach Mosqueiro führte, war der heiße Wind zu spüren. Aber wenigstens nahmen die zahlreichen Eukalyptusbäume und Kiefern der hoch stehenden Julisonne etwas von ihrer Kraft. Zudem kam von dem kleinen, jetzt trocken gefallenen Bachlauf immer noch ein Hauch von Feuchtigkeit. Der trockene Wind vertrieb auch die sonst so zahlreichen Mücken, die diesem Tal und dem einen Kilometer entfernten Ort vermutlich den Namen gegeben haben: Mosqueiro , Fliegenschrank.                                                                                                                                Ort ist eigentlich zu viel gesagt. Mosqueiro lag in einer Senke am flachen Ende des Tals. Es bestand aus drei kleinen Bauernhöfen längs der Straße, an denen nichts Besonderes war. Kleine, einstöckige Wohnhäuser, verschiedene Schuppen für Werkzeug und Material, Hühnerställe und unglückliche Kettenhunde, Brennholzstapel und landwirtschaftliche Maschinen. Einige schienen nur noch als Materiallager zu dienen. Jeder Hof hatte einen Garten, in dem die Dinge des täglichen Bedarfs angebaut wurden. Überall fand sich der hochschießende großblättrige Kohl. Petersilie, Koriander und Minze wuchsen neben leuchtend rot blühendem Hibiskus, den trichterförmigen Blüten der Calas, einer Lilienart, und Rosmarin- und Salbeibüschen, die überwiegend wegen ihres Aussehens gezogen wurden. Farbenfrohe Tupfer inmitten eines tristen, von alter Armut geprägten Ensembles.

Etwas oberhalb mündete der Weg aus dem Tal in den asphaltierten Fahrweg zwischen der Nationalstraße und dem fünf Kilometer entfernten Weiler Três Figos. An dieser Einmündung lag das soziale Zentrum der Region: das Café und der Kramladen SerraDourada. Der Wirt, ein schweigsamer Mann unbestimmten Alters, war aber der eigentliche Namensgeber: Zé kannten alle in der Region.                                                         Die Bewohner der Umgebung mussten zwangsläufig dort vorbeischauen, da hinter dem Café, auf schon etwas windschiefen Pfählen, Batterien mit insgesamt dreiundzwanzig Briefkästen standen. Einer für jedes Haus.                                                                                  war der einzige zu Fuß erreichbare Ort, an dem man sich mit den dringenden Kleinigkeiten des Lebens versorgen konnte: Dort gab es alles, vom Brot bis zum Klopapier. Zugleich ein Treffpunkt für den Austausch der neuesten Nachrichten, mit einer Terrasse für den nachmittäglichen Café und Schnaps und natürlich Sammelpunkt der Männer, die auf dem überdimensionalen Plasmafernseher die Spiele der portugiesischen Fußballliga verfolgten und deren Ergebnisse hinterher bei einigen Bieren lautstark diskutierten. Erst in jenen Momenten verlor Zé seine Schweigsamkeit und beteiligte sich enthusiastisch an dem wortreichen Schlagabtausch.                                                                                               Auf einen Außenstehenden wie Kajo wirkte es immer so, als stünde eine Kneipenschlägerei unmittelbar bevor. Aber wunderbarer Weise verabschiedeten sich am Ende des Abends alle mit Handschlag, um bei der nächsten Übertragung wieder mit gleicher Emotionalität und Lautstärke aufeinander loszugehen.

Kajo stellte den R4 auf den kleinen Parkplatz vor dem Serra Dourada ab, der ungewöhnlich leer war. Nur der alte Motorroller des Wirtes stand an seinem üblichen Platz. Neben der Terrasse des Cafés war der Eingang zum Laden. Kajo schob die leise klackernden Plastikketten des bunten Fliegenvorhangs an die Seite.                                      Er hatte die lässige Kleidung von zu Hause – verwaschenes T-Shirt und ausgefranste Jeans-Shorts – gegen seinen Sommer-Ausgehlook getauscht: kurzärmeliges Herrenhemd, eine leichte helle Baumwollhose im Jeansschnitt und beigefarbeneStoffschuhe, die er statt ausgetretener Sandalen zum Autofahren trug.

 „Bom Dia, Zé“, grüßte er in den leeren Raum. Der Inhaber löste sich langsam von seinem Stammplatz hinter der Theke des Cafés nebenan, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, und kam durch die Durchgangstür in den Kramladen. „Boa Tarde“, sagte er demonstrativ deutlich und deutete mit einem Anflug von Lächeln auf seine Uhr. Kajo hob entschuldigend die Hände. Er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass Bom Dia „Guten Morgen“ bedeutet und man sich nach der Mittagszeit mit Boa Tarde begrüßt.

Nachdem er eine Packung Kerzen gekauft hatte, ging er hinüber in das Café. Von den üblichen Stammgästen, die nach dem Essen normalerweise dort ihre Bica, wie der Espresso im Süden Portugals genannt wird, tranken, war niemand da. Nur in der hintersten Ecke saßen zwei Jugendliche, die er hier noch nicht gesehen hatte, vor einer Dose Cola. Ungewöhnlich in einer Gegend, aus der fast alle jungen Leute in den reichen Speckgürtel der Küste oder ins reichere Ausland abgewandert waren, um der Hoffnungslosigkeit und Armut der kargen Bergregion zu entfliehen.

Er blickte den Wirt an, der ihm unaufgefordert ein eiskaltes Sagres brachte, und zog fragend die Augenbrauen hoch. „Where are they all?“                                                           Kajo büffelte zwar zu Hause eifrig Portugiesisch, aber bisher traute er sich nicht recht, seine neu erworbenen Kenntnisse anzuwenden. Zu oft hatte er erleben müssen, dass seine Sprechversuche zunächst verdutztes oder ungläubiges Schweigen hervorriefen, bis sich nach einer Weile eine Miene in eher erahntem Verstehen aufhellte und er eine Antwort in einem seltsamen, dort jedoch überall verbreiteten Englisch erhielt. Einer Art „Portugenglisch“, das seinen Englischlehrer in der Schule zur Verzweiflung getrieben hätte, das in dieser Region aber von allen – außer von unflexiblen Touristen aus dem Vereinigten Königreich – als internationales Verständigungsmittel benutzt wurde.

 Zé breitete die Arme aus, nuschelte „All home!“ und zeigte auf die Hügel des Monchique. „Fogo, Fire“ fügte er ergänzend hinzu und „Medo“, da er das englische Wort für Angst nicht kannte.                                                                                                                                        Wie zur Bestätigung hörte man in der Ferne das Geknatter eines Löschhubschraubers. Kajo beobachtete, wie die dunklen Rauchwolken des Waldbrandes hinter dem Hügel plötzlich kleiner wurden und der Helikopter kurz darauf mit leerem Wassersack unter dem Rumpf an ihnen vorbei in Richtung Küste flog.                                                                            Er winkte nach einem zweiten Bier und schaute sehnsüchtig auf die brennende Zigarette in der Hand des Wirtes. Das Portugal-weite Rauchverbot hatte der Wirt dadurch umgangen, dass er sich für ein paar Euro bei der Gemeindeverwaltung eine Raucherlizenz gekauft hatte. Die dafür notwendige hochwirksame Gastraumlüftung bestand aus einem kleinen Luftschacht in der Wand hinter der Theke. Aber es war sowieso nicht damit zu rechnen, dass sich eine Kontrolle hierher in die Einöde verirren würde.

Nach seinem schweren Herzinfarkt vor fast zwei Jahren hatte Kajo das Rauchen aufgeben müssen, und Adelina achtete sehr darauf, dass er nicht rückfällig wurde. Aber beim Bier war es oft sehr schwer, zu widerstehen.                                                                                       Zé sah den Blick seines Gastes und hielt ihm eine zerknautschte blaue SG Filtro-Packung hin. Kajo griff dankend zu und genoss die Züge aus der ungewöhnlich kurzen Zigarette. Er konnte nur hoffen, die kleine Verfehlung würde Adelinas feiner Nase entgehen.

Sein Blick fiel erneut auf die beiden Jugendlichen in der Ecke, die erregt miteinander tuschelten. Ein merkwürdiges Pärchen. Der Größere, den Kajo auf sechzehn oder siebzehn schätzte, war mit der obligatorischen verwaschenen Jeans und einem kurzärmeligen, weit fallenden Hemd modisch gekleidet. Dessen schreiendes Kanariengelb schien Kajo zwar farblich grenzwertig, doch musste er zugeben, es harmonierte mit den rötlich-blonden Haaren des Jungen. Der Kleinere, gewiss ein, zwei Jahre jünger als sein Kumpel, gab eher den Punk. Er trug verschmutzte, löcherige Jeans und darüber ein T-Shirt, das in die Kategorie Schlabberlook fiel. Oder handelte es sich um eine sie? Kajo war sich nicht sicher. Die schmalen, feingliedrigen Hände und die zart wirkenden Gesichtszüge deuteten auf ein Mädchen, aber was hieß das schon? In der heutigen Zeit verwischte die Uniformierung der Jugend alle Unterschiede. Es ging ihn auch nichts an. Und doch: Was hatten die beiden in dieser Gegend verloren? Waren sie getrampt und vor der Tür oder in der Nähe abgesetzt worden? Kajo schmunzelte über sich selbst. Er konnte es nicht lassen. Das alte Spiel: Fragen, Fragen, Fragen und selten befriedigende Antworten. Auch das würde Adelina wenig gefallen.

Der ältere Jugendliche war aufgestanden und begutachtete die Auslagen in der Kühltheke, von Zé skeptisch beäugt.                                                                                                              „Cake?“, fragte der Junge und deutete auf eine ungesund gelb schimmernde Bisquitrolle. „Two pieces.“ Zur Bekräftigung hielt er Daumen und Zeigefinger in die Höhe.        „Money?“, entgegnete der Wirt. Er schien aus einigen schlechten Erfahrungen gelernt zu haben.                                                                                                                                               „Klaro … äh, ich meine, sure.“ Der Junge langte in seine Hosentasche und legte eine Anzahl messing- und kupferfarbener Münzen auf den Tresen. „How much?“ Und fügte mit einem gewinnenden Lächeln hinzu: „We are hungry.“

Kajo grinste in sich hinein. Okay, dachte er, auf die Tour bist du unterwegs. Mit Charme auf Mitleidssuche. Da wirst du dir an Zé die Zähne ausbeißen.                                 Tatsächlich zeigte sich der Wirt unbeeindruckt. „Três e vinte“, sagte er seelenruhig und streckte dem Jungen eine offene Hand entgegen.                                                                      Auf dessen Gesicht erstarb das Lächeln. „Wie jetzt, wat jetzt, erst zahlen? Det gloob ick nich. Und wie viel wolln Se?“ In seine Stimme schlich sich ein aggressiver Unterton. „Hey Ivan, komm ran hier!“                                                                                                                       Ivan schüttelte den Kopf, quälte sich aber dann doch vom Stuhl hoch und schlurfte betont langsam zur Theke. „Ey Alter, lass den Scheiß“, raunzte er oder sie den Freund an. „Bezahl die Cola, und dann Abflug.“ Ein kurzer, verunsicherter Seitenblick streifte Kajo.

„Vielleicht kann ich euch helfen.“ Er hatte das Gefühl, eingreifen zu müssen.                      „Sie sprechen Deutsch?“ Von einer Sekunde zur anderen kehrte das strahlende Lächeln auf das Gesicht des blonden Jungen zurück. „Mitten in der Wildnis treffen wir einen Landsmann. Is ja krass!“                                                                                                               „Meine Anwesenheit hat ihren Grund“, erwiderte Kajo, „aber was hat euch hierher verschlagen?“                                                                                                                                       Ivan schien die Frage überhört zu haben, dafür schob sich der Blonde in den Vordergrund. „Ein Ausflug in die Pampa. Weg von den Touris, Land und Leute kennen lernen. An die Straße stellen und Daumen in den Wind. Das hat anfangs auch super geklappt. Aber jetzt auf der Rückfahrt hat uns so`n Penner mitgenommen, der ist einfach vom Broadway abgebogen und hat uns ausgesetzt. Ein echter Vollpfosten.“                                                  „Ein was, bitte?“ Kajo lachte laut auf.                                                                                            „Na, ein Vollpfosten ebend. Ein Idiot, eine Hohlbirne, dumm wie Toastbrot. Dabei haben wir ihm genau erklärt, wo wir hinwollen.“                                                                                 „Wie denn? Auf Deutsch … mit Berliner Akzent?“                                                                  „Det hört man, wa? Aber ich kann auch Hochdeutsch und Englisch natürlich. Hab ick allet druff.“                                                                                                                                                 „Na ja“, entgegnete Kajo, „an Letzterem solltest du noch ein bisschen feilen. Und mit dem Portugiesischen sieht es wohl ganz mau aus, oder?“                                                               „Kommt alles noch. Ach übrigens, ich bin der Tobias. Tobi für meine Freunde. Tobias Siegert, wie Sieger mit einem t am Ende.“ Er streckte Kajo die rechte Hand entgegen.           Der schüttelte sie. „Ein Sieger, aha. Immer als Erster im Ziel, was?“                                      „Und ganz oben auf`m Podest“, ergänzte der Junge. „Von da hat man die beste Aussicht.“

 Zé hatte nur den Anfang des Gespräches verfolgt. Ein schneller Blickkontakt mit Kajo genügte ihm als Bürgschaft für die offene Rechnung der Jugendlichen. Beruhigt widmete er sich daraufhin dem laufenden Fernsehprogramm. Nun kam er an die Theke zurück und erkundigte sich, was mit dem bestellten Kuchen werden solle.                                     „Richtig“, wandte sich Kajo an Ivan und Tobias. „Wollt ihr oder wollt ihr nicht? Die zwei Stücke und die Cola kosten zusammen drei Euro zwanzig. Die Cola allein wohl nur neunzig Cent oder ein Euro.“                                                                                                                        Die beiden sahen sich fragend an. „Na ja“, meinte Tobias, „das gelbe Zeugs sieht ja verlockend aus. Andererseits müssen wir auch noch nach Hause kommen.“ Dabei schielte er auf die Münzen, die noch vor ihm auf dem Tresen lagen.                                                 „Nun mal der Reihe nach“, schaltete sich Kajo ein. „Also erstens: Ihr scheint Hunger zu haben, stimmt`s? Zweitens: Ihr habt zu wenig Geld. Und drittens: Wo wollt ihr überhaupt hin? Und wie?“                                                                                                                              „Wir müssen nach Portimão“, antwortete Tobias. „Und gegessen haben wir heute wirklich noch nicht viel.“ Es klang kleinlaut. „Wissen Sie, ob hier in der Nähe ein Bus abfährt?“                                                                                                                                         Für einen Moment schien der Junge seine Selbstsicherheit verloren zu haben. Er wirkte in sich zusammengesunken. Ivan schaute sowieso die ganze Zeit betreten zu Boden, als fände er dort die Lösungen für ihre Probleme. Die beiden taten Kajo leid.                                      „Ich mache euch einen Vorschlag“, sagte er. „Ihr bezahlt den Kuchen, und ich gebe euch das Fahrgeld für den Bus. Ihr könnt hier ja nicht übernachten. Die Haltestelle ist in Aljezur, ungefähr zwölf Kilometer entfernt. Ich bringe euch mit dem Auto dorthin. Der Bus fährt nach Lagos, da müsst ihr umsteigen.“

Mit einem Ruck hob Ivan den Kopf und sah ihn überrascht an. Tobias wand sich, sagte schließlich: „Det is nett, aber … nee, das können wir nicht annehmen. Jedes Geschenk hat einen Haken, hat mir meine Mutter beigebracht. Nichts für ungut, aber wir kommen schon zurecht. In Portimao habe ich Geld bei einem Kumpel.“                                                       „Und das erklärst du den Busfahrern mit Händen und Füßen, oder wie? Und die sind dann so großzügig und lassen euch umsonst mitfahren. Hervorragende Idee. Oder wollt ihr schwarzfahren?“ Kajo schüttelte etwas genervt den Kopf.                                                     „Tobi“, wandte sich Ivan mit leiser, eindringlicher Stimme an den Freund, „ er will uns nur helfen … nu maach schon.“                                                                                                             Doch ein Mädchen, dachte Kajo, und der Tonfall erinnerte ihn an seine Kölner Heimat. Obwohl die Rheinmetropole streng genommen gar nicht seine Heimat war. Er stammte aus der Kleinstadt Hoffungsthal bei Bergisch Gladbach, zirka zwanzig Kilometer östlich von Köln gelegen, auf der rechtsrheinischen Seite.                                                                              Noch einmal wunderte er sich über das seltsame Gespann, dem er in dieser Einsamkeit begegnete: einer verschüchterten Rheinländerin und einem – zumindest nach außen hin – großkotzigen Berliner, die ihm eine Geschichte auftischten, die alles sein mochte, nur nicht wahr.

Bei seinen letzten Worten hatte Kajo die Stimme erhoben, was Tobias` freundliches Lächeln einfrieren ließ. Etwas blitzte in seinen Augen auf. Kajo spürte die Wandlung, ohne sagen zu können, was sich dahinter verbarg. Er wusste nur, dass es ihm nicht gefiel.  „Tobi“, begann er erneut, betont ruhig.                                                                            „Tobias“, kam es gereizt zurück.                                                                                           „Verstanden. Also Tobias, nehmt fünf Euro von mir als Fahrgeld und seht zu, dass ihr euch auf den Weg macht. Sonst schafft ihr es heute nicht mehr bis nach Portimão. Vielleicht treffen wir uns ja dort noch einmal, und du gibst mir das Geld zurück, okay?“                     Sie sahen sich einen Moment direkt an, dann drehte sich der Junge um, sammelte seine Münzen bis auf 1-Euro Stück vom Tresen, stapfte zum Ecktisch, schulterte eine Umhängetasche und verließ wortlos das Café.

Kajo sandte Ivan einen fragenden Blick zu und erntete ein Achselzucken. Auch der Wirt schien irritiert, schüttelte den Kopf, obwohl er nichts von der Unterhaltung verstanden hatte. Ivan ging mit eiligen Schritten zum Ausgang, zögerte, kehrte noch einmal um und zupfte den Geldschein aus Kajos Hand. „Danke“ hörte er noch und begegnete einem Lächeln, das ihn nicht länger zweifeln ließ, ein Mädchen vor sich zu haben.

Kapitel 3 (PDF)

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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