Kapitel 4

4

 Der Fahrweg zu Nationalstraße 267, die Aljezur mit Monchique verbindet, lief in nördliche Richtung. Die Sonne stand zu dieser Zeit des Nachmittags noch so hoch, dass die Bäume, die zahlreich über das dichte Unterholz herausragten, nur in den Kurven gelegentlich etwas Schatten spendeten.

Seit sie das Café verlassen hatten, waren zehn Minuten vergangen. Ohne sich auch nur einmal umzusehen, marschierte Tobias vorneweg, Ivan folgte ihm im Abstand von fünf Metern und hatte einige Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Die staubige Hitze machte ihr zu schaffen. Ihre gelegentlichen Anrufe hatte er zu ihrem Ärger ignoriert, bis sie realisierte, dass er beide Ohrstöpsel seines MP3-Players eingesetzt hatte. Vielleicht wollte er sie auch nicht hören. Schließlich lief sie und fasste ihn behutsam am Arm.                                         Tobias blieb stehen, nahm einen Knopf aus dem Ohr und sagte mit gespielter Überraschung: „Wo kommst du denn her?“                                                                           „Fick dich!“, zischte sie und ging weiter.                                                                                      Bis dahin waren sie noch keinem Auto begegnet, nur einem Moped mit einem alten Bauern, der einen großen Jutesack zwischen sich und den Lenker geklemmt hatte. Mit infernalischem Lärm, eine grau-blaue Abgasschleppe hinter sich herziehend, war es an ihnen vorbei geknattert.

„Nicht gerade ein Verkehr wie auf dem Ku`damm“, bemerkte Tobias missmutig, als er seine Begleiterin eingeholt hatte.                                                                                              „Was hast du denn erwartet? Dass die Autos hier im Stau stehen und alle auf uns warten? Hättest ja den Fünfer vorhin annehmen können. Aber nein, Mister Oberschlau gräbt lieber geile Sprüche aus. Jedes Geschenk hat einen Haken. Hat ihm Mami beigebracht. Kotz.“                                                                                                                                            Tobias schaute das Mädchen verblüfft an. So lautstark und wütend hatte er Ivan noch nicht erlebt. Zu aufmüpfig für seinen Geschmack.                                                               „Ach“, hielt er dagegen, „und wie sind wir hierher gekommen? Ich schenk dir ein Poster von Lukas. Und schon steigt die Kleine in die Superkarre und lässt sich in die Wildnis kutschieren. Du bist wirklich zu blöde, um aus`m Bus zu gucken.“                                      „Für Podolski kann man schon mal was riskieren“, lenkte Ivan leise ein. „Außerdem war das ein Deal mit klarer Ansage. Und schließlich warst du ja auch noch da.“                                                                                                                                                Tobias schnaubte verächtlich. „Für deinen Podolski hätte ich keinen Finger krumm gemacht. Du hast ja gesehen, was für ´ne Scheiße dabei herumkommt.“

Inzwischen waren sie auf die linke Straßenseite gewechselt, da die weiter nach Westen gewanderte Sonne dort teilweise durch den Rand säumende Bäume verdeckt wurde.                                                                                                                                           „Sind wir da vorne nicht zu der Bude von dem Typen abgebogen?“                                            Tobias nickte zur Bestätigung. Beide hingen ihren Gedanken nach, während sie auf die Einmündung zugingen.                                                                                                           „Meinst du, er ist ok?“ Ivan flüsterte fast.                                                                                 „Na klar. Überschätz dich nicht. Der ist in Ordnung“.                                                            „Verdient hat er es ja. Aber hier kommt doch kein Schwein vorbei.“                                 „Ach, vergiss es. So wie ich den Wichser einschätze, hat er sich längst selbst geholfen, sich einen coolen Drink gemixt und schiebt mit seiner goldenen Kreditkarte gerade eine Linie Koks zusammen.“                                                                                                                        „Und wenn doch was passiert ist? Dann haben wir richtig Scheiße an den Hacken.“               „Du gehst mir langsam auf die Nerven“, schnauzte Tobias zurück. „Latsch doch hin und streichel ihm den Kopf. Wir sollten lieber sehen, dass wir von hier weg kommen.“            Mit einer schnellen Bewegung holte Ivan den zerknüllten 5-Euro Schein aus ihrer Hosentasche und hielt ihn dem Freund hin. „Hier, zu deiner Beruhigung. Wir können mit dem Bus fahren und müssen uns nicht beeilen. Lass uns wenigstens kurz nachschauen, ob seine Karre noch vor der Tür steht. Wenn nicht, ist alles klar.“                                          „Ach, wir müssen uns nicht beeilen?“, kam es gereizt zurück. „Hast du vorhin nicht zugehört? Es sind zwölf Kilometer bis zur Haltestelle! Aber mach, was du willst, ich …“   Der Rest des Satzes wurde vom Geknatter eines vorbei fliegenden Hubschraubers verschluckt, der eine neue Wasserlast zu den Brandherden des Monchiquegebirges zu bringen schien.                                                                                                                                Das Mädchen schüttelte den Kopf und ging los. Sie wusste, der Freund würde ihr folgen. Nach einer Weile konnten sie die hohen Eukalyptusbäume sehen, die vor ihnen die Stelle markierten, an der der Weg zum Ferienhaus links bergauf führte. In einer kleinen Senke gelegen, war es von der Straße aus nicht einsehbar.

„Achtung!“ Tobias blieb abrupt stehen.                                                                        Motorgeräusch näherte sich ihnen, für die Piste aus Split und Schlaglöchern viel zu schnell, aus der Zufahrt. Die beiden drückten sich an die Böschung, es blieb ihnen keine Zeit, eine bessere Deckung zu suchen. Mit etwas Glück konnte Ivan dort mit ihrer schwarzen Baseball-Kappe über dem kurz geschnittenen braunen Haar, dem dunklen T-Shirt und der beinahe erdfarbenen Hose übersehen werden, aber Tobias` gelbes Hemd und sein Haarschopf mussten jeden Blick wie eine Neonleuchtreklame magisch anziehen.                     Jetzt röhrte ein Motor ganz nah, ein zweites Brummen folgte. Sekunden später schoss der erste Wagen in einer Staubwolke auf sie zu. Ein älterer, schmutzig-grüner Renault-Kombi mit zwei Männern im Inneren. Dicht dahinter der Audi Q7, in dem sie schon gesessen hatten. Fast war er an ihnen vorbei, als er hart abgebremst wurde und der Fahrer Tobias direkt in die Augen sah. Es war nicht der Mann, den sie kannten. Einen Wimpernschlag später beschleunigte der Wagen und jagte davon.

„Oh Fuck“, wisperte Ivan neben dem vor Schreck wie gelähmt wirkenden Tobias. „Ob das Zivilbullen waren?“                                                                                                                        Der Junge benötigte eine Weile, um sich aus seiner Erstarrung zu lösen, dann presste er heraus: „Ich glaube nicht. Die wären ausgestiegen und hätten sich erkundigt, was wir hier machen. Außerdem fahren sie die Prollkarre des Wichsers nicht ohne ihn spazieren.“ Er hielt inne, schien das so eben Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen. „Der Typ, der mich angeglotzt hat, sah aber auch nicht gerade freundlich aus. Wir sollten schleunigst verschwinden.“                                                                                                                                  Sie hatten kaum fünfzig Meter zurückgelegt, als sie hinter sich das Geräusch eines langsam dahin gleitenden Autos hörten. Wie auf ein Kommando schlugen sie sich in das dort dicht gewachsene Gebüsch. Fast gleichzeitig tauchte der Renault-Kombi in der Kurve hinter ihnen auf. Er fuhr im Schritttempo. Aus ihrem Versteck konnten sie erkennen, wie die beiden Insassen, zwei dunkelhaarige Männer, die Straßenränder mit den Augen absuchten.                                                                                                                                      „Die meinen uns“, flüsterte Ivan, als der Wagen an ihrer Deckung vorbei schlich. „Was machen wir jetzt?“                                                                                                                „Warten. Die kommen bestimmt noch einmal zurück.“                                                             Wenig später nur bestätigte sich die Vermutung, doch auch dieses Mal blieben sie unentdeckt. Vorsichtig richtete sich Tobias auf und sah an sich hinunter.

„Guck dir die Scheiße an.“ Er begann wütend Jeans und Hemd von Zweigstücken, Nadeln und Erdkrumen zu säubern. „Das geht doch nie mehr raus.“                                              „Fick dich mit deinen blöden Klamotten.“ Die Panik ließ Ivans Stimme hoch und schrill werden. „Erzähl mir lieber, wo wir jetzt hin sollen. Auf der Straße weiter bis nach Aljezur zu laufen, können wir ja wohl vergessen.“                                                                                  Der Junge sah sich um. Etwa hundert Meter vor ihnen führte ein Fahrweg ins Tal hinunter. Ein Versprechen, dass es dort Häuser gab. Vielleicht sogar ein leer stehendes Ferienhaus mit Betten und einer gefüllten Vorratskammer. Tobias zeigte in die Richtung.   „Wir übernachten irgendwo da. Aber wir müssen zur anderen Straßenseite. Wenn wir uns hinter der Böschung mit den Ginsterbüschen durchs Unterholz schlagen, sieht uns keiner.“

Auf ihrem Weg hangabwärts kamen sie an einen ausgetrockneten Bachlauf, dessen Uferlinien hohe Canabüsche, eine Art Riesenschilf, markierten. Dort schienen sich sämtliche Moskitos des Tals versammelt zu haben. Vor allem Ivan hatte mit den gierigen Mückenweibchen zu kämpfen. Wild um sich schlagend blieb sie stehen.                                     „Wohin?“                                                                                                                                       „Den Bach hoch, da muss irgendwo der Weg kommen.“                                                           „Na Bingo. Dann sehe ich morgen aus wie ein Streuselkuchen.“                                   Fluchend trottete sie hinter dem Freund her. Das Gehen auf dem Untergrund aus losen Kieseln, Sandlöchern und felsigen Passagen erwies sich als beschwerlich und ermüdend. Zudem setzten sie nur mehr vorsichtig und konzentriert einen Fuß vor den anderen, nachdem Tobias eine etwa ein Meter lange Schlange beim Sonnenbaden aufgescheucht hatte, die zischelnd im Grün des Ufers verschwand. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erreichten sie die Furt, an der der Weg den Bachlauf kreuzte. Auf der gegenüber liegenden Seite stieg die Piste sanft bergan. Schwitzend und keuchend stolperten sie weiter, bis die Angriffe der Moskitos nachließen. Im Schatten einer großen Fichte sank Ivan erschöpft zu Boden.                                                                                                                                             „Ich kann nicht mehr. Hast du noch was zu trinken?“                                                         Tobias setzte sich neben sie auf einen Felsbrocken, nicht ohne ihn vorher gründlich gesäubert zu haben. Dann erst zog er aus seiner Umhängetasche eine halb volle Flasche Wasser, die er dem Mädchen wortlos herüberreichte. Ivan trank gierig ein paar Schlucke, rülpste laut und gab den Rest zurück. Auch Tobias trank hastig und verstaute die Flasche wieder in seiner Tasche. Er schaute sich um, suchte sich zu orientieren.                                „Komm auf die Füße, Kleine“, sagte er, nachdem er sich für eine Richtung entschieden zu haben schien, „wir müssen weiter.“

Der Weg, den nun niedrige Mauern aus Felssteinen säumten, führte in zahlreichen Kurven durch ein Gelände mit Medronhobüschen und Olivenbäumen, unter denen einige Schafe weideten. Nach dreihundert Metern gabelte er sich.                                                                „Rechts oder links?“, fragte Tobias hinter sich.                                                                     „Geradeaus und dann quer“, kam es missgelaunt zurück.                                                       „Na gut, dann links. Da sind weniger Spuren.“                                                                            Er ging voran. Wenig später sahen sie, dass der Weg an einem Haus endete.

Kapitel 4 – PDF

Copyright by: Franz Bludau & Christoph Höver

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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3 Antworten zu Kapitel 4

  1. Rich Schwab schreibt:

    Lässt sich gut an – bin gespannt, wie‘ s weitergeht …

    ’ne schöne Jrooß – Rich

  2. Micha schreibt:

    Ich bin gerade eben das erste mal auf die Seite gekommen. Gefaellt mir bis jetzt sehr.

    • algarvekrimi schreibt:

      Danke Micha!
      Am Wochenende geht es (hoffentlich) spannend und informativ weiter! Bleib der Geschichte treu und hilf uns auch in Zukunft mit deinen Kommentaren.
      Die Autoren

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