Kapitel 5

5

 Bei der Rückkehr parkte Kajo den R4 etwas oberhalb des Hauses im Schatten einer Stechginsterhecke und eines alten Olivenbaums.                                                                    „Ein moderneres Auto mit Klimaanlage wäre ein Segen!“, murmelte er vor sich hin, als er sich noch auf dem Weg ins Haus das verschwitzte Hemd auszog. In der Küche empfing ihn eine angenehme Kühle, da die dicken Bruchsteinmauern und die kleinen Fenster kaum Hitze eindringen ließen. Er überlegte zu duschen, verwarf den Gedanken aber sofort wieder: Das aufgeheizte Wasser im Schlauch außerhalb des Hauses versprach keine Erfrischung. Stattdessen legte er die mitgebrachten Kerzen in eine Schublade, ging an den Kühlschrank und schnitt sich ein großes Stück aus einer Wassermelone, das er gierig verschlang, wobei ihm der klebrige Saft an den Fingern, am Kinn und Oberkörper herab rann. Er wusch sich in der Küchenecke und holte sich ein frisches T-Shirt.                         Das Haus lag still, nichts schien sich rühren zu wollen unter der sengenden Sonne. Kajo mochte die Momente, in denen seine Umgebung den Atem anhielt. Als würde sie – und er mitten darin – für eine kurze Weile aus dem Lauf der Zeit heraustreten und sich selbst genug sein. Es waren Augenblicke, die die Sinne schärften, die äußeren wie die inneren. Oft ging er dann durch die Räume oder über das Grundstück und hatte das Gefühl, die bekannten Dinge anders zu sehen, zu riechen, zu ertasten. Oder sie in einem neuen Zusammenhang wahrzunehmen. Manchmal begnügte er sich auch damit, einfach nur dazusitzen und sich absichtslos seinen inneren Bildern zu überlassen.                               Schon in Köln, in seinem vorherigen Leben, wie er es inzwischen ironisch bezeichnete, hatte er seine persönliche Form der Meditation gepflegt, beinahe zur Methode erhoben. Indem er weit außerhalb jeglicher Dienstzeit in seinem Büro saß und den heraufdämmernden Tag oder die einschlafende Stadt beobachtete. In vielen Fällen sah er dann, die Fälle öffneten sich, und er fand das eine oder andere Puzzleteil, das plötzlich ein Gesicht oder eine Verflechtung sichtbar machte.                                                                                                    Und doch empfand er darin – in der Abgeschiedenheit in der Algarve noch stärker als in Deutschland, in jenem vom Beruf geprägten Alltag – einen Mangel, der die konzentrierte Stille unvollkommen erscheinen ließ. Jedenfalls seit er Adelina kannte. Und irgendwann begriff er, sie war, unabhängig von allen Fällen, von allen Wechselfällen des Lebens, das Moment, das ihn ganz machte. Danach mochte er jene Augenblicke des Fürsichseins umso mehr, weil er sie darin so intensiv vermisste.                                                                       Durch das Küchenfenster lag sie in seinem Blick. Sie schlief in einem alten Liegestuhl im Schatten der Badezimmer-Kiefer, das schmale Gesicht von ihren blau-schwarzen Locken eingerahmt. Dann und wann zuckte sie mit einem Arm oder wendete den Kopf, wenn eine aufdringliche Fliege sie zu kitzeln schien. Dann blinzelte sie kurz, um sich sofort wieder in eine bequeme Position zu räkeln.                                                                                               Kajo betrachtete sie lächelnd und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Oberlippe. Eine Angewohnheit aus der Zeit, als er noch einen eindrucksvollen Schnurrbart trug. Damals war er überzeugt, die Geste des Schnauzerzwirbelns erhöhe seine Konzentrationsfähigkeit. Und so hatte er die beinahe schon automatisierte Bewegung selbst dann noch beibehalten, als er – nach dem Verlust seines haarigen Männlichkeitssymbols – Adelina zuliebe dazu übergegangen war, sein Gesicht regelmäßig ganzflächig zu rasieren.                                                                                                                   Mit ihr habe ich Glück, dachte er und machte sich daran, ein weiteres Stück Melone sorgfältig von Schale und Kernen zu befreien und auf einem Teller in mundgerechte Stücke zu teilen. Damit ging er hinaus und weckte Adelina mit einem Kuss. Sie bemerkte den leicht bitteren Zigarettengeschmack, beschloss aber, sich zunächst nicht dazu zu äußern. Ein strenger Blick reichte fürs Erste. Und vor der liebevoll zubereiteten Melone ließ sich schlecht streiten.

„Vielen Dank, Herr Kommissar! Das ist jetzt genau das, was ich brauche.“                         „Ist mir ein Vergnügen, Senhora Dona Maria Adelina Costeira-Wieland!“                       „Wie war es bei Zé? Hast du Kerzen bekommen?“                                                                 Kajo nickte. „Ja. Ansonsten war es ungewöhnlich ruhig. Scheinen alle aus Angst vor dem Feuer zu Hause zu sein.“                                                                                                            „Was meint Zé dazu?“ Adelina setzte sich auf, um den roten Saft nicht auf ihre Bluse tropfen zu lassen.                                                                                                                     „Nichts. Du kennst ihn ja. Das Reden hat er nicht gerade erfunden. Ihn schien eher zu beunruhigen, ob die Jugendlichen ihre Cola bezahlen könnten.“                                           „Was für Jugendliche? Fremde? In dieser Gegend?“ Sofort nahmen Adelinas Augen einen gänzlich wachen Ausdruck an. Noch immer reagierte sie wie elektrisiert, wenn ein Gespräch das Thema Jugend berührte. Zu lange hatte sie sich in Deutschland damit beruflich befasst, zu intensiv hatte sie sich auf die Betreuung junger Leute eingelassen, als dass sie sich davon innerlich frei machen konnte. Sie wollte es auch gar nicht. Viel mehr fehlte ihr hin und wieder ihre frühere Beschäftigung.                                                           „Tja“, antwortete Kajo, „das war schon ein komisches Pärchen. Ein arroganter Knabe von etwa sechzehn oder siebzehn und ein jüngeres Mädchen aus dem Rheinland, das sich Ivan nannte. Sind irgendwie hier gestrandet. Wollten weiter nach Portimão zu Freunden. Ohne Geld!“                                                                                                                                             „Das wird von Zé aus aber kompliziert. Hättest Du sie nicht eben zur Bushaltestelle in Aljezur fahren und ihnen Fahrkarten kaufen können?“                                                          „Du nun wieder mit deinem Helfer-Syndrom“, erwiderte Kajo. „Aber zu deiner Beruhigung: Ich habe ihnen beides angeboten, aber der junge Mann hat abgelehnt. Kam mir mit einem altklugen Spruch. Gut, hab ich gedacht, sie haben gesunde Beine, und wenn sie etwas Hackengas geben, schaffen sie es bequem zum Sieben-Uhr-Bus. Das Mädchen hat aber wenigstens noch einen Fünfer fürs Fahrgeld angenommen.“                         Adelinas sagte nichts, drückte nur sanft seine Hand. So kannte sie ihren Karl-Josef: unter einer knorrigen Rinde gutmütig und hilfsbereit.

Kajo stand auf und ließ den Blick über die umliegenden bewaldeten Hügel schweifen. Er dachte an das leere Café und Zés Worte. Verhielten sie sich zu sorglos angesichts der Feuergefahr? Er sah Adelina an.                                                                                                 „Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde, aber der Brandgeruch scheint mir stärker geworden zu sein.“                                                                                                                                     „Meinst du?“ Sie erhob sich und reckte ihre Nase in den Wind, der schwach von den Bergen über sie hinweg zur Küste wehte. „Du könntest Recht haben. Aber er kommt nicht aus dem Monchique, eher hier aus der Nähe.“                                                                           Sie lief ins Haus und kehrte mit einem Fernglas zurück, durch das sie die Talseiten absuchte. „Ich bin mir nicht sicher. Schau du mal. Dort drüben am gegenüberliegenden Hang scheint Rauch zu sein.“                                                                                                      Kajo benötigte einen Moment, bevor er die Stelle, die Adelina meinte, mit dem Glas erfasst hatte. Dünne, grau-weiße Schwaden schwebten zwischen einigen Bäumen hoch, die, kaum dass sie die Wipfel erreicht hatten, auseinandergetrieben wurden.                                     „Das ist Rauch“, bekräftigte er.                                                                                             „Kannst du sehen, ob da ein Haus in der Nähe ist?“, fragte Adelina.                                      „Zu undurchsichtig. Aber wenn ich mich recht erinnere, dürfte das vom Hamburger nicht weit entfernt sein. Allerdings glaube ich nicht, dass er sich im Moment dort aufhält. Zé hätte es erzählt. Sein Auto ist ja nicht zu übersehen.“                                                                 Sie hatten den Deutschen, den sie wegen seines norddeutschen Zungenschlags den Hamburger nannten, nur zweimal kurz in Zés Kramladen getroffen und waren rasch übereingekommen, ihn nicht zu mögen. Alles an ihm wirkte affektiert und eine Spur überzogen: die Kleidung mit den nicht zu übersehenden Haut-Couture-Logos, der protzige Siegelring, das ein wenig zu aufdringliche After Shave, die herablassende Stimmlage eines Sprosses hanseatischer Pfeffersäcke. Sein spöttisch überlegenes Lächeln um die Mundwinkel erschien wie der permanente Vorwurf an den Rest der Welt, Versager zu sein. Die Einkäufe lud er in einen luxuriösen, übermotorisierten Sport-Geländewagen. Selbst der Straßenstaub auf dem blitzenden Lack sah aus, als sei er sorgfältig von einem Designer aufgepudert worden. Er wechselte kaum ein Wort mit irgendjemandem, schien es geradezu herauszufordern, von den Menschen nach einer kurzen Phase der Neugier ignoriert zu werden.                                                                                                                                           Kajo schloss sich dem an. Er hatte in seinem beruflichen Leben in ausreichendem Maße insbesondere mit Männern jenes Schlages zu tun gehabt. Häufig hatten sich ihr Gehabe und die Dekoration als reich verzierte Fassade entpuppt, hinter der sich emotionale Friedhöfe und moralische Armseligkeit verbargen. Nichts, was ihr jeweiliges Verhalten in seinen Augen rechtfertigen konnte. Deshalb hatte er auch nur in den seltensten Fällen so etwas wie Mitleid aufbringen können. Diese Art von Mensch war ihm zuwider, insofern begrüßte er es, keinen Kontakt zum Hamburger bekommen zu haben.                        Adelina, das wusste er, vertrat eine andere Ansicht. Ihr Verständnis für andere, auch für diejenigen, die ihr unsympathisch waren, schien ihm manchmal grenzenlos und damit in eine Form der Toleranz zu münden, die die Unterschiede zwischen hell und dunkel, gut und böse aufweichte. Dort aber, davon war er überzeugt, wo klar definierte Abgrenzungen fehlten, herrschte das Chaos. Und danach das Nichts. Für Adelina dagegen das Paradies geretteter Seelen. Darüber würden sie sich nie einig werden.                                                  Kajos tiefe Abneigung gegen den Mann ging jedoch keinesfalls so weit, untätig zu bleiben, wenn ihm möglicherweise eine tödliche Gefahr drohte.                                                          „Ruf doch mal bei Zé an, Adelina, ob schon jemand die Feuerwehr alarmiert hat. Oder ob er sonst etwas gehört hat. Wenn einer Bescheid weiß, dann er. Und wir sollten uns auch langsam auf den Notfall vorbereiten.“                                                                                       „Die wichtigsten Unterlagen habe ich bereits in eine Tasche gepackt. Du könntest den Schlauch von der Dusche abbauen und den anderen aus dem Schuppen holen. Damit spritzen wir alles nass. Wenn der Wind auffrischt, müssen wir mit Funkenflug rechnen.“                                                                                                                                       „Wie sieht es mit dem Wasser im Brunnen aus?“, fragte Kajo.                                          „Habe ich auch schon kontrolliert. Fast dreiviertel voll. Ich denke, wir sollten auf der Hut sein, aber nicht in Panik verfallen.“                                                                                       „Wenn du es sagst. Ich bin auf jeden Fall froh, im Frühjahr das ganze Gestrüpp und Unterholz um das Haus herum beseitigt zu haben.“                                                                Stolz klang in Kajos Stimme mit und eine Spur Sarkasmus, da seine Aufräumaktion einen heftigen Streit zwischen ihnen ausgelöst hatte. Immer wieder war Adelina bemüht gewesen, seinen Tatendrang zu bremsen, hatte ihn an seinen Herzinfarkt erinnert und an den ärztlichen Rat, sich körperliche Anstrengung nur maßvoll zuzumuten, und schließlich vehement gefordert, die Arbeit in Raten über das Jahr verteilt zu erledigen.                Genauso hatte sie ihn gebremst, wenn er mal wieder aus Ärger über unzuverlässige und häufig inkompetente Handwerker versuchte, in Eigenleistung das augenblickliche Wohnprovisorium in einen tragbaren und zukunftssicheren Zustand zu versetzen.                                                                                                                               Irgendwann war ihm der Kragen geplatzt und er hatte ihr wutentbrannt vorgeworfen, ihn zu einem nutzlosen, schwer behinderten Alten abstempeln zu wollen, der dankbar sein Gnadenbrot auf ihrem Hof entgegennahm. Daraufhin war Adelina wortlos und kopfschüttelnd ins Haus gegangen, was ihn wiederum veranlasst hatte, sich mit einer wohl gehüteten Notpackung Zigaretten und einer Flasche Wein demonstrativ auf die Terrasse zu setzen. Vor ihren Augen. Bis er einsah, dass er sich selbst bestrafte … und eigentlich doch sehr am Leben hing. Nach wie vor aber fiel es ihm schwer, die einschränkenden Konsequenzen seiner Krankheit zu akzeptieren.                                                                  Während Adelina zum Telefon ging, machte sich Kajo zum Schuppen auf, der etwa zwanzig Meter hinter dem Haupthaus lag. Es war ein Bau aus roten, unverputzten Hohlziegeln mit einem schiefen Dach aus Wellblech. Die Maurer hatten im oberen Bereich der Wände einzelne Steine weggelassen um so eine ständige Durchlüftung zu ermöglichen. Das zweiflügelige Holztor war breit genug, um den Maultierkarren der Großeltern hindurch fahren zu können. Irgendwann sollte dort einmal ein Gästeapartment entstehen. Schon jetzt hatten zahlreiche Bekannte aus Köln ihren Besuch angekündigt und waren auf später vertröstet worden. Ein Haus im Süden sorgte für viele neue Freunde! Aber noch lagerten im Schuppen landwirtschaftliche Geräte und aller mögliche Schrott, den sie auf dem Grundstück gefunden und für noch verwendbar hielten sowie Teile des alten Mobiliars aus dem Kinderzimmer. Eine Ecke hatte Kajo freigehalten und sich eine kleine Werkstatt eingerichtet.

Er stutzte, als er sah, dass das Tor einen Spalt offen stand. Aus seiner Zeit bei der Kripo in Köln hatte er die Angewohnheit mitgebracht, immer alle Türen sorgfältig zu verschließen. Adelina trieb diese Macke – wie sie es nannte – regelmäßig zur Weißglut, da sie ständig vergaß, ihre Schlüssel mitzunehmen und daher viele Wege doppelt zurücklegen musste. Sie hielt es schlicht für idiotisch, bei ihrer abgelegenen, bescheidenen Behausung auf Diebstahlsicherung zu pochen.                                                                                                     Kajo drückte sich vorsichtig an der Schuppenwand entlang. Sein Schatten in der tief stehenden Sonne konnte ihn verraten. Neben dem Tor hielt er an und lauschte. Ein metallisches Schaben und geflüsterte Worte ließen ihn kurz zusammenzucken. Reflexmäßig griff er sich unter die linke Achsel, wo sich in seiner aktiven Zeit die Dienstpistole im Schulterhalfter befand. Eine der automatisierten Bewegungen, die ihn verfolgten wie manche verstörende Bilder in seinen Träumen.                                             Vor seinem inneren Auge zog die Einrichtung des Schuppens vorbei. Die Geräusche schienen ihm aus der Werkecke im linken hinteren Teil zu kommen. Den vorderen Bereich bis zum Tor hatte er erst vor kurzem frei geräumt. Der zweirädrige Karren der Großeltern stand, noch mit diversem Umzugsgut beladen, neben dem rechten geschlossenen Türflügel.                                                                                                                                           Mit einem beherzten Tritt öffnete er die linke Torhälfte und verschwand in der Deckung des Karrens.                                                                                                                                 „Who is there?“, rief er in das Halbdunkel.                                                                                Das Geflüster verstummte abrupt. Etwas bewegte sich im Dämmerlicht, flog auf Kajo zu. Mit einem über Jahre antrainierten Griff brachte er den Schatten zu Fall und nur Sekundenbruchteile später stand er über ihm, seinen Fuß auf dessen Kreuz gestellt und den rechten Arm auf den Rücken gedreht.                                                                            „Scheiße, das tut doch weh!“.                                                                                                         Kajo schnaufte, er war offensichtlich aus der Übung. Dann besah er sich seinen Fang.                                                                                                                                                     „Ach nee, der Tobias! Das ist aber nicht der Weg nach Portimão!“                                              Der Junge antwortete mit einem kläglichen Winseln. Kajo lockerte den Polizeigriff, sodass Tobias sich aufrichten konnte. Ein Häufchen Elend, das vor sich hinschniefte.                          „Wo ist Ivan?“, fragte Kajo.                                                                                                     Tobias zeigte wortlos nach hinten, während er versuchte eine feuchte Spur unter seiner Nase abzuwischen. Mit gesenktem Kopf schlurfte das Mädchen heran. Kajo zog drei Umzugskisten ins Licht des halb offenen Tors und bedeutete den beiden, sich zu setzen. Mit dem Rücken nach draußen sicherte er den Ausgang.                                                          „Nun wollen wir mal Klartext reden. Was habt ihr hier zu suchen?“                                     Wie zuvor schon im Café schwieg Ivan, besah sich ihre Schuhspitzen. Der Junge erholte sich schneller.                                                                                                                                  „Mann det war ja ´n Griff. Wo ham se den denn ausjejraben?“                                           „Alte Schule“, entgegnete Kajo kühl. „Polizeischule, genauer gesagt. Und ich habe noch ganz andere Sachen drauf, die du kennen lernen wirst, wenn ich nicht bald eine vernünftige Antwort bekomme!“                                                                                                                          „Is ja jut. Kein Grund, gleich auszuflippen! Also, wir haben uns verlaufen und wollten hier im Schuppen eine Pause machen. Ist doch kein Verbrechen, Herr Kriminaler, oder?“            Kajo wurde ärgerlich.                                                                                                                  „Pass auf, mein Freund, ich habe keine Zeit für solche Spielchen! Entweder du sagst jetzt die Wahrheit oder …“                                                                                                                    Der Junge sah ihn forschend an, schien zu begreifen, dass eine Grenze erreicht war.             „Wir waren auf dem Weg zur Bushaltestelle. Da kamen uns zwei Autos entgegen, mit so komischen Typen drin. Als sie uns gesehen haben, fuhren sie plötzlich ganz langsam und starrten uns richtig giftig an. Kurz danach hörten wir die Wagen zurückkommen, als ob sie nach uns suchen würden. Da sind wir von der Straße runter, haben uns in die Büsche geschlagen und sind irgendwie hier gelandet. Wir dachten, wir könnten im Schuppen pennen.“                                                                                                                                         Kajo runzelte die Stirn. Was war das jetzt wieder für eine Geschichte? Dubiose Gestalten, die hinter den Jugendlichen her waren? Was hatten sie angestellt? Irgendeine Verbindung musste es zwischen ihnen und den Männern in den Autos geben. Vorausgesetzt, der Junge sagte die Wahrheit. Das in Gänze aufzuklären, würde eine Weile dauern. Im Moment drängte eine andere Sorge: das Feuer.                                                                                     „Wir holen jetzt eure Sachen und gehen erst mal ins Haus.“ Sein Tonfall ließ keine Widerrede zu.                                                                                                                              Tobias` offene Tasche stand auf der Werkbank. Daneben lagen eine zerkratzte und verbeulte Stahlkassette, einige Werkzeuge und eine CD ohne Aufschrift.                          „Nicht, was Sie denken“, beeilte sich der Junge, einer Nachfrage zuvorzukommen. „Die haben wir irgendwo am Straßenrand gefunden. Wollte mal sehen, was drin ist.“                                                                                                                                                  Kajo nickte und nahm die Sachen an sich. „Darüber reden wir noch. Jetzt könnt ihr euch mal nützlich machen und den Schlauch mitnehmen!“                                                                 Die Dämmerung schien viel früher als üblich eingesetzt zu haben. Der Rauch über der Brandstelle westlich von ihnen war inzwischen so stark, dass er die tief stehende Sonne zu einer kleinen, fahlgelben Kugel schrumpfen ließ. Die ganze Gegend lag in einem kranken, bedrohlichen Licht.                                                                                                                        Adelina, die inzwischen in ihre bevorzugte Arbeits- und Freizeitkleidung aus lockerer Bluse, Turnschuhen und einer grau-blauen Jogginghose geschlüpft war, blickte ihnen fragend entgegen. „Tobias und Ivan“, stellte Kajo seine Begleitung vor. „Die beiden, die ich bei Zé getroffen habe.“ Und an das Mädchen gewandt: „Wie heißt du eigentlich wirklich?“                                                                                                                                         „Silvia, Silvia Novak.“ Der fast geflüsterte Satz war das Erste, was er seit der Begegnung im Schuppen von ihr hörte.                                                                                                    Adelina drängte. „Wir können uns später unterhalten. Beim Essen. Jetzt müssen wir uns auf das Feuer vorbereiten.“ Sie übernahm die Regie. „Tobias, du bist der Längste von uns. Mach doch mal drüben an der Kiefer den Schlauch von der Dusche los und bring ihn her. Silvia, du hilfst mir, alle brennbaren Teile, Liegestühle, Plastiktische, Kissen und was noch so um das Haus herumliegt, nach drinnen zu schaffen. Kajo, schließt du den zweiten Schlauch an?“                                                                                                                                     Er nickte und bedeutete ihr mit den Augen, ihm zu folgen.                                                       „Hast du mit Zé gesprochen?“, fragte er.                                                                                    „Ja. Es brennt wirklich drüben bei dem Hamburger. Die Feuerwehr ist alarmiert und müsste jeden Moment eintreffen. Es heißt auch, ein oder zwei Hubschrauber würden aus den Bergen hierher abgezogen. Es scheint ziemlich heftig zu sein.“                                   „Vielleicht haben wir ja Glück mit dem Wind. Wenn er nicht auffrischt und dreht, sind wir einigermaßen sicher – außer es fängt noch an einer anderen Stelle an.“                                „Zé wusste nur von dem einen Feuer. Er hat aber noch etwas erzählt.“ Adelina machte eine bedeutungsvolle Pause. „Jemand war bei ihm und hat sich nach unseren beiden Besuchern erkundigt.“                                                                                                                                     Kajo warf ihr einen überraschten Blick zu.                                                                                 „Ein Ausländer, der Englisch gesprochen hat“, fuhr Adelina fort. „Aber keiner von den Camones*. Zé meint, ein Mann Anfang vierzig, gut gekleidet. Er kannte keine Namen. Aber der Beschreibung nach müssen es unsere beiden gewesen sein. Machte auf wichtig. Er hat Zé zehn Euro gegeben, nachdem er ihm bestätigt hatte, dass die beiden heute Nachmittag im Café waren und mit dir gesprochen haben. Inzwischen sind ihm aber Bedenken gekommen, einem Fremden gegenüber zu leutselig gewesen zu sein. Auf jeden Fall sollte ich dir unbedingt davon berichten.“                                                                                              „Sonst kriegt unser Gemischtwarenhändler den Mund nicht auf“, erwiderte Kajo kopfschüttelnd. „Aber was soll`s, ich habe auch den Eindruck, die zwei sind nicht koscher. Wir werden uns nachher noch einmal in Ruhe mit ihnen unterhalten. Wenn das nicht zufrieden stellend verläuft, kannst du immer noch deinen Freund Toi fragen, ob etwas gegen sie vorliegt. Bei der GNR müssten sie das doch wissen.“                                        Adelina verdrehte die Augen. Toi war ein entfernter Verwandter von Adelina, den sie als Sechzehnjährige bei einem ihrer Ferienaufenthalte kennen gelernt hatte. Damals verband sie für kurze Zeit eine Teenagerschwärmerei, von der sie Kajo erzählt hatte. Inzwischen war Toi stolzer Familienvater und bei der Polizei in Portimão tätig. Dem zum Trotz zeigte Kajo immer noch Anflüge von Eifersucht, wenn das Gespräch auf ihn kam.                          Adelina verschluckte ihre ironische Bemerkung, als hinter der anderen Talseite das schnell näher kommende Geräusch von Feuerwehrsirenen zu hören war.                                      „Das wird auch Zeit“, stellte Kajo mit sorgenvoller Miene fest.                                          Zusammen mit den Jugendlichen, die ihre Arbeiten erledigt zu haben schienen, beobachteten sie den nur einen Kilometer entfernten Brand und das Eintreffen eines Löschhubschraubers, der seine Wasserlast wie eine Decke über den schmutzig-grauen Qualm warf. Sofort zeigte sich eine Wirkung, der Rauch stieg nicht mehr so hoch auf. Adelina und Kajo atmeten tief durch.

Copyright Christoph Höver & Franz Bludau

Kapitel 5 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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Eine Antwort zu Kapitel 5

  1. Rich Schwab schreibt:

    Es bleibt spannend … – sehr schön.

    ’ne schöne Jrooß – Rich

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