Kapitel 7 – (in dem die Jugendlichen ihre Geschichte erzählen)

7

Mosqueiro am selben Abend

 Die Jugendlichen hatten schweigend neben ihnen gestanden, seltsam angespannt.
„Wo brennt es denn genau?“, wandte sich Silvia schließlich an Adelina, die aufhorchte, als sie den bedrückten Unterton wahrnahm.
„Offenbar beim Ferienhaus eines Deutschen. Aber es sieht so aus, als bekämen die
Bombeiros* alles in den Griff“, antwortete sie und warf Kajo einen warnenden Blick zu.
Auch ihm konnte die plötzliche Nervosität der Jugendlichen nicht entgangen sein, und sie wusste, wie er auf undurchsichtige, ungeklärte Situationen reagierte: kühl, sachlich, direkt. Wo doch manchmal ein Umweg schneller zum Ziel führte.
„Lasst uns erst mal etwas essen und trinken“, kam sie ihm zuvor. „Im Moment können wir nicht mehr tun.“

Ohne eine Antwort abzuwarten ging sie voran ins Haus und stellte Eistee, Wasser, Landbrot, Butter, Käse, Chouriço*, Paio* und eine Dose Thunfisch auf den Tisch.
Obwohl sie recht ausgehungert sein mussten, langte nur der Junge kräftig zu, das Mädchen schien Mühe zu haben, überhaupt etwas hinunterzuschlucken. Sie war nicht anwesend.
Unterdessen hatten Kajo und Adelina abwechselnd die Brandentwicklung durch das Fernglas beobachtet.
„Ich glaube, das Feuer ist unter Kontrolle.“ Adelina kam an den Tisch zurück. „Ich kann jedenfalls keine Flammen und keinen Rauch mehr sehen.“
Nachdenklich sah sie das Mädchen an. „Na, keinen Appetit?“
Silvia schüttelte den Kopf. „Ich dreh mir lieber `ne Zigarette.“
„Dann aber draußen auf der Terrasse, wenn es unbedingt sein muss“, entgegnete Adelina. „Das ist Regel Nummer eins: Wir sind Nichtraucher, und hier herrscht auch für Gäste absolutes Rauchverbot. Und wo wir schon dabei sind, Regel Nummer zwei lautet: Kein Alkohol für Minderjährige. Ist das angekommen?“
Bei ihrer Ansprache hatte Tobias aufgehört zu kauen und den Blick fest auf Kajo gerichtet. Auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Es hatte etwas Gemeines. Kajo schaute mit hoch gezogenen Augenbrauen zurück, für einige Zeit maßen sie sich, bis der Junge nachgab und sich wieder seinem Brot zuwandte.
Bilde dir nicht ein, du hättest etwas gut bei mir, dachte Kajo.
Adelina übersah das kurze Kräftemessen. Sie war mit praktischen Überlegungen beschäftigt und wartete darauf, dass Silvia von der Terrasse wieder hereinkam.
„Ihr bleibt heute Nacht hier“, sagte sie dann. „Wir haben noch zwei Liegen, die stellen wir in den Schuppen. Und morgen fährt euch einer von uns nach Aljezur … unter der Voraussetzung, ihr nennt uns eine Adresse, zu der ihr hin wollt.“
„Soweit sind wir aber noch nicht“, schaltete sich Kajo ein. Die Situation geriet ihm zu schnell zu verbindlich. „Bevor wir hier das Abenteuer-Feriencamp eröffnen, will ich ein paar Antworten haben. Denn ihr wollt uns doch wohl nicht ernsthaft weismachen, ihr seid als Urlauber unterwegs. Ohne Geld und richtiges Gepäck. Und erzählt mir nicht, eure Eltern würden in einem Hotel in Portimão oder sonst wo auf euch warten. Ihr lauft doch vor irgendetwas davon, oder?“
Die Jugendlichen schwiegen. Kajo schaute von einem zum anderen. Der Junge fläzte sich auf seinem Stuhl, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und versuchte sich an einem verächtlichen Lächeln, während das Mädchen aufgeregt an den Fingernägeln kaute.
„Ich werde euch mal sagen, was ich vermute: Ihr habt Mist gebaut und werdet gesucht. Vielleicht in Deutschland, vielleicht hier in Portugal oder in beiden Ländern. Wahrscheinlich wegen Einbruchdiebstahls. Das Tor des Schuppens und die Kassette hast du ja recht professionell geknackt, nicht wahr, Tobias? Und dass ihr sie
gefunden habt, hieß schon immer nichts anderes als mitgehen lassen.“
Kajo wartete einen Moment vergeblich auf eine Reaktion. Er versuchte zu bluffen.
„Also, meine Herrschaften, was ist Sache? Wenn ihr jetzt nicht redet, gehe ich zum Telefon und rufe die Polizei. Dann könnt ihr heute in einer gemütlichen Zelle schlafen und morgen den ganzen Tag sehr viel unangenehmere Fragen über euch ergehen lassen. Und soweit ich weiß, behandeln die hiesigen Polizisten auch jugendliche Straftäter nicht gerade zimperlich. Überlegt euch, was ihr wollt, mir ist das egal.“
Tobias sprang von seinem Stuhl auf. „Komm, Ivan, wir verschwinden hier. Der hat doch ein Rad ab. Die können uns nicht festhalten, das ist Freiheitsberaubung.“
„Oh Scheiße, Mann.“ Silvia war den Tränen nahe. „Wo willste denn hin jetzt? Guck doch mal raus, das ist dunkel wie `n Bärenarsch. Da verlaufen wir uns ja bis Grönland.“ Hilfe suchend sah sie sich nach Adelina um, die bereits auf den Jungen zugegangen war und ihm den Weg zur Tür verstellte.
„Tobias“, sagte sie sanft und streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus. Er roch nach Angst und Wut.
Abwehrend hob er die Arme. „Fass mich nicht an“, presste er heraus, „ich will keine Frau schlagen.“ Im selben Moment sackten seine Schultern herab, und er fügte ein leises „Bitte“ hinzu.
„Setz dich doch wieder hin“, sagte Adelina.
Für eine Weile herrschte betretenes Schweigen am Tisch.
„Er wollte uns nicht gehen lassen.“ Es war das Mädchen, das zu reden begann.
„Wer? Etwa der Deutsche, bei dem es gebrannt hat?“, fragte Adelina bestürzt nach.
Silvia nickte, wischte sich über die Augen. „Erst tut er scheißfreundlich und dann … “
„Genau. Ein Wichser ist das“ Tobias hatte sich wieder gefangen. „Hab ich ziemlich schnell geschnallt. Aber unsere Kleine hier ist ein bisschen naiv. Sie hat tatsächlich geglaubt, der schenkt ihr so ohne weiteres ein handsigniertes Poster von ihrem Liebling Lukas Podolski.“
„Halt die Fresse, du Arsch“, spulte sich Silvia auf. „Du wolltest doch auch dahin. Für nothing saufen und sich die Wampe vollhauen und rumschleimen, um dem Typen noch ein paar Scheine aus dem Kreuz zu leiern, das war dein toller Plan.“
„Leute“, unterbrach Adelina den Streit, „Regel Nummer drei in diesem Haus: Mäßigt euch in eurer Ausdrucksweise. Ich bin zwar nicht weltfremd, aber ich habe keinen Bock, mir ständig eure Lottersprache anzuhören. Okay?“

„Wenn der mich anmacht“, maulte Silvia kleinlaut.
Adelina fuhr ihr über den Haarschopf. „Was hältst du davon, wenn wir beide uns allein auf der Terrasse weiter unterhalten? Es ist noch schön warm draußen. Die Männer kommen auch ohne uns klar.“
Sie drückte Kajo einen Kuss auf die Wange und ging mit dem Mädchen hinaus.

„Frieden? Wenigstens für heute?“, schlug Kajo vor, nachdem er Tobias eine Zeit lang dabei zugeschaut hatte, wie er, mit verkniffenem Gesicht und in sich versunken, Brotreste auf seinem Teller sortierte.
Der Junge schien erleichtert, lächelte zaghaft. „Wie wär`s dann mit einem Versöhnungsbier“, sagte er schon forscher.
Kajo seufzte. „Darf ich dich an Regel Nummer zwei erinnern? Ich seh das zwar nicht ganz so streng wie meine Frau, aber du hast sie noch nicht wütend erlebt. Danach können wir beide unsere Sachen packen! Doch Spaß beiseite, gib dir einfach mal einen Ruck und erzähl mir eure Geschichte.“
Der Junge vermied es, Kajo anzusehen. Er sprach halblaut in den Raum hinein, zum Fenster hinaus, zu sich selbst.
„Der Typ saß am Nebentisch im Café in Aljezur. Tat erst so, als würde er die Zeitung studieren. Guckte dabei aber immer wieder rüber zu uns und grinste feist. Dann quatschte er uns an und setzte sich zu uns. Bestellte Getränke. Was wir wollten. Alles auf seine Rechnung. Machte den Oberproll, erzählte, er habe genug verdient in seinem Leben, er müsse nicht mehr arbeiten. Jetzt suche er eine
sinnvolle Aufgabe, nur so aus Idolismus.“
„Idealismus meinst du“, unterbrach ihn Kajo.
„Hä? Ja, sag ich doch. Jugendliche betreuen, das könne er sich vorstellen, meinte er. In der ESA, dieser Zeitschrift für die Deutschen hier, stehe immer wieder eine Annonce eines Jugendhilfevereins, der solche Leute sucht. Er habe schon überlegt, sich da mal zu melden. Was denn mit uns sei, wollte er dann wissen. Wo wir herkämen, was wir machten und so weiter. War ein richtiges Verhör, wie bei den Bullen … äh, bei der Polizei, meine ich. Kannste haben, hab ich gedacht und so richtig vom Leder gezogen. Miese Kindheit, Eltern früh gestorben, Heim und all das Zeug, worauf solche Spinner abfahren. Hat er auch geschluckt und ist vor Mitgefühl fast vom Hocker gefallen.
Dann hat er mitbekommen, dass Ivan dauernd den Fan-Schal vom 1.FC Köln anstarrte, der da an der Wand hing. Ist ihr Lieblingsklub, seit Lukas Podolski bei denen gespielt hat. Und schon gab der Typ den Fußballexperten. Meinte, er habe ein handsigniertes Poster vom Poldi in seinem Ferienhaus. Würde er ihr schenken, wenn wir mitkämen.“
Kajo sog hörbar die Luft ein, strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Oberlippe. „Fandet ihr das Angebot nicht ein bisschen merkwürdig?“, sagte er.
Tobias überlegte kurz, grinste dann. „Na ja, so ganz astrein schien mir die Sache nicht. Aber Ivan war sofort Feuer und Flamme, und ich dachte mir, was soll schon passieren? Wir machen uns einen netten Tag auf dessen Kosten und werden auch noch bequem nach Portimao kutschiert.“
„Ihr seid also mit dem
Hamburger mitgefahren?“, konstatierte Kajo. „Und was geschah dann?“

„Zu Anfang war der Typ richtig gut drauf. Machte auf Kumpel und so. Und die Hütte von dem war auch nicht schlecht. Alles drin. Flachbildschirm, DVD-Player, Kühlschrank voll mit Wein und Schampus. Leider kaum was zu essen, nur so Dosenzeug. Aber ein richtiges Badezimmer mit warmem Wasser. Und ein Riesenbett. Da konnte man es eine Weile aushalten.“
Das Mädchen hielt inne, feuchtete mit der Zungenspitze die Gummierung des hauchdünnen Papiers an, rollte die Zigarette zwischen den Fingern, zündete sie an und sog genüsslich den Rauch des ersten Zuges ein. Demonstrativ rückte Adelina ein Stück von ihr ab.
„Und dann hat er aufgefahren“, fuhr Silvia fort. „Alles, was der Kühlschrank an Getränken hergab. Wollte uns später was zu essen machen. Mehrere Gänge zaubern, wie ein Superkoch. Nach einer Weile ging uns sein Gelaber auf die Nerven. Er hat alles, kann alles, weiß alles. Mister Superman persönlich. Wollte uns zeigen, wie man guten Wein richtig genießt, so mit Korken schnüffeln und gurgeln. Darauf hab ich ihm gesagt, dass mir Bier direkt aus der Flasche am besten schmeckt, und ob er nicht mal `ne vernünftige Mische machen könne, Cola mit Rum oder so. Hat der mich dämlich angeglotzt.“
Silvia lachte auf, verstummte jedoch sofort, als sie in Adelinas ernstes Gesicht blickte.
„Das Poster von Lukas hatte er auch nicht.
Muss wohl doch in meiner Villa sein, meinte er. Wir könnten am nächsten Tag hinfahren und es holen. Bis dahin sollten wir es uns gemütlich machen. Aber da hatte ich die Faxen schon dicke. Ich guck Tobi an, er guckt mich an, und es war klar, dass wir nicht bleiben würden.“
Adelina knetete ihre Hände, ein Frösteln überzog ihren Rücken. „Was glaubst du, hatte der Mann vor?“, fragte sie vorsichtig.
Das Mädchen sah sie durchdringend an, antwortete nicht.

„Was der vorhatte?“ Tobias schnaubte verächtlich. „Zuerst hab ich geglaubt, der Typ ist so ein Sozialheini. Einer, der die Welt retten will und mit uns den Anfang macht. Bis ich geschnallt habe, dass der voll der Psycho ist. Wie der seine Datsche vorgeführt hat. Schaut mal hier, schaut mal da. Und die Klimaanlage … und der Tresor. Dabei war das nur so ein Billigteil aus dem Supermarkt. Ich kenn mich da aus. Und dann ist er auch noch so blöde und lässt uns zugucken, welche Geheimzahlen er zum Öffnen des Kastens eintippt. Da wollte er eine DVD rausholen. Extra für Ivan. Irgendeine Pferdeoper, sagt er. Da steht sie drauf. Normalerweise. Aber wir wollten ja los.
Hast du nicht vielleicht doch … ein kleines Bier … oder so?“
Kajo schüttelte energisch den Kopf. „Nimm dir eine Cola und erzähl weiter“, meinte er stattdessen.
Tobias verschränkte die Arme vor der Brust und setzte ein trotziges Gesicht auf. Auch Kajo schwieg, er überließ der Zeit die Regie. Nach einer Weile entspannte sich die Haltung des Jungen. Er beugte sich zum Tisch vor, nickte kurz und nahm mit leiser, spröder Stimme den Faden seiner Erzählung wieder auf.
„Als wir dem Typen sagten, wir hätten es uns anders überlegt, er solle uns noch am selben Tag nach Portimao fahren, war Schluss mit lustig. Da wurde er pissig, schnauzte rum, er wäre doch nicht unser Chauffeur, was wir uns einbilden würden, er allein entscheide, wann die Party zu Ende sei. Außerdem habe er schon einiges getrunken und sei überhaupt nicht mehr in der Lage, sich hinters Steuer zu setzen. Wir hielten dagegen, und dann wurde es heavy. Er spulte sich immer mehr auf, beschimpfte uns als undankbare Miststücke, lief durchs Haus und schloss sämtliche Außentüren ab. Scheiße, hab ich gedacht, jetzt wird`s ernst. Irgendwie mussten wir ja da rauskommen. Erst hab ich es noch mal auf die freundliche Tour versucht, aber darauf hat er gar nicht reagiert. Als Ivan dann anfing zu heulen, bin ich direkt auf ihn los, hab ihn angeschrieen und vor die Brust gestoßen. Da ist er völlig ausgeflippt, hat mir eine geschossen, dass ich zu Boden ging. Und dann sehe ich, wie Ivan mit einer Flasche in der Hand hinterrücks auf ihn zukommt und voll ausholt. Sie zielt aber nicht genau – Mädchen ebend – und trifft ihn an der rechten Schulter. Reichte aber trotzdem.“

Silvias Hände zitterten, als sie sich eine neue Zigarette drehte. „Der ist eingeknickt wie ein Streichholz. Im ersten Moment dachte ich, ich hab ihn alle gemacht. Aber er stöhnte und jammerte noch. Dann hat Tobi ihm noch einen mitgegeben, und wir haben ihn gepackt, ins Bad geschleift und mit seinen Luxushandtüchern ordentlich verschnürt. Fast hätten wir vergessen, ihm die Haustürschlüssel abzunehmen.“
Adelina spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zur anderen Talseite, die sie in der Dunkelheit mehr erahnte als wahrnahm. Allein über der Brandstelle schimmerte es heller. Hatten die Jugendlichen mit dem Feuer zu tun? Sie mochte es sich nicht vorstellen und fürchtete sich fast, das Gespräch fortzusetzen. Sie sehnte sich nach Kajos Nähe.
„Erzähl weiter“, forderte sie das Mädchen mit brüchiger Stimme auf.
„Wir haben die Badezimmertür zu gemacht und eine Kommode davor geschoben. Falls er sich befreit. Wir waren ja auch ziemlich durch den Wind. Dann haben wir in der Hütte rumgesucht, ob wir was brauchen können.“

„Und die Kassette gefunden“, sagte Kajo mit sarkastischem Unterton.
Tobias nickte. „Na ja, ich hab nach Kohle gesucht. Der Typ stank doch nach Geld. Und dem was abzunehmen, wär irgendwie gerecht gewesen, oder? Ich dachte, am ehesten finde ich Bares im Tresor. Den aufzumachen war ein Kinderspiel. Ich hatte mir ja die Zahlen gemerkt: 6-5-4-3. Nicht mal Fantasie hat der Knabe. Aber in dem Teil lagen nur Papiere, ein paar DVDs, ein kleiner Beutel Koks und die Kassette ebend. Wenn, dann war die Kohle da drin. Also hab ich sie eingepackt und den Tresor wieder zugemacht, damit er nicht gleich merkt, dass wir was haben mitgehen lassen.“
„Habt ihr sonst noch was mitgenommen? Den Beutel Koks zum Beispiel?“, fragte Kajo.
Der Junge blickte an ihm vorbei. „Hab ich dran gedacht. Kann man gut vertickern. Aber Ivan wollte nicht, hatte Schiss.“
Kajo sah ihm an, dass er log, sagte aber nichts. Er würde später darauf zurückkommen.
„Ganz schön wagemutig, sich mit einem erwachsenen Mann anzulegen“, meinte er stattdessen. „Das hätte auch Böse ausgehen können.“
„Ja, dazu braucht man Eier, wa?“, strahlte ihn Tobias an.
„Besser wäre noch, so klug zu sein, sich gar nicht erst in eine solche Situation hineinzumanövrieren“, entgegnete Kajo. „Aber weiter im Text: Was passierte dann?“

„Der Arsch polterte im Bad mächtig rum. Trat gegen die Tür und so. Da haben wir die Beine in die Hand genommen und ab dafür. Wie wir in dem Laden gelandet sind, wo dein Mann uns getroffen hat, weiß ich schon gar nicht mehr.“
Adelina beugte sich halb über den Terrassentisch. „Silvia, sieh mich an! Und ich will eine ehrliche Antwort: Ihr habt in dem Haus nichts angezündet und auch keine brennende Zigarette vergessen oder sonst irgendetwas veranstaltet, richtig?“
Das Mädchen zog geräuschvoll die Nase hoch, flüsterte beinahe: „Auf die Idee bin ich nicht gekommen.“
„Habt ihr das schon mal gemacht, in das Haus eines Wildfremden mitgehen? Ziemlich blauäugig, oder?“
Silvia senkte den Blick, schwieg.
„Sag mal, wie alt seid ihr eigentlich?“
„Tobi ist fast siebzehn und ich bin beinah fünfzehn.“
„Lass mich das mal übersetzen: Tobi ist sechzehn und du bist vierzehn.“
„Ich bin aber nicht blöd!“
„Du bist hier nicht mit deinen Eltern in Urlaub, und Tobi auch nicht, stimmt`s?“
„Maßnahme vom Jugendamt“, maulte das Mädchen. „Wir waren zuerst in Deutschland untergebracht. Tobi bei einem Verein in Brandenburg, ich in einer Kölner Einrichtung und dann in Schleswig-Holstein. Dann haben sie gemeint, es wäre besser für uns, wenn wir unsere Freunde ein Jahr lang nicht sehen.“
„Im Klartext: Mit euren Cliquen ist so einiges gelaufen, was besser nicht hätte passieren sollen?“
„Kann man so sehen.“
„Wenn ich das richtig verstehe“, sagte Adelina, „wohnt ihr hier bei einer Familie, die euch betreut, oder? Und von dort seid ihr ausgerissen?“
„Das war mir zu ätzend. Ich hab bei Leuten auf einem Hof an der Küste gelebt. Da durfte ich Hühner füttern und Schafe hüten, Stall sauber machen. Verantwortungsgefühl entwickeln oder so. War aber eigentlich nicht schlecht. Tiere sind okay, vor allem Pferde!. Nur die Schule war heavy. Eine Stunde zu Fuß hin, eine Stunde zurück. Bei der Hitze. Obwohl die Fahrräder auf dem Hof hatten. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, warum der Verein
Die Straße heißt. Und dann der Alte. Wie der mich immer angeglotzt hat. Kam immer ganz zufällig ins Bad, wenn ich mich gewaschen hab. Der Flachwichser!“
„War Tobias auch bei der Familie?“

„Nee, ich war auf einem Hof in Vale da Telha. Ivan hab ich in der Schule kennen gelernt. Na ja, Schule ist leicht übertrieben. Wir saßen mit vier anderen Projektkindern, wie sie uns nennen, in einem Wohnzimmer. Mit uns eine Lehrerin, die so ziemlich alles unterrichtet hat. Außer Physik und Chemie. Dafür war Thomas zuständig. Der hatte zwar manchmal ´ne Bierfahne, war aber sonst ganz witzig.“
„Habt ihr euch nicht beschwert? Adelina hat mir erzählt, bei diesen Projekten gebe es psychologische Betreuer und Angestellte des Trägervereins, die die Familien beraten und darauf achten, dass alles seine Ordnung hat. Oder ihr hättet euch an euer Jugendamt wenden können.“
Tobias prustete los. „Was meinen Sie, wem die geglaubt hätten? Uns verhaltensgestörten Jugendlichen? Im Leben nicht. Und vom Jugendamt waren mal zwei Leute da. Die haben Urlaub gemacht auf Kosten des Jugendhilfevereins, so seh ich das. Vorher mussten wir den Hof auf Hochglanz bringen. Sollten ja einen guten Eindruck machen. Probleme hätten da nur gestört.“

Adelina schaute nachdenklich in den Kerzenschein vor ihr. Sie hatte sich in der Vergangenheit oft genug Beschwerden Jugendlicher angehört, bei genauerer Betrachtung jedoch feststellen müssen, dass sie zumeist übertrieben dargestellt, manchmal erfunden worden waren. Aber sie hatte auch erfahren, dass der eine oder andere Träger die eigenen wirtschaftlichen Interessen über das Wohl der Betreuten stellte. Indem bei der Einstellung qualifizierten Personals gespart und über Fehlverhalten, das daraus erwuchs, der Mantel des Schweigens gedeckt wurde, um den guten Ruf und die Belegzahlen nicht zu gefährden. Einige der Gastfamilien betrieben die Jugendhilfe als Haupterwerb, da sie für die Betreuung, Unterbringung und Verpflegung pro Kopf eines Jugendlichen monatlich zweitausend Euro und mehr erhielten. In einem Land, in dem ein Lehrer am Ende des Monats mit noch nicht einmal achthundert Euro nach Hause geht, ein nahezu fürstliches Einkommen. Dazu waren viele Jugendliche willkommene Helfer beim Ausbau des Hauses oder der Grundstückspflege. Das schuf ein Abhängigkeitsverhältnis zum Geld, dem oftmals notwendige pädagogische Konsequenzen zum Opfer fielen.
„Tobi hatte eh die Faxen dicke“, erzählte Silvia weiter. „Rundherum tolle Golfplätze, meist Superwetter und geile Surfwellen. Und er versauert beim Dachdecken auf´m Schuppen!“„Wo wolltet ihr denn hin, nachdem ihr abgehauen seid?“, hakte Adelina nach.
„Statt zur Schule sind wir runter nach Aljezur, in das Café von einem Deutschen. Wir dachten, wir kriegen da ´nen Lift nach Portimão. Da ist mehr los. Außerdem hat Tobi da einen Kumpel, den er in Vale da Telha kennen gelernt hat. Dessen Alter ist Golfer mit fett Kohle. Der Freund hat ihn eingeladen und versprochen, ihm `nen Job auf`m Golfplatz zu besorgen. Er will nämlich ein zweiter Tiger Woods werden, der Hirni.“
„Und was hättest du gemacht?“
„Die kennen auch Leute mit `nem Reiterhof. Da hätte ich als Pflegerin oder so angefangen. Der erste Schritt zur Tierärztin.“
„Dafür benötigt man aber einen Schulabschluss, meinst du nicht?“
Das Mädchen stöhnte genervt auf. „Das krieg ich schon hin, keine Angst.“
„Und wie lange soll das gut gehen? Eure Betreuer werden bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben“, wandte Adelina ein.
„Pah, das kannst du knicken. Die suchen höchstens selber. Die gehen erst zu den Bullen, wenn sie nicht weiterkommen. Weil die auch nicht viel von den Projekten halten, seit ein paar Jugendliche in Aljezur das Heim vom Motorradclub abgefackelt haben. Der Verein hat versucht alles zu vertuschen. Und der Club hat bis heute keinen Cent gesehen. Echt krass.“

„Mag sein. Aber früher oder später finden sie euch. Und dann? Vielleicht hat inzwischen ja auch der Hamburger die Polizei verständigt. Und drittens hat sich heute jemand im Café von Zé nach euch erkundigt.“
Tobias sah Kajo ungläubig an. „Also der Wichser wird bestimmt keinen Wind machen. Der muss damit rechnen, dass wir den Bullen stecken, was er so in seiner Freizeit treibt. Der läuft sicher rum und sucht seine Prollkarre. Und weiß noch gar nicht, dass seine Hütte raucht. Außerdem hat der kein Handy!“ Tobi zog ein teures Blackberry aus der Tasche und legte es auf den Tisch.“
Kajo schaute verständnislos.
„Hab ich doch erzählt. Das Auto hatten die miesen Typen, die an uns vorbei gebrettert sind. Wahrscheinlich haben die die Datsche in Brand gesetzt.“ Tobias zögerte einen Moment. „Und wer der Knabe aus dem Café ist … keine Ahnung. Vielleicht einer von der Lotterie, der uns ´nen Gewinn bringen will.“ Sein Lachen klang unecht.
Kajo strich sich mit der Hand über die Stirn. „Mann oh Mann, da habt ihr euch aber in schöne Schwierigkeiten gebracht! Ich hoffe, du hast Recht und der Hamburger hat sich tatsächlich rechtzeitig vor dem Feuer in Sicherheit bringen können. Am besten fahre ich mal rüber und versuche herauszukriegen, was da passiert ist. Wir halten euch erst mal raus, bis ich Genaueres weiß. Auf jeden Fall müsst ihr morgen zu euren Betreuern zurück. Adelina fährt mit. Wenn sie den Eindruck hat, ihr seid dort falsch untergebracht, wird sie Mittel und Wege finden, euch zu helfen.“

Er wandte sich um und suchte bei Adelina, die mit dem Mädchen von der Terrasse zurückgekommen war, nach einer Bestätigung. Sie nickte, während Silvia betreten zu Boden schaute.
„Können wir nicht bei euch bleiben?“
Adelina legte den Arm um das Mädchen. „Ich denke, du weißt, dass das nicht geht. Ihr seid noch minderjährig, und euer Betreuungsverein hat in Absprache mit den Jugendämtern im Moment das Recht zu entscheiden, wo ihr bleiben dürft und wo nicht. Wir machen uns strafbar, wenn wir uns über die Vorschriften hinwegsetzen. Lasst uns erst mal eure Schlafplätze herrichten und morgen sehen wir weiter.“

Das Mädchen schüttelte den Arm ab und stellte sich neben ihren Freund, der mit ausdruckslosem Gesicht auf die Tischplatte starrte. Als habe er eine Entscheidung getroffen, stand er plötzlich auf, blickte von Kajo zu Adelina und nickte.

Copyright by Christoph Höver und Franz Bludau

Kapitel 7 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
Dieser Beitrag wurde unter Romantext veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s