Kapitel 8 – Am Brandhaus

Kapitel 8

 Es war bereits weit nach ein Uhr, als sich Kajo auf den Weg zum Haus des Hamburgers machte. Die schwachen Scheinwerfer des R4 und das blasse Licht, das die beinahe zum Vollmond aufgeblähte gelbe Kugel herab sandte, beleuchteten eine unwirklich erscheinende Szenerie, als er die Grenze der Brandzone an der Abzweigung zum Haus erreichte. Offensichtlich hatte die Straße als Brandschneise fungiert, da die Flammen nur an wenigen Stellen einige gegenüber liegende Stechginsterbüsche erfasst hatten. Eine weitere Ausbreitung schienen die Löschkräfte rechtzeitig verhindert zu haben. Überall glänzte ein glitschiges Gemisch aus Asche und Wasser im Scheinwerferlicht.
Fünfzig Meter hinter der Zufahrt zum Haus war der Weg mit schwarz-gelbem Band abgesperrt. Kajo parkte das Auto an einer kleinen Ausbuchtung und ging, ohne das Sperrband zu beachten, zu Fuß weiter. Nach einer Weile stand er am Rand einer Senke. Unter ihm lag das Grundstück mit der verkohlten Ruine in der Mitte. Von starken Scheinwerfern ausgeleuchtet glich die Ansicht der Kulisse einer absurden Freilichtaufführung. Kajo bedauerte, seine Kamera nicht mitgenommen zu haben. Aufnahmen dieser Szenerie würden ausgezeichnet in seine Sammlung ungewöhnlicher – und oft bedrohlich wirkender – Strukturaufnahmen passen. Irgendwo zwischen die Bilder von ausgewaschenen Felsen und verdorrten, menschenleeren Feldern im Herbst.
Um die blattlosen Baumleichen, die das ehemalige Ferienhaus umstanden, war ein zweites Absperrband gespannt. Davor stand ein Feuerwehrwagen mit laufendem Generator, der die Scheinwerfer mit Strom versorgte, daneben ein Geländefahrzeug der GNR, in dem Kajo zwei Köpfe erkennen konnte. Er verharrte einen Moment, während er unbewusst an seinem nicht mehr vorhandenen Schnauzbart spielte, um die Einzelheiten, die er wahrnahm, zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Obgleich er nie selber an Brandermittlungen beteiligt gewesen war, verriet ihm sein ungeübter Blick die Ruine als Quelle des Feuers. Das Haus war bis auf die Bruchsteinmauern ausgebrannt und die umgebende Bepflanzung vollständig verkohlt. In Windrichtung zeigte sich eine Schneise der Zerstörung, während die Schäden auf der Wind abgewandten Seite, aus der er gerade kam, geringer anmuteten. Dort bestand die Hoffnung, einige der laublosen Stämme könnten im kommenden Frühjahr wieder frisches Grün austreiben. Einen anderen Brandherd hatte es in der Nähe offenbar nicht gegeben, von dem aus Funkenflug das Feuer an dieser Stelle hätte entfachen können. Was war hier geschehen?
Ola! Boa noite
“ Mit dem Gruß machte Kajo die Polizisten in ihrem Jeep auf sich aufmerksam. Das Fenster der Beifahrertür glitt runter, und der starke Strahl eines Handscheinwerfers blendete ihn für einige Sekunden. Dann schien der Polizist genug gesehen zu haben und senkte die Lampe.
Sim
?!“, klang es Kajo herrisch entgegen. Die unfreundliche Ansprache bestätigte seine Erwartung, dass es eine schwierige Erkundigung werden würde. Nicht zuletzt, weil sie sich mit dem portugiesisch-englischen Kauderwelsch verständigen mussten.
„Ich bin ein Nachbar,
Vizinho“, erwiderte er. „Karl-Josef Wieland aus Mosqueiro. Wir haben von dort drüben“ – er zeigte mit ausgestrecktem Arm zur anderen Talseite – „das Feuer beobachtet. Ich wollte wissen, was passiert ist.“
Der GNR-Mann musterte ihn argwöhnisch, stieg dann betont langsam aus, rückte seine dunkelblaue Schirmmütze zurecht, strich sich die Uniform glatt und brachte das Pistolenhalfter in die richtige Position. Die Gestik signalisierte Autorität.
„Haben Sie die Absperrung nicht gesehen? Sie haben hier nichts zu suchen!“, raunzte er.
Damit schien das Gespräch für ihn beendet zu sein. Einen Augenblick später hatte er es sich anders überlegt. Mit einem Fingerschnippen bedeutete er Kajo zu warten und brachte aus dem Wageninneren einen Zettel zum Vorschein, von dem er etwas abzulesen begann.
„Ist Ihnen
Senhor … Senhor Malte … Tostedt … bekannt?“ Offensichtlich bereitete es ihm große Mühe, den ausländischen Namen auszusprechen, es klang wie Mal Toasted, was im portugenglischen Slang durchaus als schlecht geröstet verstanden werden konnte.
„Ja“, antwortete Kajo, „ aber nicht sehr gut.“
„Sie wohnen hier in der Nähe?“
„Ich sagte bereits, ich bin der Nachbar und als Nachbar wohnt man gewöhnlich in der Nähe“, entfuhr es Kajo gereizt.
Der Polizist zog die Augenbrauen hoch und lächelte dünn. „Ihren Ausweis, Senhor“, sagte er betont lässig und fügte ein herablassendes „Bitte“ hinzu.
Kajo seufzte leise und kramte seinen Pass und ein zusammengefaltetes Din-A4-Papier mit zwölf gelben Sternen und einem Prägestempel mit der Unterschrift des Bürgermeisters von Aljezur aus der Tasche, das sein Aufenthaltsrecht in Portugal dokumentierte. Der Polizist nahm beides entgegen, überflog die Unterlagen mit wichtiger Miene und reichte sie an seinen Kollegen im Auto weiter, der begann, die Daten in ein kleines Terminal am Funkgerät einzugeben. Minuten verstrichen, in denen Kajo ungeduldig von einem Bein auf das andere trat, während der GNR-Mann stumm neben ihm stand und ihn fixierte, als müsse er ihn bewachen. Endlich ertönte ein halblauter Ruf aus dem Inneren des Jeeps. Tuschelnd steckten die Polizisten die Köpfe zusammen, berieten sich augenscheinlich, ehe Kajo seine Papiere mit einem verbindlichen „Thank you, Sir“ zurückerhielt. Auch der Gesichtsausdruck des GNR-Mannes hatte sich von unnahbar zu beinahe freundlich gewandelt.
A sua Esposa
… Ihre Frau ist Adelina Costeira?“, überraschte er Kajo. „Ich kannte ihre Großeltern, Senhor Toi und Dona Ana! Gute Leute. Sie leben jetzt in deren Haus? Da haben Sie viel Arbeit!“
Kajo blickte ihn irritiert an. Fehlt nur noch, dass er mich umarmt, dachte er und wich spontan einen Schritt zurück. Aber immerhin schien das Eis zwischen ihnen gebrochen zu sein. Seine Beziehung zu Adelina war wohl der Vertrauensbeweis, der der Aufnahme in die dörfliche Gesellschaft der Serra gleichkam. „Dieser
Alemão, der Deutsche … Senhor Tostedt“, fuhr der Polizist zögernd fort, „ist vermutlich tot. Carbonizado, verbrannt.“
Kajo schluckte, spürte Kälte in sich aufsteigen und zugleich den zynischen Impuls zu lachen, als ihm urplötzlich aufging, welch makabre Bedeutung die Aussprache des Namens
Tostedt als Toasted nun erhalten hatte. Für einen Moment überschlugen sich seine Gedanken. Die Party in diesem Haus, die Männer, die mit Tostedts Auto davongefahren waren … er kannte nur die Erzählung der Jugendlichen. Sollten sie die Geschichte erfunden haben? Hatte er sich derart täuschen lassen? Und der Mann in Zés Café? Davon wussten sie nichts. Ein Widerspruch? Ein Beleg für ihre Glaubwürdigkeit? Fragen, Vermutungen … er benötigte Fakten.
„Ist es sicher der Deutsche?“, warf er vorsichtig ein.
Der Polizist zuckte die Achseln. „Wer sonst? Ein Einbrecher in dieser Gegend, der sich dann auch noch selber verbrennt? Letzte Gewissheit wird die Obduktion bringen. Wir gehen davon aus, es war der Deutsche. Wahrscheinlich betrunken, brennende Zigarette oder Kerze … dann geht es schnell bei der Trockenheit. Gerade die Ausländer unterschätzen das Risiko.“
Kajo rang mit sich, ob er sein Wissen über die Jugendlichen preisgeben sollte, entschied sich jedoch nach kurzem Überlegen, zunächst einmal sich selbst ein Stück mehr Klarheit zu verschaffen, bevor er etwas in Gang setzte, das eine Eigendynamik entfalten würde, die sich seinem Einfluss entzöge. Vertrau deiner Intuition, pflegte Adelina zu sagen. Vielleicht hatte sie Recht. Aber dann stand er am Anfang einer eigenen Ermittlung. Was er hinter sich gelassen hatte. Was
ihr nicht gefallen würde. Sie beide müssten in dem Fall eine Entscheidung treffen.
„Wo hat man die Leiche gefunden?“, fragte er.
Na Sala, im Wohnzimmer, neben dem Bett.“
Beruhigte die Antwort, weil sie die Jugendlichen entlasten konnte? Nicht wirklich. Er musste Tobias und Silvia noch einmal ins Gebet nehmen und den Autopsiebericht abwarten.
Die Polizisten, die des Falles bereits müde zu sein schienen, entließen ihn mit dem Hinweis, sich zu melden, falls ihm noch zweckdienliche Angaben einfielen.

Auf der Rückfahrt versuchte Kajo einen klaren Kopf zu bekommen, seine Gedanken zu ordnen, Argumente für und gegen die Geschichte der Jugendlichen abzuwägen. Er hatte den GNR-Männern ihre Anwesenheit in dem Ferienhaus des Deutschen und den Diebstahl des Handys und der Kassette verschwiegen. Das war ein Schritt, den er nicht mehr rückgängig machen konnte. Er begann, sich über sich selbst zu ärgern. Ein ehemaliger Kripobeamter, der wichtige Informationen zurückhielt, eventuell sogar Beweismaterial unterschlug. War er von allen guten Geistern verlassen?
In der Küche brannte noch Licht, Adelina schien bereits schlafen gegangen zu sein. Die Uhr mit Kochlöffeln als Zeiger und Kochmützen als Stundenzeichen – ein geschmacklich grenzwertiger Gewinn aus einem Preisausschreiben, der trotzdem den Umzug von Deutschland nach Portugal mitgemacht hatte – zeigte nach drei Uhr. In etwas mehr als drei Stunden würde es wieder hell werden. Kajo konnte nicht sofort schlafen gehen und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Erneut verspürte er den Drang, eine Zigarette zu rauchen. Das alte Beruhigungsmittel. Er unterließ es, ging stattdessen zur Schlafzimmertür, die einen Spalt offen stand. Wie am Nachmittag wollte er Adelina im Schlaf sehen, ihren Geruch aufsaugen, im Blick auf ihre regelmäßigen Atemzüge zur Ruhe kommen.
Ihr Bett war leer.
Sekundenlang blieb er erstarrt stehen, verständnislos. Dann suchte er alle Zimmer ab, lief ums Haus, rannte zum Schuppen. Auch dort war niemand, die Liegen für die Jugendlichen machten einen unbenutzten Eindruck. Kajo merkte, wie sich seine Muskeln verspannten, und ballte die Hände zu Fäusten. Als sich eine erste grässliche Vorstellung vor sein inneres Auge schob, hastete er zur Werkbank, griff sich die Stabtaschenlampe und leuchtete den Raum Meter um Meter aus. Er fand nur Staub, Spinnweben, eine Maus, die ihr Heil in der Flucht suchte. Angst trieb ihn voran, nach draußen, zu jedem Gebüsch, jedem Baum, jeder Ecke. Er rief nach ihr, es blieb still. Was sollte er tun? Die Umgebung mit dem Auto abfahren? Ein Zittern durchlief ihn, er spürte einen Stich in der Herzgegend. Oh nein, dachte er, nicht jetzt. Er musste ins Haus zurück, zu seinem Handy. Vielleicht meldete sie sich.

„Kajo?“ Eine weinerliche Stimme aus der Dunkelheit, dann stand sie im Lichtstrahl der Taschenlampe.
Mit drei, vier schnellen Schritten war er bei ihr, riss sie in seine Arme und hielt sie sofort wieder von sich.
„Wo kommst du her? Ist alles in Ordnung mit dir? Bist du verletzt?“
Adelina schüttelte den Kopf, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Kajo legte den Arm um sie und führte sie ins Haus.
„Ich habe mir wahnsinnige Sorgen gemacht“, sagte er, als sie sich am Küchentisch gegenübersaßen. „Ich komme nach Hause, das Licht brennt, du bist verschwunden, hast keine Nachricht hinterlassen, Tobias und Silvia sind weg … was ist los hier?“
Adelina hob in einer hilflosen Geste die Hände. „Ich weiß auch nicht.“ Ihre Stimme klang immer noch brüchig. „Nachdem du weggefahren warst, haben wir uns alle schlafen gelegt. Irgendwann bin ich wach geworden … von einem Geräusch oder so. Auf jeden Fall war ich sofort unruhig und bin aufgestanden. Aber hier war nichts ungewöhnlich. Trotzdem hatte ich ein komisches Gefühl und bin zum Schuppen raus. Wollte noch mal nach den beiden schauen.“ Sie schniefte. „Sie waren nicht mehr da, einfach weg.“
Kajo reichte ihr ein Taschentuch, streichelte ihren Arm. „Und dann hast du dich auf die Suche nach ihnen gemacht, vermute ich“, sagte er sanft.
„Ich dachte, sie sind noch auf dem Grundstück, hab sie aber nicht entdeckt. Daraufhin bin ich noch mal in den Schuppen zurück und habe mich genauer umgesehen. Eine der Decken fehlte, und Tobias gelbes Hemd lag da. Er hatte eins von deinen angezogen, das ich ihm geliehen habe.“
Kajo schnaubte vernehmlich. „Haben sie sonst noch etwas mitgehen lassen?“
„Die Taschenlampe hier aus der Küche und zwanzig Euro für Gas aus der Teedose“, sagte Adelina kleinlaut.
„Na herzlichen Glückwunsch“, brauste Kajo auf. „Wir kümmern uns um die Gören, geben ihnen zu essen, zu trinken, Kleidung, ein Dach über den Kopf, und zum Dank dafür beklauen sie uns und machen `ne Fliege bei Nacht und Nebel. Toll, wirklich toll! Und ich Idiot lass mich von ihnen einwickeln. Ich hätte der GNR alles erzählen sollen, immerhin sind sie Zeugen … wenn nicht mehr.“ Er hielt kurz inne. „Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist.“
„Was sollte mir passiert sein?“
„Bei dem Brand ist ein Mensch umgekommen“, antwortete Kajo zögernd. „Höchstwahrscheinlich der Hamburger.“
Adelinas Augen weiteten sich. „Und jetzt denkst du, die Jugendlichen …?“
Kajo zuckte mit den Achseln. „Können wir es ausschließen? Was wissen wir denn? Die beiden haben uns eine übereinstimmende Geschichte erzählt. Aber sie hatten vorher auch genügend Zeit, sich auf
eine Version zu verständigen. Fantasie haben sie ja. Und dann das Handy und die Kassette. Sie waren in dem Haus, so viel steht fest. Doch was sich dort genau abgespielt hat, lässt sich auf die eine oder die andere Art darstellen.“
„Wo hat man die Leiche gefunden? Hast du sein Auto gesehen?“
„Der Tote lag im Wohnzimmer, und der Wagen schien nicht da zu sein.“
„Siehst du. Das bestätigt doch die Geschichte der beiden. Der Hamburger wird aus dem Bad herausgekommen sein, und erst danach ist das Feuer, aus welchen Gründen auch immer, ausgebrochen. Oder gibt es Anhaltspunkte für eine Brandstiftung?“
„Bisher nicht. Die GNR geht von einem Unglücksfall aus, Zigarette oder Kerze. All das
beweist aber nicht, dass die Jugendlichen nichts mit dem Brand zu tun haben. Du nimmst an, sie haben die Wahrheit gesagt, weil du es glauben willst. Ihre Aussagen könnten aber genauso gut falsch sein.“
„Aussage, Aussage“, fuhr Adelina auf. „Kommt jetzt bei dir der Polizeibeamte durch? Vor drei Stunden fandest auch du sie noch glaubwürdig.“
„Inzwischen haben sich bei mir eben Zweifel eingestellt. Und du wirst zugeben müssen, sie sind nicht so ganz unberechtigt. Immerhin hat Tobias in einem Punkt gelogen, davon bin ich überzeugt. Sie haben das Kokain mitgenommen, er hat es nur nicht zugegeben. Ich hätte eine Taschenkontrolle machen sollen.“
„Das wird ja immer besser“, entgegnete Adelina ärgerlich. „Vielleicht noch eine Leibesvisitation? Aber natürlich, das sind ja Heimkinder, die sind alle kriminell. Ich dachte, solche Ansichten hättest du in Deutschland zurückgelassen.“
„Klar“, erwiderte Kajo gereizt, „bei denen handelt es sich um die reinsten Unschuldslämmer. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann lassen sich alle Vergehen durch ihre schwierige Kindheit rechtfertigen. Die Jugendkriminalität hat dramatisch zugenommen. Gewaltbereitschaft, Brutalität, Vandalismus. Das weißt du doch genau. Also versuch mir nicht einzureden, ich würde aus meinen Vorurteilen ein Feindbild konstruieren. Wer sagt dir denn, dass unsere beiden Besucher nicht auch zu der Sorte gehören?“
„Die mordend und plündernd durch die Welt ziehen, oder wie?“ Adelina schüttelte energisch den Kopf. „Das ist lächerlich. Ich habe sie mir angesehen und ich glaube ihnen. Sie sind verängstigt, wollen nicht zu ihren so genannten Betreuern zurück. Deshalb haben sie sich still und leise verabschiedet.“
„Du bist naiv.“ Wütend stand Kajo auf und holte sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank.
„Ich bin naiv?“, hob Adelina die Stimme. „Dann frag doch mal deine Kollegen von der GNR. Die behandeln die Sache als Unfall, sagst du selber. Warte gefälligst die Untersuchung der Kriminaltechniker und der Feuerwehrexperten und die Autopsie ab, ob Brandstiftung vorliegt oder sonst ein Verbrechen, bevor du die Jugendlichen verurteilst. Sie sind die Opfer, nicht die Täter.“
„Ach“, schnauzte Kajo zurück, „und der Diebstahl beim Hamburger und Einbruch und Diebstahl bei uns sind Kavaliersdelikte, oder was? Du begreifst scheinbar nicht, dass wir ziemliche Probleme kriegen, wenn die Polizei erfährt, wir haben die beiden aufgenommen, verwahren die geklauten Sachen und unterstützen sie bei ihrer Flucht. Dem werde ich zuvorkommen und die GNR informieren.“
„Das wirst du nicht! Unsensibel wie du bist, hast du mal wieder überhaupt nichts kapiert. Oder nicht richtig hingeschaut. Der charmante Kotzbrocken Tobias ist ein kleiner Junge, der auf der Suche nach einem väterlichen Vorbild und sich selbst ist. Und Silvia … ist dir nicht aufgefallen, wie verschüchtert sie auftritt und schon äußerlich den Eindruck vermeidet, als Mädchen wahrgenommen zu werden? Was, glaubst du, hat das zu bedeuten? Hast du ihre Augen gesehen? Ich bin mir sicher, sie hat mit ihren vierzehn Jahren bereits mehr erlebt, als wir beide zusammen.
Ich sage dir, was wir tun werden: Ich fahre zu den Pflegefamilien und rede mit ihnen. Und ich rufe Toi an und erkundige mich nach den Ergebnissen der polizeilichen Ermittlungen. Das wird er mir nicht abschlagen. Darüber hinaus passiert gar nichts!“ Sie blitzte Kajo aufgebracht an. „Du solltest dir lieber Gedanken machen, ob die beiden in Gefahr sind. Schließlich ist da die Sache mit den Leuten im Auto des Hamburgers und dem Besucher bei Zé. Das klingt nicht nach Sozialarbeitern aus dem Jugendhilfeverein. Die hätten nämlich eine Beschreibung gehabt und beide Namen gewusst.“
„Sag du mir nicht, was ich zu tun habe“, raunzte Kajo. „Kleiner Junge, alte Augen im Kindergesicht“, höhnte er. „Du bist immer noch betriebsblind. Gerade weil sie viel zu früh viel zu viel erlebt haben, ist ihnen alles zuzutrauen. Aber du musst ja wieder mal die Mutter der geschundenen Seelen geben. Und ich dachte, du hättest inzwischen verarbeitet, dass du keine eigenen Kinder …“
Er biss sich auf die Zunge. Adelinas Blick verbrannte ihn. Mit einem Ruck fuhr sie hoch, wandte sich an der Tür noch einmal um.
„Du kannst heute im Schuppen schlafen“, sagte sie mit eisiger Stimme. „Da stehen noch zwei Liegen.“

Copyright by Franz Bludau & Christoph Höver

Kapitel 8 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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Eine Antwort zu Kapitel 8 – Am Brandhaus

  1. algarvekrimi schreibt:

    Spannung ist genug da!
    Aber immer eine Woche auf das nächste Kapitel warten?
    Wann kommt das Buch?
    Alois

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