Kapitel 10

10

Mosqueiro, 16. Juli 2008

 

„Ich kann hier nicht herumsitzen und die Hände in den Schoß legen“, sagte Adelina bestimmt. „Ich muss etwas unternehmen, die Kinder suchen.“
Kajo hob den Blick von dem Baumarkt-Prospekt, in den er sich zum Ende des Frühstücks vertieft hatte, und schaute seine Frau mit hoch gezogenen Augenbrauen über den Rand seiner Lesebrille an. Er öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Nachdenken, bevor du etwas aussprichst, hatte er sich am Abend zuvor, als er nach ihrem Streit noch eine Weile allein am Küchentisch gesessen hatte, wieder einmal vorgenommen. Nachdenken. Obwohl er wusste, wie schwer es ihm fallen würde, sich konsequent daran zu halten. Zu sehr war die Art, spontan das zu äußern, was ihm gerade durch den Kopf ging, mindestens seit der Jugend mit ihm verwachsen. Sie hatte ihm über die Jahre im Umgang mit Lehrern, Vorgesetzten und Kollegen, aber auch im privaten Umfeld so manchen Ärger eingebracht. Und wenngleich er damit oftmals etwas Wahres oder Tatsächliches ansprach, war ihm doch fast ebenso häufig bewusst geworden, eine wunde Stelle, eine Empfindlichkeit berührt oder, mehr noch, jemanden verletzt zu haben.
Zuerst hätte er sich ohrfeigen mögen, nicht bedacht zu haben, was seine in einem Moment der Unbeherrschtheit heraus gespuckte Bemerkung in Adelina auslösen würde. Er wusste es doch. Er wusste, wie sehr sie es in der Anfangszeit ihres Zusammenlebens forciert hatte, eine Familie zu gründen. Mitte dreißig war sie damals, er Mitte vierzig. Ihre biologische Uhr tickte unerbittlich. Wie deprimiert sie war, als die umfangreichen medizinischen Untersuchungen, bei ihm, bei ihr, schließlich den Befund erbrachten, Adelina sei körperlich unfähig, Kinder zu bekommen. Unfähig. Schuldgefühle türmten sich auf, verstärkt durch Nebensätze und Blicke ihrer Mutter, die ihr vorwarfen, keine richtige Frau zu sein.
Kajo hatte dem Kinderwunsch seinerzeit zwiespältig gegenüber gestanden. Einerseits fand er die Vorstellung verlockend, das erfüllt zu sehen, was ihm in seiner ersten Ehe durch den frühen Unfalltod seiner Frau Angelika versagt geblieben war; andererseits fühlte er sich mit Mitte vierzig beinahe schon zu alt, manchmal auch zu verbraucht durch die aufreibenden Dienstjahre, um genießen zu können, eigene Kinder um sich herum aufwachsen zu sehen; um die relative Gewissheit zu haben, lange genug für sie da zu sein. Darin sah er sich bestätigt, als er den Herzinfarkt erlitt und ihm die Ärzte erklärten, er bliebe für den Rest seines Lebens ein Risikopatient.
Er hatte die Kinderlosigkeit innerlich akzeptiert, für Adelina blieb sie eine Wunde, die nicht zu vernarben schien. Die sie notdürftig durch ihre Arbeit mit Jugendlichen zu verschließen suchte. Daran hatte er im Streit gerührt und mehr als ihre stillschweigende Übereinkunft verletzt, das Thema an verborgener Stelle ruhen zu lassen.
Als Kajo sich endlich hatte eingestehen müssen, dass er, aufgebracht wie er gewesen war, Adelina hatte treffen wollen, war er sich klein und schäbig vorgekommen. Leise war er ins Schlafzimmer gegangen, hatte sich zu ihr auf die Bettkante gesetzt und sich entschuldigt, so gut es ihm möglich war. Eine kleine Weile nur hatte sie stumm verharrt und dann müde geflüstert: „Komm, leg dich hin. Der Tag war wohl für uns beide ein bisschen zu aufregend.“
Und doch war an diesem Morgen noch eine unterschwellige Spannung zwischen ihnen zu spüren. Kajo ahnte den Grund, den ihm Adelinas herausfordernder Tonfall nahe legte: Sie machte sich Sorgen um Silvia und Tobias und würde erst dann die ihr eigene Ausgeglichenheit zurückgewinnen, wenn sie sich Klarheit über den Verbleib und das Befinden der Jugendlichen verschafft hätte. Sie würde den Fall, auf den sie gestoßen war, unter allen Umständen lösen wollen. Ob mit oder ohne ihn. Dabei schaute er in einen inneren Spiegel. Wie ähnlich sie sich doch waren.

Kajo nahm noch einen Schluck aus seinem Kaffeebecher, räusperte sich.
„Wo willst du denn suchen?“, fragte er vorsichtig. „Die beiden können inzwischen sonst wo sein.“
„Sie wollten nach Portimao, also werden sie auch dort zu finden sein“, antwortete Adelina. „In ihre Erziehungsfamilien sind sie bestimmt nicht zurückgekehrt.“
„Intuition?“, erwiderte Kajo schmunzelnd.
Adelinas Gesichtszüge entspannten sich ein wenig, sie lächelte zurück. „Du sagst es: Intuition. Solltest du kennen. Oder hast du vergessen, dass sie dich in dem einen oder anderen schwierigen Fall auf die richtige Fährte gebracht hat?“
Kajo nickte zustimmend. Er erinnerte sich an die Situationen, in denen er zusammen mit seinen Kollegen nicht weitergekommen war, weil sie in der unübersichtlichen Fülle von Indizien und einer Reihe von Verdächtigen kein stimmiges Muster hatten erkennen können. Wie sich manchmal dann eine diffuse Unruhe in ihm ausgebreitet hatte, ein Gefühl, etwas vor sich zu haben, das er weder greifen noch sehen konnte. Und mit einem Mal ein Ruck durch ihn hindurchgegangen war, einem chiropraktischen Kunstgriff gleich, der den Blickwinkel verändert und das verschwommen Erahnte plötzlich scharf konturiert hatte.
„Portimao ist nicht Mosqueiro“, wandte er ein. „Die Suche kann ewig dauern.“
Adelina schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Überleg doch mal, das Wichtigste, das Silvia und Tobi benötigen, ist Geld. Mit den fünfundzwanzig Euro, die sie in der Tasche haben, kommen sie nicht weit. Also werden sie versuchen, das Handy des Hamburgers und, falls du mit deiner Vermutung richtig liegst, das Kokain zu verkaufen. Und dafür gibt es in der großen Stadt nur wenige Plätze, an denen das mehr oder weniger offen möglich ist.“
Kajo blickte sie verwundert an. „Und die kennst du?“
„Tja“, gab Adelina verschmitzt lächelnd zurück, „in deiner Frau stecken eine Menge Geheimnisse.“ Sie griff sich einen Apfel aus der Obstschale und biss herzhaft hinein. „Aber im Ernst“, fuhr sie halb kauend fort, „die Orte sind bekannt, es gab sie früher schon. Und sollten sie gewechselt haben, werde ich mich erkundigen … ich habe gute Kontakte zur GNR.“
Kajo stöhnte auf. „Schon gut, schon gut“, sagte er, „du lässt dich ja doch nicht aufhalten. Ich würde aber vorschlagen, systematisch vorzugehen. Nach dem Ausschlussprinzip. Ich denke, wir sollten zuerst bei Zé vorbeischauen und fragen, ob unsere beiden Ausreißer noch einmal dort waren. Danach fahren wir nach Aljezur. Wilfrieds Café ist der Treffpunkt der deutschen Kolonie. Vielleicht erfahren wir da etwas Neues. Dann kann ich auch gleich mein Laptop im PC-Geschäft nachsehen lassen. Einige Programme funktionieren nicht, wie sie sollen.
Außerdem … ist in Aljezur nicht das Büro des Jugendhilfevereins, der Silvia und Tobias in Obhut hat? Möglicherweise suchen die ja auch schon. Und schließlich, wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, wohnen die Betreuungsfamilien der beiden nicht allzu weit entfernt von da. Kann doch sein, dass wir von denen noch ein paar nützliche Hinweise erhalten. Und wir können uns selbst einen Eindruck verschaffen, wie die Jugendlichen untergebracht sind. Wenn wir nach all dem immer noch nicht schlauer sind, steuern wir Portimao an. Was hältst du davon?“
„Ich höre dauernd wir“, sagte Adelina in gespielt ungläubigem Ton.
Einen Moment schaute Kajo verdutzt. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Glaubst du, ich lasse dich allein in die feindliche Welt hinausziehen?“
Adelinas zerknüllte Serviette verfehlte ihn um wenige Zentimeter.

Für die frühe Morgenstunde, es war halb zehn, herrschte ungewöhnlich viel Betrieb im Serra Dourada. Kajo musste ihr Auto auf dem Weg abstellen, da der Parkplatz besetzt war. Offenbar hatte die Aufregung der vergangenen Nacht die Anwohner von Mosqueiro und Tres Figos veranlasst, sich bei Zé zu versammeln, um die Geschehnisse zu erörtern.
Überschwänglich begrüßt gesellte Adelina sich zu einer Gruppe Frauen, die auf der Terrasse bei Bica und Wasser zusammen saßen. Kajo nickte ihnen freundlich zu und ging in das Café hinein, wo die Männer aus der Nachbarschaft an der Theke hitzig und lautstark aufeinander einredeten, als sei gerade das Lokalderby Benfica gegen Sporting durch einen umstrittenen Elfmeter in der Nachspielzeit entschieden worden.
Vor den meisten stand eine Flasche Sagres, für einige wenige schien bereits die Zeit für Medronho-Schnaps gekommen zu sein, der hier nicht, wie sonst üblich, in Cognacschwenkern sondern in dickwandigen Gläschen serviert wurde, die an transparente Fingerhüte mit Fuß erinnerten. Kajo lächelte in sich hinein, als er sah, wie der Wirt den typischen Brand der Region aus einer Flasche mit Etikett und einem Verschluss mit dem Hologrammaufkleber der Steuer nachschenkte. Er war sich sicher, dass es sich dabei um selbst gebrannten Schnaps handelte, der in die vorschriftsmäßige Flasche eingefüllt worden war. Irgendwie musste auch Zé über die Runden kommen.

Mit einem kaum merklichen Kopfnicken bedeutete der Wirt Kajo, Notiz von ihm genommen zu haben, und stellte unaufgefordert ein Bier vor ihn auf die Theke. Als er die Flasche öffnen wollte, winkte Kajo ab. „Einen dunklen Galão, bitte, und ein Wasser … mit Sprudel.“
Leicht verwundert zog Zé eine Augenbraue hoch und machte sich daran, geräuschvoll das Glas mit dem Milchkaffee zuzubereiten. Nun erst bemerkten die Männer Kajos Anwesenheit und rückten auseinander, um ihn in das Gespräch mit einzubeziehen.
„Ola, Carlos“, klang es ihm mehrstimmig entgegen. Da Karl-Josef für portugiesische Zungen ein unaussprechlicher Name war, hatte sich bei den Nachbarn die Übersetzung seines Vornamens als Anrede eingebürgert.
„Ist bei euch alles in Ordnung?“ Fernando, der einen Teil des Landes von Adelinas Großeltern gepachtet hatte, wirkte besorgt.
„Danke der Nachfrage. Uns ist nichts passiert“, entgegnete Kajo.
„Hast du das von dem Alemão gehört? Morto. Carbonizado.“
Alemão. Der Deutsche. Die Bezeichnung sprach dafür, dass Tosstedt auch bei den Menschen der Umgebung nicht beliebt war. Sonst hätte Fernando dessen Namen benutzt oder einen der äußerst verbreiteten Spitznamen verwendet. Kajo registrierte es, ging aber nicht darauf ein.
„Ja“, sagte er, „ich war noch in der Nacht bei dem Haus und habe mit der Polizei gesprochen. Sie meinen, der Brand sei durch Unachtsamkeit ausgelöst worden. Durch eine brennende Kerze oder Zigarette. Vielleicht war der Hamburger betrunken und ist eingeschlafen. Aber noch ist gar nicht sicher, ob er der Tote ist. Man wird die Autopsie abwarten müssen.“
„Sagt das die Polícia?“ Sein Gegenüber zeigte eine abfällige Geste. „Die wollen sich doch nur wichtig machen.“
„Aber sein Auto stand nicht beim Haus“, wandte Kajo ein.
„Na und? Er hat es in die Werkstatt gebracht und ist mit dem Taxi gefahren. Geld hatte er ja. Wer sich eine Villa und ein Ferienhaus leisten kann …“
Kajo ersparte sich eine Erwiderung, da die Männer es offensichtlich für überflüssig hielten, sich in weiteren Spitzfindigkeiten zu ergehen. Sie hatten bereits begonnen, über die Verbesserung der Einsatzleitung bei Waldbränden zu debattieren, stritten sich darüber, ob die Feuerwehr aus Aljezur oder aus Monchique effektiver arbeite, beklagten die miserable Aufklärungsquote der Polizei bei Brandstiftung und den jahrelangen zähen Kampf, der nötig ist, um im Schadensfall Geld von der Versicherung oder aus einem der staatlichen Ersthilfetöpfe zu erhalten. Themen, die sie persönlich berührten oder von denen fast jeder schon einmal betroffen gewesen war.
Der sich entspinnenden, Dialekt gefärbten Diskussion konnte Kajo nicht folgen. Er musste dringend seine Sprachkenntnisse erweitern. Noch ein Punkt auf der Liste der Vorsätze.
Während er zahlte, erkundigte er sich bei Zé, ob Tobias und Silvia noch einmal im Serra Dourada  gewesen oder in der Nähe gesehen worden seien. Redselig, wie er war, schüttelte der Wirt nur den Kopf. Mit nichts anderem hatte Kajo gerechnet.

Die Frauenrunde auf der Terrasse bedachte er mit einem gelächelten Adeus, bedeutete Adelina in einvernehmlichen Blickkontakt aufzubrechen und öffnete an ihrem Wagen Türen und Fenster in der vagen Hoffnung auf einen Luftzug, der die sich stauende Hitze im Inneren milderte. Das Thermometer war inzwischen auf vierunddreißig Grad angestiegen. Kajo rieb sich den Schweiß von den Augenrändern, trommelte nach einer Weile in wachsender Ungeduld mit den Fingern auf dem Dach des R4. Er sah Adelina von ihrem Platz aufstehen, ein, zwei Schritte gehen, reden, winken, stehen bleiben, reden, reden. Als seine Hand verdächtig hin zur Hupe am Lenkrad zuckte, kam sie eiligen Schrittes auf ihn zu.
„Was ist los?“, fragte Adelina. „Du siehst nicht gerade gut gelaunt aus.“
„Eure Verabschiedung hat ja ewig gedauert“, knurrte er.
„Ewig?“, echote Adelina. „Allerhöchstens fünf Minuten. Das ist hart an der Grenze zur Unhöflichkeit. Ich will mich doch nicht mit den Frauen erzürnen. Statt mir hier Vorträge zu halten, solltest du lieber mal starten, sonst kommen wir nie nach Aljezur.“
Kopfschüttelnd ließ Kajo den Motor an und fuhr los.
„Hast du bei deinen Damen wenigstens etwas Brauchbares in Erfahrung bringen können?“, nahm er das Gespräch nach einer stillen Minute wieder auf. „Zé hat unsere beiden jedenfalls nicht gesehen und auch sonst nichts gehört.“
„Wie man es nimmt“, erwiderte Adelina. „Zu Silvia und Tobias gab es keine Neuigkeiten. Sie sind wohl aus dieser Gegend verschwunden. Aber über den Hamburger wussten die Frauen eine Menge zu berichten. Also Luisa, weißt du, die kleine Stämmige aus Tres Figos,  hat eine Cousine in Marmelete. Und deren Freundin Elisabete putzt bei Tostedt. Er wohnt in dem Ort in einer Villa. Hat er gekauft oder gemietet, was auch immer. Der Beschreibung nach wird er dafür einen Batzen Geld hingelegt haben müssen.“
„Das passt zu dem, was die Jugendlichen und die Nachbarn erzählt haben“, warf Kajo ein.
Adelina nickte zustimmend. „Rosa, die Elisabete auch kennt“, fuhr sie fort, „hat heute Morgen mit ihr telefoniert. Der Brand hat sich natürlich auch schon bis Marmelete herumgesprochen. Und dass es sich bei dem Toten mit ziemlicher Sicherheit um den Deutschen handelt. Elisabete hat daraufhin die gesamte Villa abgesucht, einschließlich Grundstück und Swimmingpool. Senhor Malte, wie sie ihn nennt, war nirgendwo zu finden. Wie auch. Dann stand die Polizei vor der Tür, die sich ebenfalls umgesehen hat. Jetzt ist Elisabete furchtbar aufgeregt, weil sie noch den Lohn für die vergangene Woche zu bekommen hat und wohl ihre Arbeitsstelle verliert. Hier in den Bergen eine neue zu finden, wird nicht einfach sein.“
„Wenn sich bestätigt, was wir alle annehmen“, sagte Kajo, „werden vielleicht Erben auftauchen, die den Nachlass regeln. An die kann sich Elisabete wegen des Geldes wenden.“
„Tja, das ist so eine Sache“, erwiderte Adelina. „Sie putzt ja jetzt schon eine ganze Weile bei ihm. Während der Zeit scheint er nie Besuch bekommen zu haben. Und auch sonst gab es keinen Hinweis, dass er Kontakt nach Deutschland hält. Niemand, der von dort angereist ist, um hier Urlaub zu machen. Kannst du dir das vorstellen? Keine Freundin, keine Freunde, keine Verwandtschaft … irgendwie merkwürdig, oder? Er arbeitet offenbar nicht, geht kaum aus dem Haus und wenn, dann zum Essen ins Restaurant oder zum Golf spielen.“
„Nun warte erst einmal ab“, entgegnete Kajo. „In Deutschland ist es nicht anders als in Portugal: Geld ist über Tausende von Kilometern zu riechen. Es lockt Erben noch aus den tiefsten Erdlöchern. Was munkelt man denn in der Gerüchteküche, woher sein Reichtum stammt?“
„So unsympathisch, wie er wirkte, dichten ihm einige dunkle Geschäfte in der Vergangenheit an. Mafia oder dergleichen. Andere, dazu gehört auch Elisabete, die nichts auf ihren Senhor Malte kommen lässt, glauben eher, er habe bei Euro Milhoes gewonnen.“
Adelina schüttelte ihre ärmellose Bluse auf, um eine Andeutung kühler Luft an ihren Oberkörper zu fächeln. Ein verführerischer Selbstbetrug.
„Eine Besonderheit hat Luisa noch erwähnt“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Tostedt hat ein Arbeitszimmer in der Villa eingerichtet, mit PC, einigen Büchern und Akten. In einer Ecke steht … wie soll ich es nennen … eine Art Altar, ähnlich denen zu Ehren unserer Senhora de Fatima in vielen Häusern. Im Zentrum das Bild einer jungen Frau, umgeben von allerlei Gegenständen, einer Haarspange, einem Ring, ein, zwei besonders geformten Steinen, einem Glas mit feinem, hellen Sand. Elisabete hat sich natürlich nicht getraut zu fragen, um wen es sich handelt, aber sie meint, es könnte seine Tochter sein. Vielleicht ist sie früh gestorben, und er hat sich deshalb hierhin zurückgezogen. Na ja, jetzt nimmt er das Geheimnis wohl mit ins Grab.“

Mit einer plötzlichen Handbewegung wies sie auf ein Schild am Straßenrand. „Wir sind bald da. Gott sei Dank, ich muss raus aus diesem Brutofen. Ach übrigens, bevor ich es vergesse: Beim nächsten Mal darfst du dich gleich mit zu meinen Damen setzen. Sie liegen mir schon eine ganze Weile in den Ohren, sich endlich einmal mit dir persönlich unterhalten zu wollen. Heute hat mich eine gefragt, ob du deinen Schäferhund in Deutschland zurückgelassen hättest.“
Kajo blickte sie irritiert an. „Wieso … was für ein Schäferhund?“
„Na, sie wissen, das du in Deutschland Polizist warst“, erwiderte Adelina schmunzelnd. „Und seit die Serie Kommissar Rex mit großem Erfolg im portugiesischen Fernsehen gesendet wurde, sind viele davon überzeugt, jeder deutsche Kripobeamte würde gemeinsam mit einem Schäferhund, der quasi zur Grundausstattung gehört, noch die schwierigsten Fälle lösen. Du hättest eine faszinierte Zuhörerschaft, wenn du die eine oder andere deiner Heldentaten zum Besten geben würdest.“
Kajo lachte laut auf. „Du nimmst mich auf den Arm, oder? Du willst mir sagen, unsere Nachbarinnen halten die Darstellung im Film für ein getreues Abbild der Realität? Unfassbar.“
„Und sie dürften nicht die einzigen in diesem Land sein, die so denken. Allerdings sollte man mit einem vorschnellen Urteil darüber vorsichtig sein. Was einigermaßen spaßig klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn es gehört zu den traurigen Kapiteln der Geschichte Portugals, dass in Zeiten der Monarchie und der anschließenden Diktatur, vor allem mit Dr. Salazar an der Spitze, bis in die 1970er Jahre Bildung für die breite Schicht der Bevölkerung unverzeihlich vernachlässigt worden ist. Die Menschen gezielt dumm zu halten, ist ein probates Mittel zu verhindern, dass sie sich darüber bewusst werden, was um sie herum und mit ihnen geschieht.
Und selbst nach der Nelkenrevolution 1974 wurden entsprechende Reformen nicht gerade im Eiltempo umgesetzt. Noch heute weist die portugiesische Gesellschaft europaweit die höchste Analphabetenquote auf. Davon sind die Frauen, wen wundert es, am stärksten betroffen. Ihr Anteil daran ist fast doppelt so groß wie der der Männer.“
Wie stets, wenn sie sich ereiferte, untermalte Adelina ihre Worte mit temperamentvollen Gesten ihrer Hände. Zugleich hatte sich auf ihrer Stirn durch die zusammengezogenen Augenbrauen eine steile Falte gebildet.
„Sind dir“, fuhr sie fort, „in Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen noch nicht die vielen Stempelkissen aufgefallen? Was glaubst du, wozu sie dienen? Damit können die Leute, die keine andere Möglichkeit haben, Dokumente oder Formulare per Fingerabdruck unterschreiben. Es ist schon bitter, mitzuerleben, wie sich Versäumnisse in der Vergangenheit durch mehrere Generationen ziehen.“

Schweigend fuhren sie nach Aljezur hinein. Das Café, das sie ansteuerten, lag an einer kleinen Brücke über einem schmalen, zu dieser Jahreszeit ausgetrockneten Flusslauf. Kajo stellte den Wagen auf einem daneben liegenden Parkplatz ab.

Copyright Franz Bludau und Christoph Höver

Kapitel 10 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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