Kapitel 11 – Teil I

11-Teil I

Alzejur 16. Juli 2008

Wilfrieds Café war in einer Art kleinem Pavillon untergebracht, der neben der Bar nur Raum für eine Handvoll Sitzplätze bot, die jedoch die meiste Zeit im Jahr ungenutzt blieben. Es war angenehmer und abwechselungsreicher, sich im Freien auf der Terrasse aufzuhalten. Der Besitzer und Wirt, ein groß gewachsener, kräftig gebauter Mittfünfziger, war bereits einige Jahre vor der Auswandererwelle nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl aus Köln nach Aljezur verschlagen worden und hatte im Führen des Lokals offenbar seinen Lebensinhalt gefunden.
Fast alle Deutschen, die im Ort oder in der umliegenden Gegend wohnten, kamen dort regelmäßig zusammen, um sich ungezwungen unter Landsleuten auszutauschen, Neuigkeiten aus ihrer Kolonie oder der Heimat zu verbreiten oder sich einfach nur einem kurzen Anflug von Sentimentalität hinzugeben. Aber auch Urlauber, die durch die Altstadt flanierten, fühlten sich magisch angezogen, wenn sie der vertrauten Sprachlaute gewahr wurden. Wilfried trug das Seine dazu bei: Er warb mit rheinischem Humor, deutschem Bier, Frikadellen und Currywurst.

Mit einem Blick sahen Kajo und Adelina, dass nahezu alle Plätze auf der Terrasse von zumeist jüngeren Leuten besetzt waren. Einige Touristen, wie sich unschwer am unterschiedlichen Grad der Hautrötung, dem Fotoequipment und dem leicht exaltierten Benehmen erkennen ließ, in der Mehrzahl Ansässige, die durch eine gewisse Lässigkeit, eine gewollte Lockerheit zu verstehen gaben, hier heimisch geworden zu sein. An einem Tisch ganz am Rand fläzten sich drei Jungen und zwei Mädchen im Teenageralter in der prallen Mittagssonne und vergnügten sich an Hamburgern, Cola und Bier.
Sachte schob Kajo seine Frau vor sich her an den Bartresen, hinter dem der Wirt gerade Gläser wusch.
„Hallo, ihr beiden“, begrüßte er sie aufgeräumt. „Lange nicht gesehen. Was treibt euch bei diesen Temperaturen aus dem Haus? Ein kühles Getränk? Etwas zu essen?“
„Bom dia, Wilfried“, entgegnete Adelina. „Für mich ein Wasser mit Eis. Und zwei Frikadellen mit Senf, wenn draußen schattige Plätze frei geworden sind.“
Nachdem Kajo Bratwurst und Bier für sich bestellt hatte, ließ er den Blick durch den Raum schweifen. „Dem FC bleibst du treu bis an dein Lebensende, was?“, sagte er zum Wirt hin gewandt und deutete flüchtig auf den rot-weißen Fanschal, der an der gegenüber liegenden Wand drapiert war. „Du musst sehr leidensfähig sein“, fügte er schmunzelnd hinzu.
„Einmal Geißbock, immer Geißbock“, gab Wilfried lachend zurück. „Das wird einem schon mit der Muttermilch eingeflößt. Außerdem bin ich gern Masochist: Wir steigen auf, wir steigen ab, aber wir gehen nicht unter.“
Er stellte die Getränke vor ihnen ab. „Aber sagt mal“, setzte er wieder an, „was war denn bei euch letzte Nacht los? Es hat gebrannt? Und wie man hört, soll dabei der Deutsche aus Marmelete umgekommen sein? Wisst ihr etwas Genaueres?“
„Nicht viel mehr als du“, antwortete Kajo. „Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei der verkohlten Leiche, die gefunden wurde, tatsächlich um Malte Tostedt handelt. Kanntest du ihn?“
Der Wirt nickte. „Schrecklich. Ja, ich kannte ihn. Er kam des Öfteren hierher, aß und trank etwas, unterhielt sich ab und zu mit dem einen oder anderen Gast. War aber eher der stille, zurückhaltende Typ.“
„Das wundert mich ein wenig“, klopfte Kajo vorsichtig auf den Busch. „Wir haben bisher noch niemanden getroffen, der ihn gemocht hat.“
„Wahrscheinlich, weil er Geld hatte und einen dicken Wagen fuhr. Da spricht doch nur der Neid. Ich gebe nichts auf das Geschwätz der Leute. Sie müssen immer etwas zu tratschen haben, sonst langweilen sie sich.“
Wilfried stützte sich mit beiden Händen auf den Tresen, beugte sich vor. „Ich war nicht mit ihm befreundet, aber ich kann auch nichts Schlechtes über ihn sagen. Für mich zählt nur eines: Ein Gast, der genügend verzehrt, keine Randale macht und anstandslos zahlt, ist ein guter Gast. Alles andere interessiert mich nicht. Und Tostedt war ein sehr guter Gast. Er hat manchmal sogar die Rechnung von Jugendlichen beglichen, die immer mal wieder hier aufkreuzen und ständig knapp bei Kasse sind. Hat sie in seinem Wagen mitgenommen, wenn sie keine Lust hatten, zu Fuß zu gehen. Also, wenn ihr mich fragt … aber wartet mal, ich glaube, ich muss mal eben da an den Tisch.“
Adelina und Kajo tauschten einen viel sagenden Blick. „So kann man es auch sehen“, stellte sie trocken fest und trank ihr Glas in einem Zug leer. Kajo beließ es bei einem Achselzucken.
„Gleich werden zwei schöne Plätze für euch frei“, verkündete Wilfried schon beim Hereinkommen und stellte ein Tablett mit benutztem Geschirr scheppernd auf eine Ablage.
„Aber noch einmal zurück“, wandte er sich dann wieder an die beiden. „Tostedt schien in der Hinsicht, in Bezug auf Jugendliche, meine ich, recht engagiert zu sein. Sagt jedenfalls Rainer, der Sozialarbeiter von einem der Jugendvereine hier. Es gibt im Übrigen eine ganze Reihe dieser Vereine in der Gegend. Also, Rainer ist seit langem Stammgast bei mir. Von daher kennen sich die beiden. Manchmal haben sie zusammen gesessen und ein Bier getrunken … na ja, Rainer zwei oder drei.“ Dabei zwinkerte er verschwörerisch mit einem Auge. „Tostedt hat wohl mit dem Gedanken gespielt, selber den einen oder anderen Jugendlichen zu betreuen.“
Der Wirt hielt nachdenklich inne. „Furchtbar das Ganze“, setzte er nach einem Moment fort. „Wenn ich daran denke, gestern Vormittag hat er noch da draußen gesessen und ganz angeregt mit zwei Kids geplaudert. Mit so einem schmächtigen, unscheinbaren Dunkelhaarigen und einem auffälligen, blonden Bürschlein in Knallbunt. Die hat er übrigens auch irgendwohin gefahren. Und ein paar Stunden später erwischt es ihn. So schnell kann es gehen.“
„Hast du die beiden Jugendlichen danach noch einmal gesehen?“, hakte Adelina unbeeindruckt nach.
Wilfried schüttelte den Kopf. „Sucht ihr sie? Seid ihr deswegen unterwegs? Sie scheinen ja richtig begehrt zu sein. Heute Morgen erst kam ein Mann, auch ein Deutscher, hier herein und erkundigte sich nach den beiden. Als ich ihm nicht weiterhelfen konnte, ist er gleich in seinem Opel Corsa losgebraust. Ohne etwas zu verzehren! Aber fragt doch mal das junge Volk, das am Tisch ganz außen sitzt. Vielleicht können die euch weiterhelfen. Soweit ich weiß, wohnen zwei von ihnen bei ihren Eltern hier im Ort, die anderen gehören, glaube ich, zu Rainers Klub. Ich kümmere mich jetzt um euer Essen, bevor ihr vom Fleisch fallt.“
„Die Sorge ist unbegründet, Wilfried“, ulkte Adelina zurück und klopfte sich mit den Händen auf die Hüften. „Der Mann heute Morgen“, sagte sie nach kurzem Zögern, „wie sah der aus?“
„Groß, kräftig, so um die vierzig. Hatte ein kariertes, kurzärmeliges Hemd an. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Unauffällig eben.“ Wilfried zuckte mit den Achseln. „Guck mich nicht so an. Was glaubst du, wie viel Leute hier jeden Tag rein und raus gehen? Da merke ich mir doch nicht jede Kleinigkeit.“ Er wandte ihr den Rücken zu.

Kajo hatte sich bereits auf den Weg zu den frei gewordenen Plätzen begeben, denen die ausladenden Wedel einer hoch gewachsenen Palme Schatten spendeten. Er stellte sein Bier ab, wandte sich nach einem kurzen Zögern um und ging auf die Gruppe der Jugendlichen zu, die ihm neugierig entgegen blickten. Adelina sah ihn, als sie aus der Tür trat und verdrehte die Augen.
„Kajo, das bringt … nichts“, suchte sie ihn zurückzuhalten, doch er hob nur abwehrend den Arm.
Blitzschnell hatte er die Runde taxiert und sich eine Kategorisierung zurechtgelegt: in der Mitte der Boss, ein etwa ein Meter neunzig großer, schlaksiger Sechzehn- oder Siebzehnjähriger in einem verwaschenen roten T-Shirt und zerschlissenen Jeans. Sein Haar war schwarz gefärbt, zur einen Hälfte kurz geschoren, zur anderen so lang gewachsen, dass ihm Strähnen wie ein Vorhang vor ein Auge fielen. Die drei Flaschen Bier auf dem Tisch vor ihm schienen seinen Status zu untermauern.
Rechts neben ihm der Adlatus, bis auf die gleichmäßig kinnlangen braunen Haare äußerlich eine schlechte Kopie des Chefs. Ihm stand offenbar ein Bier weniger zu.
Auf einem Stuhl weiter der Mitläufer oder der Geduldete – Kajo schwankte in seiner Einschätzung -, ein klein geratener, jüngerer Bursche mit starken Akneproblemen, was sein Gesicht blühen ließ wie eine Sommerwiese.
Linker Hand die Chefsache, wahlweise Freundin, ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen in einem knapp sitzenden Rock in der Breite eines Schals und einem hellblauen Top, das nicht viel mehr Stoff aufwies als ein Bikinioberteil. Piercingringe zierten die Nase und die Unterlippe.
Daneben die im Gegensatz zu ihrer schlanken Nachbarin übergewichtige Freundin der Freundin, deren ebenfalls eng anliegendes T-Shirt und die Shorts freimütig ihre Proportionen preisgaben.
Kajo stellte sich zu ihnen und blickte den großen Jungen, den er für den Wortführer hielt, direkt an. „Bom dia“, wandte er sich dennoch an alle. „Wilfried, der Wirt, sagte, ihr seid hier aus der Gegend. Dann kennt ihr doch bestimmt Silvia von der Quinta Cavaleiro und Tobias aus Vale de Telha. Sie gehören zum Jugendhilfeprojekt von Rainer.“
Für einen Moment herrschte Schweigen am Tisch. Die Jugendlichen sahen vor sich hin, grinsten in sich hinein. Schließlich schaute der Adlatus auf.
„Wer will das wissen?“, gab er schnoddrig von sich.
„Wieland“, antwortete Kajo entgegenkommend, „Karl-Josef Wieland aus Mosqueiro. Silvia, manche nennen sie auch Ivan, und Tobi waren gestern bei uns und sind heute Morgen verschwunden. Wir müssen dringend mit ihnen reden.“
„Also, ich kenn `ne Silvia“, meldete sich die Freundin zu Wort. „So `ne große, fette Blonde. Meinst du die?“
Die Freundin der Freundin hielt sich die Hand vor den Mund und gluckste. Kajo ermahnte sich zur Geduld.
„Nein“, erwiderte er, „vom Aussehen eigentlich das genaue Gegenteil. Und Tobias, um das gleich klar zu stellen, ist in eurem Alter, hat rotblonde Haare und ist immer ziemlich schick angezogen.“
„Ach, so `n Niedlicher. Wenn du ihn gefunden hast, bring ihn gleich her, ich werd´ jetzt schon geil“, tönte das vollschlanke Mädchen und rieb sich demonstrativ mit einer Hand im Schritt.
Sie erntete Gelächter. Kajo blieb ruhig.
„Kommt, Leute“, appellierte er noch einmal an die Runde, „die beiden benötigen vielleicht Hilfe. Wenn ihr sie kennt und eine Ahnung habt, wo sie sein könnten, dann sagt es bitte.“
„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, krächzte der Mitläufer, der offensichtlich den Stimmbruch noch nicht überwunden hatte.
„Oder du versuchst es bei Google, is nämlich `ne Suchmaschine“, warf die Freundin ein.
Kajo ballte innerlich die Fäuste und hätte sie am liebsten krachend auf dem Tisch landen lassen. Aber dann wäre er in Wilfrieds Augen die längste Zeit ein guter Gast gewesen. Er schluckte hinunter, was ihm sauer aufstieß. Ein letzter Versuch.
„Sie waren gestern erst hier, saßen mit einem Deutschen aus Marmelete zusammen. Er fährt einen recht auffälligen Geländewagen. Hilft euch das auf die Sprünge?“
Er schaute die Jugendlichen der Reihe nach an, die für einen kurzen Moment ihre Großspurigkeit verloren zu haben schienen. Ein, zwei hastige Griffe nach den Zigaretten, der rote Kopf des Mitläufers, ein leises Kichern, verstohlene Blicke zum Boss.
„Wird Malte gewesen sein“, sagte er und grinste schief. „Cooler Wagen, cooler Typ. Aber … soll der heute Nacht nicht den Löffel abgegeben haben? Heiße Sache.“
„Das ist immer noch keine Antwort auf meine Frage“, insistierte Kajo.
Der Boss sah ihn herausfordernd an. „Chega! Es reicht!“, raunzte er. „Du hast es doch gehört, wir kennen die beiden nicht. Und nun nerv hier nicht weiter rum, geh spielen.“
„Am besten mit was Giftigem“, pflichtete ihm der Adlatus herablassend bei.
Kajo setzte zu einem deftigen Kommentar an, überlegte kurz und winkte schließlich nur mit beiden Händen verächtlich ab. „Idioten“, zischte er ihnen in ihrem Rücken zu.

„Was hast du erwartet?“ Adelina leckte sich die Finger, mit denen sie das letzte Stück ihrer Frikadellen in den Mund geschoben hatte.
„Hm“, brummte Kajo und biss missmutig in die Bratwurst, die schon einige Zeit auf ihn gewartet hatte. „Die Wurst ist kalt, das Bier ist warm … der Tag entwickelt sich ziemlich beschissen.“
„Auch Jugendliche haben ihren Ehrenkodex“, setzte seine Frau ungerührt nach. „Sie werden einem Erwachsenen, der ihnen dazu noch gänzlich unbekannt ist, kaum etwas über ihresgleichen verraten. Dafür musst du erst einmal eine Vertrauensbasis schaffen.“
„Ah, die Verständnisschiene“, entgegnete Kajo in sarkastischem Ton. „Dann ist es ja auch völlig in Ordnung, dass die Pubertätsflegel mich blöde anmachen. Siehst du, wie sie die Köpfe zusammen stecken und tuscheln? Ich wette mit dir, sie kennen unsere beiden Ausreißer und wissen, wo sie sich aufhalten könnten.“
„Gut möglich. Ich denke aber, sie werden versuchen, selber Kontakt aufzunehmen, um abzuklären, was eigentlich los ist. Warum Silvia und Tobi abgehauen sind und warum wir sie suchen.“
Adelina kramte Zettel und Stift aus ihrer Tasche und schrieb ihre Handynummer auf. Damit ging sie zu den Jugendlichen und legte das Papier auf den Tisch.
„Ihr könnt uns jederzeit anrufen“, sagte sie.
Kajo hatte inzwischen bezahlt. „Ich glaube, ich muss mich beeilen, wenn ich mein Laptop noch vor der Mittagspause abgeben will. Es ist kurz vor zwölf, und der Laden liegt ein ganzes Stück entfernt. Kommst du mit?“
Adelina schüttelte den Kopf. „Ich schaue mal, ob ich im Büro des Jugendhilfevereins jemanden antreffe. Wilfried wird mir die Adresse sagen können. Wer zuerst fertig ist, wartet hier. Okay?“

Das Computergeschäft lag in der Rua do Vento, einer der steilen, verwinkelten Straßen der südlichen Altstadt, die sich terrassenförmig einen Berghang heraufzieht. Auf der Fahrt dorthin bereute Kajo schon nach wenigen Metern, nicht zu Fuß gegangen zu sein. Die Durchgangsstraße war so schmal gebaut, dass der LKW vor ihm immer wieder abstoppen und an den Rand ausweichen musste, um nicht mit entgegenkommenden Fahrzeugen aneinander zu schrammen.
Kajo fluchte und trommelte nervös mit seinen schweißnassen Fingern auf das Lenkrad. Das ist nicht mein Tag, dachte er, als er auch noch ein sich vom Magen bis zur Speiseröhre ausbreitendes Brennen verspürte. Sein Blick fiel auf den Laptop, den er griffbereit auf den Beifahrersitz gelegt hatte. Darunter lugte die CD hervor, die sich in der Stahlkassette aus Tostedts Ferienhaus befunden hatte. Als sie am Morgen losgefahren waren, hatte Kajo sie mit dem Gedanken eingesteckt, sie als Beweisstück für den Diebstahl der Jugendlichen nicht unbeaufsichtigt zurücklassen zu wollen. Nun war er sich nicht mehr sicher, ob er die sich in wenigen Minuten bietende Gelegenheit nutzen sollte, zu versuchen, sich den Inhalt anzuschauen.
Er wusste, dass dies nicht korrekt sein würde. Für ihn als Privatmann schon gar nicht. Allenfalls für die Polizei, wenn sich durch die Obduktion bestätigte, bei dem Brandopfer handelte es sich um den Hamburger und Zweifel hinsichtlich einer Unfallursache aufkämen. Vagheiten, die im Moment jedoch nichts rechtfertigten.
Und doch merkte Kajo an dem ihm nur allzu bekannten Kribbeln unter der Kopfhaut, dass es in ihm arbeitete. Irgendetwas, das er noch nicht fassen konnte, störte ihn auf. Etwas an dem Bild des Hamburgers, das in den letzten Stunden um einige Facetten angereichert worden war und trotzdem verschwamm, je schärfer er den Blick darauf richtete. Ein Bild, das sich aus Komponenten zusammensetzte, die von reich, arrogant und aggressiv über zurückhaltend freundlich bis großzügig reichten. Es fehlte Kajo die Geschlossenheit, aus der Harmonie entsteht. War es das?
Er parkte den Wagen in einer Lücke am Rand der Rua 25 de Abril. Von dort waren es nur noch wenige Schritte bis zum Geschäft. Als er sich näherte, lärmte ein Trupp Jugendlicher nach draußen. Kajo blieb stehen, kehrte zum Auto zurück und nahm die CD an sich. Unvermittelt hatte er beim Anblick der jungen Leute den harschen Tonfall des Jungen in Wilfrieds Café im Ohr und noch einmal, nun erst bewusst, das verächtliche Sprühen der Augen hinter dem Vorhang schwarz gefärbter Haare gesehen, nachdem er den Hamburger erwähnt hatte. Vielleicht waren es diese Reaktion und das sekundenlange Schweigen der anderen am Tisch gewesen, was ihm während der Fahrt sauer aufgestoßen war. Den kurz auftauchenden Gedanken, er bemäntele damit möglicherweise nur seine beinahe schon triebhafte Neugier, schob er rasch beiseite.
Der Computerladen befand sich hinter der unscheinbaren Tür eines sonnengelb gestrichenen, eingeschossigen Hauses. Kajo übergab dem Inhaber den Laptop und einen Zettel, auf dem er die Probleme in Englisch notiert hatte, und setzte sich im Nebenraum, der das Internetcafé beherbergte, an einen der fünf Terminals. Gespannt schob er die CD in das Laufwerk und erblickte nach einigen Momenten auf dem Monitor das, was er insgeheim befürchtet hatte: eine Kennnummer und ein Fenster, das ein Passwort verlangte. Obgleich er eine gewisse Enttäuschung nicht verbergen konnte, musste er sich eingestehen, eben dieses Ergebnis war das logischste. Es wäre geradezu naiv gewesen, anzunehmen, ein Datenträger, der von seinem Besitzer in einem Tresor und zusätzlich in einer Stahlkassette aufbewahrt wurde, würde ohne weiteres seinen Inhalt preisgeben.
Kajo seufzte und dachte etwas wehmütig an seine letzten aktiven Jahre zurück, die er im Präsidium in Köln im Kommissariat 3 verbracht hatte, das sich mit Fällen von Korruption und Wirtschaftskriminalität befasste. Dort hätte er die CD einfach an einen der Computerspezialisten weitergegeben, die zuweilen etwas verschroben wirkten, als lebten sie in einer anderen Welt, die aber immer dann zur Hochform aufliefen, wenn es galt, digitale Rätsel zu lösen. Sie sahen nicht zuletzt verschlüsselte Datenträger als persönliche Gegner an, die zu besiegen waren. Dabei zählten sie zu den Besten. Kajo konnte sich an keinen Fall erinnern, in dem sie die Hilfe der BKA-Kollegen hatten in Anspruch nehmen müssen. Sie hätten ihre Decodierungsprogramme zum Einsatz gebracht, und es wäre eine Frage der Zeit gewesen, wann sich das geschützte Innere der CD auf dem Bildschirm gezeigt hätte.
Hatte er selber noch eine Handhabe? Er dachte einen Moment nach. Zumeist – das war nicht mehr als ein Stück Alltagspsychologie – wählten Nutzer Passwörter mit einem direkten Bezug zu ihrem persönlichen Umfeld. Geburtsdaten, Namen von Familienangehörigen oder Haustieren, Ortsbezeichnungen … alles, was man sich leicht merken konnte und deshalb nicht notiert werden musste. Aber eben dies stellte im Fall Tostedt das größte Hindernis dar. Kajo hatte keinerlei Kenntnis vom Privatbereich des Hamburgers. Sein einziger Anhaltspunkt war Tobias` mehr oder weniger heimliche Beobachtung des Tresorcodes im Ferienhaus: 6-5-4-3.
Er probierte die Ziffernfolge. Password Error erschien auf dem Monitor. Er stellte die Zahlenreihe um, setzte Vor- und Nachnamen hinzu, versuchte es mit dem Wohnort Marmelete, testete sogar Elisabete als Perle der Villa … und gab auf. Trotzdem bat er den Inhaber, eine Sicherheitskopie der CD herzustellen. Er wollte etwas in der Hand behalten, wenn er das Original der Polizei überließ. Ein unbestimmtes Gefühl, mehr nicht.
Um die Zeit zu überbrücken, kehrte Kajo noch einmal an den Terminal zurück und suchte, schon ein wenig lustlos, im Worldwideweb Einträge zu Malte Tostedt zu finden. Die angezeigten Trefferlinks erweiterten jedoch nur seine Geografiekenntnisse: Tostedt war eine Mittelstadt südwestlich von Hamburg. Und die Kombinationen des Namens mit Begriffen wie Algarve oder Marmelete erbrachten einzig Verweise auf Reiseberichte, Touristeninformationen und Immobilienagenturen.
Offenbar war der Hamburger in der Vergangenheit öffentlich nicht in Erscheinung getreten. Was zu der ihm zugeschriebenen Zurückhaltung passte, weit weniger jedoch zu dem Bild, das ihn in recht jungen Jahren als Privatier mit durchaus luxuriösem Lebenswandel zeichnete. Gerade die eigene, unverhohlene Zurschaustellung seines Reichtums – woher auch immer er kommen mochte – wäre an irgendeinem Punkt der Aufmerksamkeit der Internet-Suchmaschinen in ihrer Sammelwut nicht entgangen. Oder Kajo hatte nicht gründlich genug recherchiert. Vielleicht sollte er es später noch einmal versuchen.
Inzwischen war es ihm recht, dass der Inhaber nach ihm rief und ihm die CD samt Kopie überreichte.
„Ich rufe dich an, wenn ich den Laptop repariert habe“, sagte er und schaute ein wenig ungeduldig auf seine Armbanduhr.
Kaum war Kajo aus der Tür getreten, hörte er, wie hinter ihm zugeschlossen wurde.

Copyright by Christoph Höver und Franz Bludau

Kapitel 11-Teil I – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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Eine Antwort zu Kapitel 11 – Teil I

  1. Olli Schur schreibt:

    Eine wunderbare Sache, das hier!
    Ich warte immer wieder mit Spannung auf den nächsten Teil!
    Komme aus Ascheberg und mache seit 36 Jahren Urlaub an der Algarve, somit habe ich Bezug zu den Handlungsorten, sehr schöne Sache!

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