Kapitel 12 – Teil I

12 – Teil I

Quinta Cavaleiro/Mosqueiro 16. Juli 2008

Etwa einen Kilometer hinter Aljezur bogen sie von der Nationalstraße ab. Der alte R4 kämpfte sich zäh die knapp zwei Kilometer langen steilen Serpentinen hoch. In diesen Mittagsstunden herrschte kaum Verkehr. Nur zwei Touristenpärchen in einem Mietwagen, wohl durch die flirrende Hitze gestresst und missgelaunt, zogen hupend und laut schimpfend an ihnen vorbei. Offenbar fühlten sie sich durch die langsame Fahrt des mühevoll schnaufenden Wagens vor sich behindert. Am Ende der Steilstrecke bogen sie nach rechts in Richtung Arrafana ab. Die Straße führte auf dem Hochplateau durch eine sandige Landschaft mit niedrigem Bewuchs. Man konnte förmlich das nahe Meer riechen. Geradezu erleichtert schnurrte der R4 auf der nun ebenen Strecke, und Adelina drosselte das Tempo erst, als sie einen Sportplatz und das Schild Campo de Tiro (Schießplatz) passierten.
„Hier muss es irgendwo einen Weg mit dem Hinweis
Quinta Cavaleiro* geben. Schaust du bitte mal mit“
Kajo, der ein wenig vor sich hindöste, schreckte auf und rieb sich die Augen, bevor er seine Aufmerksamkeit auf den Straßenrand richtete. Sekunden später sahen sie es beide. An einem breiten Fahrweg, der rechts von ihnen abbog, stand ein großes, hölzernes Schild mit einem geschnitzten Pferdekopf in einem Ährenkranz
Nach anderthalb Kilometern Schotterpiste, vorbei an mehreren ärmlichen Bauernhäusern, zeigte ein weiteres Schild in einen talwärts führenden Weg, der nach einigen hundert Metern vor einem neu gedeckten Bau an einem Parkplatz endete. Sie stellten das Auto ab und gingen den schmalen Pfad zwischen den Pferdekoppeln hindurch zum Eingang des Haupthauses.
Das Gelände wirkte aufgeräumt. Der Weg war mit dunkelroten, gebrannten Naturfliesen gepflastert. Die Begrenzung zu dem unterhalb liegenden Bereich, mit einem Geräteschuppen und verschiedenen Wirtschaftsgebäuden, deren Funktion sich beim ersten Hinsehen nicht ganz erschloss, bildete eine sorgfältig beschnittene Teebaumhecke. Alles in allem strahlte die
Quinta so etwas wie Bürgerlichkeit und Ordnungsliebe aus. Auch hier ein angenehmes Erscheinungsbild, dachte Adelina und spürte, wie ihre innere Anspannung wuchs.

Kajo ließ ihr den Vortritt. Sie klopfte an die halb offen stehende Eingangstür, die ebenfalls von einem, diesmal aus Salzteig geformten Pferdekopf in einem Ährenkranz geziert wurde.
„Moment!“, kam eine Stimme von innen, und wenig später stand ihnen eine Frau um die vierzig mit leicht verhärmten Gesichtsausdruck gegenüber. Sie hatten sie scheinbar bei der Küchenarbeit gestört. Der Kittel über der Folklorebluse und dem langen, weit geschnittenen graubraunen Rock hatte jedenfalls Wasserflecken.
Entschuldigung, ich war gerade beim Spülen. Womit kann ich ihnen helfen? Wenn sie reiten wollen, rufe ich meinen Mann. Er betreut unsere Gäste.“
„Nein, nein“, wehrte Adelina rasch ab, „im Moment nicht, danke.“ Wobei mir etwas sportliche Betätigung sicher gut tun würde, fügte sie für sich hinzu und dachte an die konditionellen Probleme, die ihr schon die leichte Steigung auf dem Weg zum Jugendhilfeverein in Aljezur bereitet hatte. Vernehmlich fuhr sie fort: „Wir sind wegen Silvia gekommen. Sie lebt doch bei Ihnen, nicht wahr?“
Die Frau trat ihr einen Schritt entgegen, beugte den Oberkörper ein wenig vor. Ihr längeres, von vielen grauen Strähnen durchzogenes, dunkelbraunes Haar war achtlos am Hinterkopf zusammengesteckt, auf ihrem Gesicht, das wurde nun deutlich, lag eine rissige Schicht aus zuviel Arbeit und Müdigkeit. Darunter, an einigen wenigen, verloren wirkenden Grübchen erkennbar, blitzte eine einstmalige aparte Frische auf.
„Haben Sie die Kleine gesehen? Geht es ihr gut? Ich mache mir Sorgen, ihr könnte etwas zugestoßen sein.“ Sie hatte die Stimme gesenkt, sprach fast im Flüsterton und wandte dabei mehrmals den Kopf zur Seite, um sich zu vergewissern, dass niemand mithörte.
„Gestern war sie noch wohlauf“, antwortete Adelina, „aber …“
Sie wurde vom Stampfen schwerer, sich nähernder Schritte unterbrochen.
„Gundel! Wer ist denn da? Mit wem redest du?“
Hinter der Frau baute sich eine massige Gestalt auf, die beinahe den Türrahmen füllte.
„Jacob, sie sind wegen Silvia hier“, sagte Gundel leise.
„Ach, Sie sind das“, legte der Mann in polterndem Tonfall los. „Habe Sie schon erwartet. Rainer Zieliske hat mich telefonisch informiert, dass Sie heute bei ihm waren. Und dass Sie möglicherweise auch bei uns auftauchen würden. Wobei mir allerdings nicht einleuchtet, was Sie noch wollen. Sollte doch eigentlich alles geklärt sein, oder? Das Mädchen ist abgehauen, die Suche gestartet!?“
Dabei hob er in gespielt hilfloser Manier Arme und Schultern, so dass sein Doppelkinn und die hängenden Backentaschen in bedenkliche Wallung gerieten.
„Was soll man machen?“, fuhr er fort. „Die Eine geht, der Nächste kommt. Reisende soll man nicht aufhalten, das ist jedenfalls meine Meinung.“
Kajo und Adelina tauschten einen schnellen Blick, beide schienen einigermaßen perplex.
„Wir dachten, Sie könnten uns vielleicht einen Hinweis geben, wo Silvia sich aufhält.“ Adelina hatte sich als Erste gefangen. „Ich meine, sie ist vierzehn, da kann man sich schon sorgen. Sagt Ihre …“ Sie stockte, als sie die abwehrende Handbewegung der Frau sah.
Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust und wippte in seinen Reitstiefeln von den Fersen zu den Zehenspitzen.
„Gute Frau“, entgegnete er betont gönnerhaft, „Sie kennen sich doch mit diesen Jugendlichen aus, wie man hört. Da wissen Sie doch, die kommen alle aus schwierigen Verhältnissen, meistens auch noch von ganz unten, aus dem Keller der Gesellschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine. Denen fehlt es doch an allem, in erster Linie an Disziplin und Ordnung. Das bringen wir ihnen bei, nicht wahr Gundel? Sehen Sie, wir haben einen Betrieb und arbeiten hart. Das will durchorganisiert sein, und jeder muss mit anpacken. Wir können es uns nicht leisten, wenn irgendjemand aus der Reihe tanzt oder auf der faulen Haut liegt. Und was ist mit unseren Zöglingen? Alle verweichlicht, jammern schon bei der kleinsten Anforderung, statt dankbar anzunehmen, was wir ihnen bieten. Und dann machen sie auch noch beim geringsten Anschiss die Fliege. Keine Frusttoleranz oder wie das heißt.“
„Frustrationstoleranz“, entfuhr es Adelina.
Der Mann funkelte sie böse aus seinen Schweinsäuglein an. Er legte eine Hand auf die Schulter seiner Frau. „Ich denke, unser Gespräch ist beendet“, sagte er kalt.
Kajo war anderer Ansicht, länger wollte er sich nicht zurückhalten.
„Guter Mann“, ahmte er den Tonfall seines Gegenüber nach, „interessiert Sie gar nicht, warum Silvia gestern bei uns war? Was sie uns erzählt hat? Welche Sorgen und Nöte sie mit sich herumträgt? Wir haben sie aufgenommen und sie bei uns übernachten lassen. Wie wäre es mit einem schlichten Danke?“
„Doch, doch, das war wirklich sehr nett von …“, sagte die Frau und verstummte unter dem Druck der Hand ihres Mannes.
„Gundel“, sagte er zu ihr, „hast du nichts zu tun? Sieh mal nach den Kindern. Wer weiß, wo die sich wieder rumtreiben.“
Er drehte sie um und schob sie an sich vorbei in den Hausflur. Dann wandte er sich wieder Kajo und Adelina zu.
„Glauben Sie, mir dankt irgendjemand etwas?“, fauchte er sie an. „Die Gören vielleicht? Ha, da müssten schon Pfingsten und Ostern auf einen Tag fallen. Sie sehen es doch, man macht und tut, bietet diesen … diesen Jugendlichen eine Chance, und was kommt dabei heraus? Sie verschwinden. Einfach so … bei Nacht und Nebel.“
„Immerhin werden Sie bezahlt für Ihre Arbeit“, hielt Adelina dagegen.
„Wäre ja auch noch schöner, den Nervkram nur mit einem warmen Händedruck abzugelten. Außerdem reichen die paar Kröten gerade mal, um den Reitstall in Schuss zu halten.“
Dünne Schweißbäche rannen ihm von der Stirn das Gesicht herunter. Er klaubte ein zerknittertes Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich hektisch trocken. „Ich sag Ihnen was“, polterte er weiter, „das Mädel hat sich mit diesem Möchtegern-Mann zusammengetan und gönnt sich ein paar nette Urlaubstage. Kann mir schon vorstellen, was die den ganzen Tag treiben.“ Dabei machte er eine eindeutige obszöne Geste. „Dafür hat sie sich den Richtigen ausgesucht. Aber wen wundert`s bei den Betreuern. Gehen viel zu lasch um mit ihren Leuten. Na, was soll`s, jeder nach seiner Facon. So, und nun Schluss. Ein Danke wollen Sie hören? Gerne. Ich wäre Ihnen nämlich sehr dankbar, wenn Sie jetzt mein Grundstück verließen.“
Damit kehrte er ihnen den Rücken zu und stapfte ins Haus.

Kajo sah von der Seite, wie Adelina vom Hals aufsteigend puterrot anlief und dem Mann mit offenem Mund hinterher starrte. Sacht berührte er ihren Arm.
„Komm“, sagte er, „es hat keinen Zweck.“
Langsam und still gingen sie nebeneinander zum Parkplatz, wo der R4 unbeeindruckt im gleißenden Sonnenlicht vor sich hinbrütete.
Einen halben Kilometer später hatten sie ihre Worte wiedergefunden.
„Unfassbar“, sinnierte Adelina Kopf schüttelnd, „einem solchen Kerl werden Kinder anvertraut. So etwas sollte unter Strafe gestellt werden.“
„Kam ganz schön zackig rüber, der Knabe“, merkte Kajo an. „Hatte was Militärisches, der Kasernenhofton und sein Loblied auf Zucht und Ordnung. Vielleicht war er mal Kavallerist bei der Gebirgsmarine.“
„Mir ist nicht zum Scherzen zumute“, entgegnete Adelina genervt.
„Du hast ja Recht“, besänftigte ihr Mann. „Aber wer weiß, möglicherweise hat er Erfolg mit seiner Methode. Denk mal an die Erziehungscamps in den USA. Da werden auch Jugendliche, die man anders nicht mehr zu erreichen glaubt, monatelang einem knallharten Drill unterworfen. Manche halten durch und finden in die Gesellschaft zurück.“
„Klar, die tun dann, was man ihnen sagt“, erwiderte Adelina sarkastisch. „Sie
funktionieren. Zwar mit gebrochenem Rückgrat, aber immerhin. Zombies, die aus den Gräbern ihrer Seelen gestiegen sind.“
„Übertreibst du nicht ein bisschen?“
„Ach, was weiß ich.“ Sie schwieg eine Weile. „Mir tut die Frau leid“, sagte sie dann leise. „Hast du gesehen, wie eingeschüchtert sie wirkte? Ihre Kinder mag ich mir erst gar nicht vorstellen. Sie werden wohl wenig zu lachen haben bei dem Tyrannen. Und wenn ich auch noch daran denke, was Silvia über diesen Jacob erzählt hat. Dass er jede Gelegenheit nutzt, sie mit seinen feisten Blicken zu betatschen. Da möchte ich kotzen. Dieser autoritäre, notgeile Macho-Arsch! Also, wenn du mal solche Anwandlungen verspürst, sag mir Bescheid, damit ich mich rechtzeitig absetzen kann.“
„Tja, da siehst du mal, wie gut du es mit mir hast“, grinste Kajo.
Adelina gelang ein kleines Lächeln. Sie beugte sich zur Fahrerseite herüber und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Bring uns nach Hause, bitte. Für heute habe ich die Faxen dicke. Ich muss erst einmal die Erlebnisse verarbeiten.“

Copyright by Christoph Höver und Franz Bludau

Kapitel 12-1 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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