Kapitel 12 – Teil II

Als Kajo den Wagen im Schatten hinter dem Haus ausrollen ließ, fuhr Adelina auf. Sie war auf der Rückfahrt eingenickt. Noch ein wenig benommen rieb sie sich das Gesicht. Haarsträhnen klebten ihr auf der Stirn, die Kleider am Körper. Ganz Mosqueiro lag unter einer blauen Decke drückender sommerlicher Stille. Insekten und Vögel schwiegen. Der sonst ständig wehende Wind fehlte. Das Tal schien von der Hitze gelähmt. Duschen, umziehen, im Liegestuhl ausstrecken, genau in der Reihenfolge, dachte sie und sah ihrem Mann an der Nasenspitze an, dass er das Gleiche vorhatte. Sie beeilte sich, ihm zuvor zu kommen.
„Kajo, kommst du bitte mal“, rief Adelina von der Haustür. Es klang beunruhigt.
„Was ist?“
„Kannst du mal nach dem Schloss sehen? Es klemmt.“
„Lass mich mal.“ In Kajos Stimme lag ein leicht überheblicher Ton, als würde er seiner Frau die einfachsten technischen Dinge nicht zutrauen. Doch auch seinen Versuchen leistete der Schließmechanismus Widerstand. Erst nach einigem Rütteln, Heben, Zerren und Drücken gab das Schloss mit einem unangenehmen metallischen Knirschen nach und den Eingang frei.
„Was war das denn?“, wollte Adelina wissen, der der breite Rücken ihres Mannes die Sicht versperrte.
„Es sieht so aus, als hätte sich jemand an unserer Tür zu schaffen gemacht.“ Kajo setzte die Untersuchung des Schlosses fort. „Da sind eindeutig Kratzspuren.“
„Tobias und Silvia?“ In ihr keimte die Hoffnung auf, die beiden seien zurückgekommen.
Eher nicht. Tobias kann das besser. So, wie der das Schloss am Schuppen und die Kassette geknackt hat. Hier hat sich jemand vergeblich bemüht, eigentlich nur unsere schöne Tür ramponiert.“
Er bedeutete seiner Frau zu warten, während er – jedes Geräusch vermeidend – um das Haus schlich und prüfte, ob die Fenster geschlossen waren. Alles schien in Ordnung zu sein. Er erreichte die Rückseite des Hauses und verhielt im Schritt. Ein Flügel des Fensters zum früheren Wohnzimmer der Großeltern, das jetzt als Lagerraum diente, war nur angelehnt. Vorsichtig tastete er sich heran. Im blättrigen Lack und dem trockenen Holz des Rahmens waren unschwer die Kerben eines gewaltsamen Aufbruchs zu erkennen. Kajo warf einen schnellen Blick durch das matte Glas. Keine Bewegung, kein Laut. Der ungebetene Gast hatte offenbar schon das Weite gesucht.
Die Windstille des Nachmittags hatte in der dünnen Staubschicht auf dem ausgetrockneten Boden Fußabdrücke konserviert. Größe vierundvierzig oder fünfundvierzig, schätzte er. Kein Profil von Jogging- oder Turnschuhen. Der Unbekannte bevorzugte offensichtlich Sandalen oder Halbschuhe.
Direkt vor dem Fenster waren Details nicht mehr zu erkennen. Der Besucher musste einige Zeit mit dem Öffnen verbracht und seine eigenen Abdrücke zertrampelt haben. Zu Kajos Beruhigung führte aber auch eine Spur zurück, der er zunächst einmal folgen wollte, bevor er sich das zu erwartende Desaster im Inneren des Hauses ansah. Er hoffte darauf, dass der Wind nicht auffrischte und die Abdrücke verwischte. Sie leiteten ihn zum Schuppen. Der provisorische Drahtverschluss, der nach Tobias Visite die Tür sicherte, stand offen. Auch hier ging die Fährte hinein und wieder hinaus. Die genauere Inspektion des Inneren sparte er sich auf. Er folgte den hinausführenden Spuren bis zu einer Einbuchtung des Fahrweges. Der Wagen, der hier abgestellt worden war, hatte eindeutig gewendet und war wieder weggefahren.
Auf dem Weg zurück versuchte er sich zu erinnern, welche Autos ihm bei ihrer Rückkehr entgegengekommen waren, denn der Unbekannte konnte noch nicht lange weg sein. Ihm fiel nur der LKW einer Bierfirma ein. Die Spuren auf dem Grundstück stammten aber von einem Kleinwagen.
„Und…?“ Adelina wartete ungeduldig vor der Eingangstür.
„Wir hatten eindeutig Besuch. Er ist aber wieder weg.“ Kajo legte den Arm um seine Frau. „Dann lass uns mal nachsehen, welche Überraschung für uns bereit liegt“, sagte er mit bitterer Miene.
In den Anfängen seiner Kripolaufbahn hatte er unzählige Tatorte gesehen und untersucht. Alles, was Wert hatte und transportiert werden konnte, war in der Regel verschwunden. Als fast noch schlimmer für die unglücklichen Eigentümer erwiesen sich die Kollateralschäden: Bilder von herausgerissenen Schubladen, zertrümmertem Mobiliar, aufgeschlitzten Polstern und Bettzeug, zerschlagenem Glas und Porzellan zogen im Expresstempo vor seinem inneren Auge vorbei. Gerne auch hinterließen die Täter nach vollbrachtem Vandalismus einen Kothaufen an prominenter Stelle des Chaos. Sozusagen als stinkende Visitenkarte.
Sie hatten offenbar Glück gehabt. Ihr Einbrecher war diskreter und rücksichtsvoller aufgetreten. Auf den ersten Blick sah das Haus unberührt aus.

„Unser Geld ist noch da!“
Adelinas Ruf aus der Küche klang erleichtert. Triumphierend hielt sie den Umschlag mit ihren Barreserven in der Hand, den sie in der Schublade des Küchenschranks unter dem Besteckeinsatz aufbewahrte.
„Es ist doch ein gutes Versteck“, fügte sie mit einer gewissen Befriedigung hinzu. Kajo hatte sie in der Vergangenheit mehrfach mahnend darauf hingewiesen, dass Kühlschrank, Tiefkühler und Küchenschubladen die ersten Plätze seien, an denen Einbrecher nach Bargeld suchen. Kripo-Paranoia! war ihre Standardentgegnung gewesen.
Ebenso erleichtert fand Kajo seine geliebte Nikon-Kamera und alle Objektive an ihrem angestammten Platz. Auch sonst fehlten keine Wertsachen. Nachdenklich setzte er seinen Rundgang fort. Die Musikanlage stand an noch an der alten Stelle, nur das Schubfach des CD-Players ragte heraus. Kajo schloss es immer wegen des durch jede Ritze eindringenden Staubs im Tal.
Ein Verdacht keimte in ihm auf. Er nahm sich das Regal mit den sorgfältig geordneten CDs vor: Musik-CDs nach Stil und Alphabet auf der einen Seite und am anderen Ende diverse CDs mit Computerprogrammen. Die Abteilung für Pop, Jazz und Kölsche Musik war bunt durcheinander gewürfelt ins Regal zurückgestellt worden. Die Spindel mit den Rohlingen war verschwunden. Auch die Softwarespeicher lagen in einer ungewohnten Folge im Regal. Ihm blieb keine andere Wahl, als alle Boxen zu öffnen und den Inhalt zu prüfen. Sie waren vollständig, mit einer Ausnahme: die CD mit den neuesten Bläck Fööss-Hits, die er als Geschenk und heimatlichen Gruß von einem ehemaligen Kollegen geschickt bekommen und noch nicht beschriftet hatte, fehlte.
„Kölle Alaaf, du Arschloch!“
Adelina schaute ihn mit einem großen Fragezeichen im Gesicht an.
„Wer auch immer uns mit seinem Besuch beehrt hat, er war scheinbar nur an bestimmten CDs interessiert“, stellte Kajo nüchtern fest. „Oder vermisst du noch etwas?“
Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich habe den Eindruck, jede Ecke und Nische ist durchsucht worden.“
„Hier im Zimmer fehlen alle Rohlinge und die neue Bläck Fööss!“
„Um weitere Kopien herzustellen und sie dann auf dem Flohmarkt zu verscherbeln, oder was?“
„Wohl kaum“, antwortete Kajo. „Das Entscheidende ist, er hat nur die unbeschrifteten CDs mitgenommen. Es muss ihm um einen bestimmten Inhalt gehen. Er wird sich wundern, welcher Hörgenuss ihm begegnet. Stundenlange Stille von den Rohlingen und eine Reihe bester Kölscher Lieder.“ Er schmunzelte bei der Vorstellung. „Wir müssen jetzt nur noch jemanden finden, der in der Algarve herumläuft und ständig
Am Bickendorfer Büdchen vor sich hinsummt, dann haben wir unseren Einbrecher.“
Adelina lachte kurz auf, verstummte aber sofort wieder. Sie fühlte sich erschöpft und … ja, verzagt. In was waren sie da hineingeraten? Es kam ihr vor, als sei ihr beschauliches Leben in den letzten zwei Tagen völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Als sei der feste Boden, auf dem sie sich bisher bewegt hatten, über Nacht sumpfig geworden, unberechenbar. Schlimmer noch – und das machte ihr Angst – irgendwo tief im Innern rührte sich eine Ahnung, die ihr dunkel zuraunte, dies sei erst der Anfang.
Sie wischte sich die Augen. „Was machen wir jetzt?“
„Nichts“, antwortete Kajo unwirsch.
„Nichts? Nicht einmal die GNR verständigen?“
„Wozu? Es ist kaum etwas beschädigt worden, und die Dinge, die gestohlen wurden, haben nur einen geringen materiellen Wert. Sieht das für dich nach einem Serieneinbrecher aus, vor dem die Nachbarschaft geschützt werden müsste? Unser Besucher hat gezielt nach einer Sache gesucht.“ Kajo hatte die Stirn in Falten gelegt. „Ich denke, es geht hierbei um etwas ganz anderes. Und darüber sollten wir nicht mit irgendwelchen x-beliebigen Polizisten reden.“
„Was meinst du?“
„Überleg doch mal. Wir besitzen keine CD, deren Inhalt für irgendjemand Bedeutung haben könnte. Die das Risiko lohnt, gewaltsam bei uns einzusteigen. Und warum ausgerechnet heute? Von Interesse kann also nur das sein, was uns Silvia und Tobias ins Haus gebracht haben, was sie selber haben mitgehen lassen. Das heißt aber auch, der Einbrecher wusste, dass die beiden gestern hier waren. Vielleicht hat er sich sogar direkt in unserer Nähe aufgehalten und uns beobachtet. Dann hätte er auch gesehen, wie wir heute Morgen weggefahren sind, und konnte in aller Ruhe zu Werke gehen.“
„Der Kerl, der sich bei Zé und Wilfried nach unseren Ausreißern erkundigt hat“, stellte Adelina mit Bestimmtheit fest.
„Dann war er aber heute Morgen in Aljezur und nicht hier auf dem Gelände“, wandte Kajo ein.
„Das muss kein Widerspruch sein. Er kann unseren Aufbruch beobachtet haben und danach direkt zu Wilfried gefahren sein, während wir noch einige Zeit bei Zé im Café verbracht haben. Von Aljezur ist er dann wieder hierhin zurückgekehrt. Wäre doch möglich, oder?“
Kajo nickte versonnen. Er beschäftigte sich bereits mit einem anderen Gedanken. Warum hatte ihr Besucher so fahrlässig seine Spuren hinterlassen? Dass er in der abgeschiedenen Lage, in der sie wohnten, gestört worden war, schien sehr unwahrscheinlich. Es wäre doch ein Leichtes für ihn gewesen, die Schuhabdrücke zu verwischen. Gehörte er zu den Wenigen, denen es gleichgültig war, ob sie gefasst wurden, oder die es geradezu darauf anlegten, erwischt zu werden? Auch das konnte Kajo sich kaum vorstellen. Es blieb eigentlich nur eine Möglichkeit: Der Einbrecher musste sich sicher fühlen, dass die Spuren nicht zu ihm zurückverfolgt werden würden. Wenn er Handschuhe getragen und inzwischen seine Kleidung und Schuhe entsorgt hatte. Wenn er nicht aktenkundig war. Wenn er den Wagen unter einem falschen Namen angemietet hatte. Vor allem aber, wenn er beabsichtigte, sich nur kurzfristig in diesem Land aufzuhalten. Woher kam er? Und was verband ihn mit Tostedt?
„Mann-o-Mann.“ Kajo fuhr sich mit beiden Händen über den Haarschopf und bemerkte nun erst Adelinas Blick auf sich ruhen. Geduldig hatte sie ihn ausdenken lassen.
„Also?“, begann sie. „Auch über diese Sache mit Toi sprechen?“
„Auf jeden Fall“, entgegnete er ernst. „Bevor die Geschichte aus dem Ruder läuft. Am besten rufst du ihn gleich an. Vielleicht hat er ja morgen schon etwas Zeit für uns übrig. Ich werde noch schnell ein Vorhängeschloss an der Schuppentür anbringen und das Fenster auf der Rückseite reparieren. Und danach, meine ich, sollten wir beide uns eine Ruhepause gönnen, so müde wie wir aussehen.“
Er wandte sich zur Tür. „Du darfst auch zuerst duschen“, fügte er grinsend hinzu.

Er war Tostedts Geländewagen in großem Abstand bis zu einer ausgedienten Fabrikhalle gefolgt und hatte im zwielichtigen Schein einer Straßenlampe gesehen, wie der Hamburger sich nach allen Seiten umblickte, bevor er durch eine Seitentür im Inneren verschwand. Er wartete einige Minuten. Dann stieg er aus und schlich sich, jeden Schattenbereich ausnutzend, an das Gebäude heran. Die Tür ließ sich geräuschlos öffnen. Dunkelheit umfing ihn. Als sich seine Augen daran gewöhnt hatten, tastete er sich einen schmalen Gang entlang, lugte an dessen Ende vorsichtig in die Halle hinein. Sie war leer. Einige Pfützen schimmerten auf dem Betonboden. Offenbar war das Dach undicht. Es roch modrig.
Auf der linken Seite führte eine Metalltreppe zu einer Art Rundgang in der ersten Etage, auf der sich mehrere nebeneinander liegende, verglaste Räume befanden. In einem brannte Licht. Sein Pulsschlag erhöhte sich. Er zog seine Waffe aus dem Holster und rannte gebückt zur Treppe. Von oben drang gedämpftes Lachen zu ihm herunter. Auf Zehenspitzen stieg er Stufe um Stufe hinauf, robbte auf dem Rundgang unter das erleuchtete Fenster. Jemand redete halblaut. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Langsam schob er sich höher, riskierte einen schnellen Blick. Hinter einem wackeligen Holztisch saß Tostedt lässig auf einem Stuhl, die Beine weit von sich gestreckt, und fächelte sich mit einer CD Luft zu. Ein Stück abseits lehnte Tobias an der Wand. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben. Neben ihm der schlaksige, schwarzhaarige Junge aus dem Café in Aljezur. Er sah Silvia, die ein Poster entrollte und es mit verzücktem Blick betrachtete. Wilfried, einen FC-Köln-Schal um den Hals geschlungen, guckte ihr über die Schulter. Wilfried? Was machte Wilfried hier? Mit dem Rücken zur Glaswand stand ein Mann in einem bunt karierten, kurzärmeligen Hemd. Sein Gesicht war nicht zu erkennen. Der Einbrecher. Es musste der Einbrecher sein. Er hatte die Bläck-Fööss-Cd dem Hamburger übergeben.
Er würde das Überraschungsmoment nutzen, die Tür aufreißen und … Er zuckte zusammen, als das alte, schwarze Kastentelefon auf dem Tisch klingelte. Ein Mal, zwei Mal … niemand nahm ab.
Kajo schreckte aus seiner liegenden Position hoch, fühlte sich sekundenlang orientierungslos. Das Klingeln. Auf dem Beistelltisch neben dem Bett vibrierte und schepperte sein Handy. Irgendwann hatte er aus einer Laune heraus das Läuten eines antiquierten Wählscheibenapparates eingestellt. Es konnte nicht gerade Tote, aber tief Schlafende aufwecken. Er nahm das Gespräch an und schlurfte danach laut gähnend auf die Terrasse.
„Wer war dran?“, fragte Adelina neugierig aus ihrem Liegestuhl.
„Der Computerladen. Mein Laptop ist fertig. Es waren nur ein paar lockere Kontakte. Nichts Großes. Ich fahre am Besten gleich mal runter. Auf dem Weg kann ich dann auch noch einkaufen.“
„Heißt das, du machst heute das Abendessen?“
„Hm“, brummte Kajo.
„Was gibt es denn Schönes?“
„Tja“, war seine lapidare Antwort. Adelina hielt das für Koketterie, aber es war die Wahrheit. Er wusste es noch nicht genau. So planvoll er sonst im Leben vorging, beim Kochen ließ er sich treiben. Mal sehen, was er aus dem, was er mitbringen würde und was sich noch so alles im Kühl- und Vorratsschrank tummelte, unter Zuhilfenahme verschiedener Kräuter und Gemüse aus dem kleinen Bauerngärtchen hinter dem Haus zaubern ließ. In den Jahren seines Singlelebens war ein ordentliches Baukastensystem an Zubereitungsweisen und Geschmackskombinationen entstanden, das in der Regel zu schmackhaften und oft auch gesunden Mahlzeiten führte und ihn vor der täglichen, depressiven Einöde des Angebots der Polizeikantine oder dem überschaubaren Einfallsreichtum irgendwelcher Imbissbuden bewahrte.
Er ging in der Kocherei auf. Wenngleich er sich nicht als ambitionierten Hobbykoch betrachtete und keinesfalls den Ehrgeiz entwickelte, den die vielen mehr oder minder talentierten Köche an den Tag zu legen schienen, die im Übermaß die Fernsehkanäle bevölkerten.
Für ihn war Kochen eine Form der inneren Einkehr. Momente, in denen seine Sinne sich schärften. Aber auch eine Zeit, in der er seine Gedanken treiben lassen konnte. Kreative Muße.
Erst nach einer geraumen Weile des Zusammenlebens hatte sich Adelina damit abfinden können, in solchen Momenten nicht erwünscht zu sein. Sie störte dann. Immerhin aber glich den Ausschluss seine Angewohnheit aus, die Küche in einem fast jungfräulichen Zustand zu hinterlassen. Und natürlich, dass das Produkt seiner Arbeit in der Regel außerordentlich schmackhaft war. Erfüllte einmal eine Kreation nicht ihre Erwartungen, gingen sie gemeinsam und lachend zum Essen in das nächste Restaurant. Kurz, er war ein Koch, dessen Eitelkeit sich in Grenzen hielt.
Nachdem Kajo von seiner Tour zurückgekommen war, gönnte er sich eine Kaffeepause auf der Terrasse, bevor er sich in seine Küche verzog. Adelina, die wusste, dass er jetzt für längere Zeit nicht ansprechbar sein würde, verschwand mit einem dicken Buch in ihrem Liegestuhl.
Portugal, du Land der Plastiktüten, dachte er wieder einmal, als er seine Einkäufe auf der Arbeitsplatte ausbreitete. Wie Deutschland in den sechziger und frühen siebziger Jahren, bevor die aufkommende Ökobewegung mit dem Motto
Jute statt Plastik einen tief greifenden Bewusstseinswandel eingeleitet hatte. Diese veränderte Einstellung hatte den Südwesten Europas auch Jahrzehnte später noch nicht erreicht. So wurde weiterhin beinahe jeder Artikel in farbenprächtige Vielfalt eingepackt.
Eine lindgrüne Plastiktüte enthielt drei Süßkartoffeln. Die Verkäuferin hatte ihm erklärt, dass Süßkartoffeln aus der Region Aljezur eine besondere Spezialität seien, die er unbedingt probieren müsse. Sie konnte ihm aber nicht sagen, wie man sie am Besten zubereitet.
Im Ofen backen, kochen oder braten
, war die wenig hilfreiche Information.
Er brachte weitere Plastiktüten mit Zitronen, ein paar Zwiebeln, dreihundert Gramm Rinderhackfleisch und einem Stück Räucherspeck zum Vorschein.
Außerdem zwei Dosen Katzenfutter und ein Paket Trockenfutter für die schwarz-weiße Katze, die den Zitzen nach zu urteilen irgendwo in der Nähe Junge säugen musste. Jeweils zu Beginn der Dämmerung hatte sie sich in den vergangenen zehn Tagen herangepirscht und energisch ihre Futterration eingefordert. Gestern war sie nicht aufgetaucht, erinnerte er sich. Vermutlich wegen des Feuers und des Besuchs. Er hoffte, dass ihr nichts passiert war. Obgleich sie noch keinen Namen hatte und sich beim Versuch, sie zu streicheln, fauchend in das Gebüsch aus dem sie kam, zurückzog, so war sie doch schon
ihre Katze geworden, um die sie sich sorgten.
Noch formte sich keine Idee für ein Abendessen. Ein Blick in den Kühlschrank, ein weiterer in den Schrank mit den Vorräten für alle Fälle, ein kurzer Ausflug zum Kräutergärtchen im Halbschatten hinter dem Haus und eine Vorstellung begann sich in seinem Kopf zu regen. Die Süßkartoffeln wollte er zu Bratkartoffeln verarbeiten, aus dem Hackfleisch kleine gefüllte Frikadellen machen und dazu einen Salat aus frischen Gartentomaten. Eine halbe Stunde Meditation an Pfanne, Mörser und Schneidebrett.
Während er die urtümlich anmutenden Knollen der Bataten schälte und das gelbe Fruchtfleisch in halbe Zentimeter große Würfel schnitt, schweiften seine Gedanken immer wieder ab. Wirr und gleichzeitig Verknüpfungen suchend. Bilder verkohlter Baumleichen in einem Tümpel aus pechschwarz glänzendem Löchwasser-Ascheschlamm wechselten mit wiedergekäuten inneren Dialogen, mit Sequenzen, gemischt aus Nachmittagstraum und Realität, in denen die Personen, denen er in den letzten beiden Tagen begegnet war, auf skurrile Weise miteinander verflochten waren. Was hatte das alles zu bedeuten? Deutete er Zusammenhänge in die Geschehnisse, die es gar nicht gab? Möglicherweise. Wäre da nicht der Einbruch in ihr Haus gewesen. Dadurch waren Adelina und er Teil der Geschichte geworden. Nun fühlte er sich herausgefordert. Er musste das Passwort von Tostedts CD knacken.

Sonnenblumen- oder Olivenöl? Er entschied sich für eine Mischung, die er in einer schweren Eisenpfanne mit einigen Zweigen Rosmarin, einer kleinen Piri-Piri (eine teuflisch scharfe und aromatische rote Pfefferschote) und zwei mit Schale zerdrückten Knoblauchzehen erhitzte. Den aufsteigenden Duft sog er tief ein, bevor er die Kartoffelwürfel dazugab und das Ganze großzügig mit Meersalz würzte.
In einem Steinmörser zerrieb er eine weitere Knoblauchzehe mit Petersilie, einigen Thymianblättchen, drei Pfefferkörnern und Olivenöl zu einer zähen Paste, in der er Würfel eines schon leicht angetrockneten, runden Schafsmilchkäses vom Bauernmarkt marinierte.

Dieses Gericht, schmunzelte er in sich hinein, hätte ich damals, vor meinem letzten Besuch beim Polizeipräsidenten essen sollen. Bilder von seinem Dienstabschied stiegen in ihm auf, von dem nicht enden wollenden Händeschütteln, von den ehrlich gemeinten Wünschen und den von Floskeln strotzenden Lobreden, deren Zwischentöne verrieten, dass so mancher aufatmete, ihn, den Querkopf, endlich los zu sein.Was für einen unvergesslichen Akzent hätte hier eine ordentliche Knoblauchfahne gesetzt!

Immer wieder schwenkte er die Bratkartoffeln, damit sie nicht ansetzten, und fischte die Piri-Piri aus der Pfanne. Schärfe ist schön, aber zu viel konnte vor allem Adelina den Genuss verderben.
Das Hackfleisch wurde zu einer klassischen Frikadellenmasse, aus der er in der Handfläche kleine Kügelchen formte – jede Kugel mit einem Stück mariniertem Käse in der Mitte.
In einer zweiten, schon etwas verbeulten Pfanne bekam das Fleisch seine würzige Kruste. Der Tomatensalat war schlicht: drei kleinere Tomaten, sorgfältig gewaschen, nachdem er sich an dem unvergleichlichen Duft der sonnengereiften, frisch gepflückten Früchte berauscht hatte, in Scheiben geschnitten, auf einem Teller angerichtet und vor dem Servieren nur mit etwas Balsamessig, Olivenöl, Pfeffer und Salz gewürzt.
Die Bratkartoffeln waren schon fast zu gar, und die Süße dominierte. Etwas Schärfe aus der Pfeffermühle kompensierte diesen vorherrschenden Geschmack.
Er ging über die Terrasse zu Adelina, die tief in ihr Buch versunken schien.
„Es ist soweit!“
„Ich komme sofort!“ Noch ein wenig abwesend folgte sie in die Küche und hob die Nase schnuppernd in die von Aromen durchzogene Luft. „Wenn ich nicht schon Hunger hätte, würde ich ihn jetzt bekommen“, sagte sie und schnalzte mit der Zunge.
Während sie den Tisch vorbereitete, machte er zwei Teller fertig und beseitigte die Spuren seiner Arbeit.
Das Essen begann schweigend, und Kajo beobachtete mit Genugtuung, wie sich Adelinas erwartungsvoller Gesichtsausdruck in kurzer Zeit in strahlende Zufriedenheit verwandelte. Obwohl sie heute zum zweiten Mal Frikadellen aß. Der gekühlte rote Landwein, den sie als Gegengeschenk zu dem gesammelten trockenen Brot für die Esel von ihrem Nachbarn bekommen hatten, löste die Zungen. Bis zum Kaffee, den Adelina in einer italienischen Espressokanne auf dem Herd kochte, gingen sie die vergangenen Ereignisse noch einmal durch, zurückhaltend, fast scheu, als wollten sie das dunkle Unbekannte, das sich an sie herangeschlichen hatte, für den Rest des Tages aussperren.

Copyright Frabz Bludau und Christoph Höver

Kapitel 12-2 – PDF

Über algarvekrimi

Christoph Höver (geb. 1949 am Niederrhein); 1967 Abitur und Studium (Jura, Pädagogik); 1973 Lehrerexamen und dann bis 1978 Schuldienst (Beamter auf Lebenszeit). Flucht vor der Perspektive eines lebenslang vorgezeichneten Wegs. Eröffnung eines kleinen (aber sehr bekannten) Cafés in der Kölner Südstadt, eines Live-Jazzclubs, Organisation von mehreren Open-Air Festivals (Jazz, Blues, Latin), Arbeit als freier Journalist (Zeitschriften, Deutschlandfunk und WDR-Radio, Autor und Realisator von verschiedenen Beiträgen für das WDR-Fernsehen), Küchenchef im Restaurant seiner Ehefrau, Programmverantwortlicher und Gesellschafter der Rheinterrassen/Tanzbrunnen GmbH in Köln, die den privatisierten städtischen Veranstaltungspark in Nachbarschaft der Kölner Messe betrieb. !997/98 Verkauf der Anteile und Umsiedlung nach Portugal (Fuzeta/Ostalgarve), wo er bis 2010 mit seiner Frau das Restaurant „La Plage“ betrieb. Neben der Arbeit im Restaurant Autor von fünf Kinderbüchern, von denen das erste auf der Frankfurter Buchmesse 2011 vorgestellt wird („Der kleine Seehund in Seeland“ - Verlag Gebrüder Kornmayer, Rödermark). Franz Bludau, geboren 1949 in Vlotho/Weser, studierte Philosophie und Germanistik in Münster/Westf., Mainz und Berlin. Nach dem Examen war er einige Jahre in der Jugendhilfe, u.a. als Heimleiter tätig, arbeitete danach als Autor für Wirtschaft, Politik und Verlage. 2001 veröffentlichte er zusammen mit Lothar Lienicke im Stamp Media Verlag, Kiel, Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger. Das Buch erschien 2003 als überarbeitete Neuauflage im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.. Die 2. Auflage wurde 2008 herausgegeben. Mitarbeit an der TV-Dokumentation Gegen die Grenze (RBB 2004) sowie an dem TV-Spielfilm Die Todesautomatik (ZDF 2007). Franz Bludau lebt als freier Autor in Preetz (Holstein).
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